Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 199.

Mittwoch, den 13. Oktober.

9] ,, Soldaten fein schön!"

1909

( Nachdruck berboten.) es Bier. Kein Zapfenstreich! Freie Nacht! Für Freibier ist da mancher brave Kamerad zu haben! Im Interesse des guten Stoffs fingt er wohl auch mal ein patriotisches Lied, das bei dergleichen Gelagen eine notwendige Folge ist. Dieser lärmende Patriotismus löst sich bloß beim ersten Ererzieren wieder auf wie blauer Dunst. Daß ich bei der ersten Ge legenheit, die sich bot, meinen Strohsack aufsuchte, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen.

Bilder aus Kaserne und Lazarett Von Karl Fischer.

Die Gesichter der vom Urlaub zurückgekommenen fruten waren beim ersten Dienst nichts weniger als heiter. Unteroffizier Beier war an dem ersten Tag zur Wache fom­mandiert, und seine Korporalschaft mußte Sergeant Schneider übernehmen. Der Leutnant, dem Volter durch seinen Urlaubs­verzicht Interesse eingeflößt hatte, rief ihn während des Dienstes zu sich.

Warum sind Sie nicht auf Urlaub gefahren?" fragte er ihn. Hatten Sie kein Geld?"

Ich hatte Geld, Herr Leutnant." Nun, warum nicht?"

Weil mirs zu weit war auf fünf Tage." Haben Sie Verwandte?"

Nähere nicht."

Wo wären Sie denn hingefahren?"

Zu meiner Braut."

Ist die hübsch?"

shiFür mich genügend!"

So!

Treten Sie ein."

Als er wieder zur Korporalschaft zurüdgekommen war, fragte ihn Sergeant Schneider neugierig: Was wollte denn der Leutnant von Ihnen?"

Er fragte mich, wie mirs geht, Herr Sergeant!" Volter dachte, wenn ich so tue, als ob sich der Leutnant für mein Befinden interessiert, wird mich vielleicht Sergeant Schneider mit einer größeren Achtung behandeln.

Bolter erwiderte ruhig den heimtückisch stechenden Blick, der dem Sergeanten eigentümlich war.

Beck hatte unter Sergeant Schneider viel auszustehen. Beim Chargieren des Gewehrs war er derjenige, der nichts richtig machte. Die anderen Refruten ließ er nach einer Weile rühren und ließ Bed allein üben. Er rief ihm so schnell hintereinander die Kommandoworte zu, daß Beck mit Sem Ueben kaum folgen fonnte. Dabei stand er ganz dicht vor ihm und schrie mit seiner gellenden Stimme auf ihn ein. Plötzlichob Versehen, ob Absicht vorlag glitt dem Beck das Gewehr nach vorn aus der Hand und stieß Sergeant Schneider mit der Laufmündung gerade in die Magengegend. Ganz perplex stand dieser eine Weile da und rang nach Atem. Keinen Ton sagte er und ließ weiter üben. Dabei blickte er Beck an, als ob er ihn verschlingen wollte.

Beim Parademarschüben im einzelnen rächte er sich. Beck mußte immer wieder im Galopp zurück. Dann übte er mit ihm allein: Hinlegen! Sprung! Auf! Marsch marsch!" Hinlegen! Sprung! Auf! Marsch marsch!"

-

Bis Beck der Schweiß vom Geficht lief.

Der hundert Schritt entfernt stehende Leutnant blickte einmal flüchtig hin. Wie er fah, daß es Beck war, wandte er sich gleich wieder ab.

Als sich Bed kaum noch auf seinen Beinen halten fonnte, ließ ihn der Sergeant wieder ins Glied treten. Ich werds Ihnen beibringen!" rief er ihm ganz nahe ins Gesicht. Sie Dreckhammel! Was glauben Sie, wer Sie sind? Sie Sau­taffer. Nehmen Sie fich in acht, Sie Früchtel, daß ich Sie nicht noch ins Loch bringe!"

Der erschlafft dastehende Beck ließ alles geduldig über sich ergehen.

Meine liebe Grete! Besten Dank für Deinen Tetten Brief. Es ist zu klein, zu nichtig, Dir mit Worten für Deine Sendungen Dank zu sagen. Wir haben uns beide verbunden. Wir wurden getrennt, aber nicht für immer. Nur Geduld! Die zwei Jahre werden schnell borübergehen, glaube mir. Jetzt habe ich mich schon halb und halb an meine Umgebung gewöhnt. Mag kommen, was will, ich halte aus.

