Unterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 198. Dienstag, den 12. Oktober. 1909 (Nachdruck verbolw.) 8]„Soldaten fein fchönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer. 7, Hau das Knochengestell krumm, Volterl" rief Beck. Volter sah sich gezwungen, kräftig zuzuschlagen. Mietzschke keuchte. Er merkte, daß er der Schwächere war. Mit einem plötzlichen Ruck lag er mit dem Rücken auf dem Boden. Alle Rekruten freuten sich darüber, denn keiner mochte ihn leiden. „Sol Laß Dir das zur Warnung dienen!" rief Volter. Heulend vor ohnmächtiger Wut, stand Mietzschke vom Boden auf und fühlte sich so beschämt, daß er. ohne ein Wort zu sagen und ohne einen anderen anzusehen, seine Sachen ordnete und die Stube verlies. Die Putzstunhe war beendet, und die Stubendiensthaben- den der einzelnen Korporalschaften hatten Kaffee empfangen. Beim Unteroffizier Beier im Verschlag war Sergeant Schneider von der Nebenstube und unterhielt sich mit ihm. Die Rekruten saßen beim Abendbrot. Beck hatte sich das für ihn angekommene Postpaket aus dem Kontor geholt und war eben dabei, mit größter Freude diese Sendung von da- heim, ihrer Hülle entledigt, auf dem Tische in Augenschein zu nehmen. Sorgfältig legte er den Inhalt auf die Tisch - platte, in Zeitungspapier eingeschlagene Würste, Kuchen, Butter und einige Aepfel. Lüstern schielten alle Rekruten am Tisch nach der Gegend, wo Beck glänzenden Auges in feinem Besitz herumkramte. Weidemüller freute sich schon heimlich; denn er wußte, daß er, wie jedesmal, etwas zu- geschoben bekam. Mietzschke war seit der Hauerei mit Volter ziemlich kleinlaut geworden. Volter und Beck waren die zwei feiner Korporalschaft, die er haßte. Innerlich neidisch auf Becks Freude, tat er so, als ob ihn die vor Beck liegenden Sachen, die jedem Soldaten als tröstende Linderung seines mühseligen Kommißlebens gelten, gar nicht tangierten. Flüchtig ließ er seinen Blick iiber den Tisch schweifen. Plötz- lich stutzte er. Interessiert blickte er das Papier an, in das Becks Eßwaren eingewickelt waren. „Beck," rief er absichtlich laut, daß es alle hören mußten, „Du hast ja Deine Wurscht im„Vorwärts" eingewickelt. D» bist wohl Genosse?" Kaum hatte er das ausgesprochen, als auch schon Sergeant Schneider den Kopf aus dem Verschlag steckte und sah, wie Beck, dunkelrot im Gesicht, Mietzschke einen wütenden Blick zuwarf. Alle Rekruten hatten das bemerkt, und in der momen- kanen allgemeinen Verlegenheit wagte keiner ein Wort zu sagen. Sie verstanden die Absicht, in der Mietzschke das ge- sagt hatte, und vorwurfsvolle Blicke trafen ihn von allen Seiten. Besonders, da es gerade Sergeant Schneider gehört hatte, von dem sie wußten, daß es der strengste der Kompagnie sei, der alles gern meldete. Beck merkte in der nächsten Zeit, daß die Behandlung, die er von seinen Vorgesetzten erfuhr, sich geändert hatte. Früher galt er als guter Exerzierer— jetzt machte er nichts mehr recht. Die Unteroffiziere sahen ihn mit scheelen Blicken an, und wenn es irgendeinen Extradienst gab, war er dabei. Einige Rekruten nutzten das aus. Kam irgend etwas vor, wurde es einfach auf Beck geschoben: es wurde von den Unter- offizieren gern geglaubt. Beck tat seinen Dienst und ließ sich nichts zuschulden kommen. Die Geschichte mit dem„Vorwärts"- Papier wußten bald alle Soldaten der Kompagnie. Auch die Alten hatten es erfahren. Dem Rekruten Beck, den sie nun dadurch näher kennen gelernt hatten, sahen sie vieles nach. Wenn er in eine Korporalschaftsstube der Alten mußte, brauchte er nicht erst um Eintritt zu bitten. In der Hand- Werkerstube brauchte er nicht zehn Pfennige Trinkgeld zu geben, wenn er etwas ausgebessert haben wollte, und konnte überhaupt mit der Zeit viel ungenierter mit den Alten ver- kehren. Mietzschke dagegen wieder machte es den Vorgesetzten recht und wurde von den Alten schikaniert. , Beim Verteilen der Wittags rationen stand regelmäßig an dem Fleischblech ein Alter, der jedem Soldaten ein Stück Fleisch auszuhändigen hatte. Mietzschke bekam fast täglich das schlechteste Stück. Entweder war es nur Fett oder das kleinste, das im Blech war. Wütend kam er dann damit aus seiner Stube an und schimpfte auf die alten Knochen. „Schon wieder so ein Fettballen I" rief er zornig, als es gerade Erbsen gab und er, mit einem großen Stück wabblichen Fettes auf der Suppe, in seiner Stube ankam.