Unterhaltungsölatt des vorwärts Nr. 201. Freitag, den 15. Oktober. 1909
LNachdruS tzerboken.) tu„Soläaten fein fchönl" �Bilder aus Kaserne und Lazaretk. Von Karl Fischer. Volter war nicht wenig überrascht, als er nach zwei Stunden, als das Turnen zu Ende war, auf dem Rasenplatz nur seinen Rock vorfand. Seine Hose war verschwunden I Der Rock war schön in der Zeit getrocknet, fix und fertig zum Appell. ..Donnerwetterl Was mache ich nun?" sagte er sich. Die Hose kann doch nur gestohlen sein! Aber die ganze Kom- pagnie hatte doch Dienst? Wer könnte denn das getan haben?" „Soll ichs dem Korporalschaftsführer melden?" fragte er Beck, als er wieder auf seine Stube gekommen war und ihm diese Neuigkeit mitgeteilt hatte. „Der kann Dir auch keine geben," antwortete Beck.„Du kannst höchstens noch gemeldet werden, weil Du so leichtsinnig warst und Deine Sachen ohne Aufsicht hast liegen lassen." „Was soll ich nun machen?" „Ja, da ist guter Rat teuer." „Glaubst Du, daß sie gestohlen Ivorden ist?" fragte Voltcr. „Aber selbstverständlich!"■ „Wer kann sie denn genommen haben?" „Wer weiß? Mir ist auch mal eine Drillichhose weg- gekommen. Ich hatte zweimal meinen Namen eingenäht. Einen oben am Bund, daß ihn jeder lesen konnte, und einmal unten in den Saum des linken Hosenbeins, damit ich be- weisen konnte, daß sie mir gehörte, wenn ich sie bei einem anderen entdeckte, der sie gestohlen hatte." „Und— hast Du sie wiedergefunden?" „Ich hatte meinem Freund Lückelt erzählt, und ihm genau beschrieben, wie sie aussieht. Nach ein paar Tagen sagt er mir. daß er sie auf der Kammer entdeckt hatte, wie er einmal zur Kammerarbeit kommandiert worden war." „Hier? In unserer Kompagniekammer?" >,�>a. „Wußte ers denn genau?" „Er hatte ja den Namen gefunden im Hosenbein.'' „Was bast Du dann gemacht?" „Nichts! Wenn ichs gemeldet hätte, wär mirs bloß noch trauriger ergangen als so. Ich habe mir dann eine andere gekauft." „Ich werds auch so machen," sagte Volter entschlossen. '„Denn wenn ich sie heute abend zum Appell nicht habe, falle ich auf und werde vielleicht bestraft. Aber wo kauft man denn die?" „Bei Vollhauer. Gleich rechts, wenn Du zum Tor hin- auskommst in der Salzgasse. Mach aber schnell, daß Du zur Putzstunde wieder da bist. Zieh Deinen fünften Anzug an und beeile Dich." Eine Viertelstunde später stand Volter in dem spelunken- haften kleinen Laden des Altwarenhändlers Vollhauer. Aus einem zusammengeworfenen Haufen alter Kommißhosen wies ihn dieser an, nach Wunsch auszusuchen. Wie groß war Wolters Erstaunen, als er in der ersten Hose, die er in die Hand nahm, seine eigene wiedererkannte. „Wie kommen Sie denn zu dieser Hose?" fragte er den Vollhauer, der mit seinem ausgemergelten Wucherergesicht ihm gleichgültig zusah. „Wie soll ich dazu kommen? Ich habe sie gekauft wie alle anderen." „Das ist nämlich meine Hose, die ich heute mittag erst gewaschen habet Sie ist jetzt noch etwas feucht." „So?— hm— das kann jeder sagen." „Aber ich werde doch meine Hose wieder erkennen! Der Name ist natürlich ausgeschnitten worden. Der Kompagnie- stempel auch. Wer hat sie Ihnen denn verkauft?" „Weiß ich. wie er heißt. Bei mir gehen täglich viele aus und ein." „Und wenn nun solche Sachen gestohlen sind?"