Bor einigen Tagen war Raisers Geburtstag. Nach meines Leutnants Ansicht der einzige Tag im Jahre, an dem sich der Soldat betrinken kann. Auf Regimentsunkosten gab

Die mit banger Sorge von meinem Leutnant erwartete Rekrutenvorstellung hat gestern ihren Abschluß gefunden. Einige Tage vorher war alles in größter Tätigkeit. Was mußte da alles gepußt und hergerichtet werden. Gestern be­kam unser Leutnant beinahe das Zittern vor Aufregung und Angst, ob nun die ganze Komödie zur Zufriedenheit des Obersten flappen würde. Es wollte aber durchaus nicht flappen. Einzelne sogenannte" Krummböcke", a la Greskjer und Weidemüller verschandelten ihm das ganze Bild. Bei der Instruktionsbesichtigung kämpfte der Leutnant in unruh voller Ehrfurcht vor seiner Leistung mit einer momentanen Gedächtnisschwäche. Er stellte manchmal solche Fragen, daß der Oberst einschreiten und ihm andeuten mußte, die Fragen feien für die Rekruten zu kompliziert; er müßte es ihnen leichter machen.

Nach der Vorstellung teilte uns der Hauptmann die große Zufriedenheit des Obersten mit und gab uns bekannt, daß das Bataillon in Anerkennung der tüchtigen Leistungen der Mannschaft der elften Rompagnie ein Faß Bier zum besten gegeben habe. Wie mir einer vom alten Jahrgang er zählte, ist die Bierspende eine alljährlich wiederkehrende Er­scheinung.

Die Rekrutenzeit ist vorüber, und jetzt beginnt das all­gemein gefürchtete Kompagnieererzieren. Die Alten und die Rekruten durcheinander vermengt in Reih und Glied. Die Rekruten sollen dabei üble Erfahrungen machen. Ich bin auf alles gefaßt, und gar so schlimm wird es schon nicht werden. Ich soll ein guter Ererzierer fein, wie mein Korpo­ralschaftsführer sagt, und werde auch weiter meinen Mann zu stellen wissen. Sorge Dich nur nicht um mich.

*

Herzlichst, Dein Beit."

Der Sonntagsappell hatte von nun ab für die Rekruten eine ganz andere Bedeutung. Täglich mußte die ganze Rom­pagnie unter dem Hauptmann ererzieren. Bei der Rekruten­ausbildung hatte er sich nur vorübergehend auf dem kleinen Ererzierplaze sehen lassen. Jetzt hörten die Rekruten jeden Bormittag die laute Kommandostimme des Hauptmanns. Jedem Rekruten fuhr sie in die Knochen, wenn er beim Erer­zieren seinen Namen rufen hörte. Man wußte, daß es bei jedem Versehen oder Nichtaufpassen als Strafe eine halbe Stunde Nachererzieren gab. Nach jedem Namensaufruf hörte man das bekannte: Feldwebel! Schreiben Sie ihn auf!" Der Feldwebel stand immer mit seinem Notizbuch in der Hand in der Nähe. Nach dem Einrücken in die Kaserne war anschließend Extradienst für die Aufgefallenen". Beim Sonntagsappell wor Generalübersicht über die Ereignisse in der Kompagnie während der vergangenen Woche. Manchem Refruten Klopfte das Herz, wenn er vorgerufen wurde. Beck gehörte fast regelmäßig zu denen.

Sergeant Schneider hatte dem Hauptmann Meldung er­stattet, daß Bed sich am vergangenen Sonnabend nachmittag während des Revierreinigens in der Kantine aufgehalten hatte.

Drei Tage Mittelarrest!" diktierte der Hauptmann. Noch am Sonntagmittag abzuführen."

Die erste Arreststrafe unter den Rekruten. Von dem Arrest hatten alle noch nicht Bestraften eine heilige Scheu. Wie ein großer Verbrecher tam sich Bed vor. Selbst seine gleichaltrigen Kameraden blickten ihn von der Seite an und vermieden es, mit ihm zu sprechen, während er wieder unten in der Stube war und sich zur Strafe vorbereitete. Schweigend pacte er seine vorschriftsmäßigen Sachen zum Arrest.

Na, Hans!" tam sein bester Bekannter, Lückelt, vom älteren Jahrgang zur Tür herein. Haste Dei Krämche 3'samme? Mach Dir nur nir draus. Is gar nich so schlimm! Für mich is das Kittche Erholung geworde. Man g'wöhnt