„Diese Hunde machen mirs zum Schure! Am liebsten möchte ich ihnen den ganzen Napf an den Schädel schmeißen." Grcskser bereitete dieser Zorn Mietzschkes große Freude. Er mochte das„Großmaul", wie er sagte, auch nicht leiden. Nachdem Mietzschke einigemal in seinem Napf herum- gestochert hatte, sprang er plötzlich auf.._ „Das Zeug sollen sie selber kauen!" Damit warf gr die Schüssel mitsamt dem Inhalt mit voller Wucht auf den Boden. daß es krachte und die Scherben sich mit dem Brei mischten. Alle Rekruten der Stube brachen in lautes Lachen aus. Mietzschke mußte danach die Stube wieder hübsch sauber machen und hatte das Vergnügen, sich einen neuen Eßnapf zu kaufen. « Weihnachten rückte immer näher heran. Der sandige Kasernenplatz war hart gefroren. Ein eisiger Wind pfiff durch die alten Festungswerke. Bei starker Kälte wurde mit großen, schwarzen Fausthandschuhen und Ohrwürmern exer- ziert. In den Stuben war es auch ziemlich kalt. Sergeant Kohlmann von der elften Kompagnie verabreichte in seiner Eigenschaft als Fourier nur so viel Kohlen an die Korporal- schaften, als gerade zum Wärmen der eisernen Ocfen nötig war. Unteroffizier Beier war auf ihn nicht gut zu sprechen. Wiederholt schickte er den jeweiligen Stubendicusthabenden zum Kohlcnempfangen, was nur selten von Erfolg war. Mietzschke, um sich beim Korporalschaftsführer beliebt zu machen, wußte sich Kohlen zu verschaffen. Woher er sie hatte, interessierte Unteroffizier Beier wenig. Die Hauptsache war, daß die Stube warm wurde. Mit großer Aufregung unter den Rekruten begannen die Schießübungen auf dem Schcibenstand. Jeder setzte sein bestes Können ein: denn sie wußten, daß von ihren Schieß- leistungcn die weitere Behandlung abhängig gemacht wurde. Für viele galt der in Aussicht stehende Weihnachtsurlauh als Ansporn ihrer Aufmerksamkeit. Wie groß war die Freude der Rekruten, denen beim Dienstverlesen mitgeteilt wurde, ihr Urlaubsgesuch sei be- willigt worden. Beck und Wcidemüller von Volters Korporal- schaft mußten in der Garnison bleiben. Wie gern wären sie mitgefahren� � Oede und leer sah es während der Festwoche im Kom- pagnierevier aus. Eine Freiheit hatten die Zurückgebliebenen doch. Sie durften frei ausgehen— ohne Begleitung des Korporal» schaftsfllhrers.»«' Volter fühlte sich so erleichtert auf dem ersten Spazier» gange— ganz allein— am Nachmittage des ersten Feier- tags, daß er planlos über die verschneiten Felder schritt, die rings um die Garnisonstadt lagen. Tief atmete er auf. End- lich einmal eine Stunde, wo er keinen Kasernenhof sah, keine Festungsmaüern, keinen Dienst!... In gehobener Stimmung trat er den Rückweg an. In der Stadt tönte ihm aus einigen Bierlokalen der lärmende Gesang zurückgebliebener Soldaten(.-ntgegen, die beim Bier in heiterer Gesellschaft sich für den nichtbewilligten Urlaub entschädigen wollten. Bor einem besseren Cafö machte er Halt.„Das wäre eigentlich ein würdiger Abschluß Deines ersten Spaziergangs!" dachte er.„Aber wirst Du als gemeiner Soldat nicht Anstoß erregen in dem vornehmen Lokal?"„Ach was," sagte er sich,„Zeitungen werden sie schon Lttn haben, um die es mir nur zu tun ist." Der mit kleinen Marmor- tischen besetzte Raum war fast leer. Nur einige elegant ge- kleidete junge Zivilisten spielten Billard, die nicht wenig stutzten, als sie den gewöhnlichen Soldaten gewahrten. Volter genierte sich wenig. Mit einer waren Gier ver- schlang er die Neuigkeiten, die er in der bescheidenen Anzahl
Ausgabe
26 (12.10.1909) 198
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