„Das weiß ich doch nicht!" antwortete Vollhauer, dem die Fragerei schon lästig wurde. „Was soll meine Hose kosten?" „Eine Mark." „Mir bleibt schon nichts anderes übrig, als zu bezahlen. Hier haben Sie Geld! Es wäre für mich bloß interessant, zu wissen, wer der Dieb gewesen ist." Zur rechten Zeit kam Volter in die Kaserne zurück. Während der Putzstunde nähte er seinen Namen in die Hose und malte mit Tinte den Kompagniestempel nach. Für ihn ging der Appell, dem der Hauptmann beiwohnte, glatt von- statten. Volter und Weiner sahen sich täglich, wenn sie sich auch nicht immer sprechen konnten. Auf dem großen Exerzier- platz, auf dem das Bataillon exerzierte, konnten sie sich oft im Vorübergehen unauffällig zuwinken. Abends nach dem Dienst holte Volter Weiner aus dem Revier seiner Kom- pagnie regelmäßig ab. Dann unterhielten sie sich in irgend- einem versteckten Winkel des Kasernements bis zum Zapfen» streich. Es entwickelte sich zwischen beiden eine aufrichtige Kameradschaft. In den Stunden ihres Beisammenseins waren die Sorgen des Alltags vergessen. Unter vier Augen fühlten sie sich frei vom Militärzwang und standen sich als Menschen gegenüber, mit gleichen Anschauungen und gleichen Zielen. Weiner war der ältere, und wenn Volter auch bitter» böse Erfahrungen in seinem bisherigen Leben zu verzeichnen hatte, so hatten sie doch lange nicht so auf ihn gewirkt wie auf Weiner. Volters praktischer Sinn half ihm über vieles hinweg, während Weiner noch halb im Banne seiner ein- seitigen Erziehung steckte und auch zum Träumen und Grübeln neigte. Er war froh, in Voltcr einen Menschen gefunden zu haben, der ihn verstand. Bei der Antipathie, mit der beide das Militärleben betrachteten, war ihnen ihr geistiger Ver- kehr eine Erlösung. Mochte der Dienst noch so bitter— die Erfahrungen im Kasernenleben noch so widerlich sein— ihre Ideale ließen sie sich nicht trüben. „Denk Dir," rief eines Abends Weiner dem Voltet freudig entgegen, als sie sich wieder trafen,„meine Schwester will mich nächsten Sonntag besuchen. Nur auf ein paar Stunden. Sie ist mit ihrer Herrschaft auf der Durchreise." „Da kannst Du Dich ja freuen! Wann hast Du sie das letztemal gesehen?" „Vor einigen Jahren. Damals auch ganz flüchtig. Wie ich Dir schon erzählte, bekam sie nach dem Tode meiner Mutter eine Gouvernantenstelle in einer vornehmen Familie. Seit dieser Zeit stehen wir in ununterbrochenem Briefwechsel. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ich mich freue, sie endlich einmal wieder zu sehen." „Zu welcher Stunde kommt sie am Sonntag?" „Sie schreibt, gegen Abend. Ich wxrde Sonntagsurlaub einreichen für alle Fälle. Vielleicht bleibt sie etwas länger. Das wird der erste Urlaub sein." „Du warst noch nie auf Urlaub?" fragte Volter erstaunt. „Zu wem sollte ich denn fahren? Bis jetzt war ich zu stolz, um Urlaub zu bitten. Nicht mal um Sonntagsurlaub. Erstens hatte ich kein Geld dazu— und dann meine Strafen. Ich stehe jetzt immer noch mit einem Fuß im Arrest. Bin gespannt, was mit meiner letzten Meldung wird. Beim letzten Appell, vorgestern, bin ich wieder aufgefallen. Ich soll dem Hauptmann gemeldet worden sein. Da werden mir wieder drei Tage blühen." „Und in Zivil bist Du nicht vorbestraft?" „Nie!" „Das ist ganz merkwürdig. Was im Zivilstande viel, leicht Mitleid hervorrufen würde, wird hier oft verhöhnt oder als Schande bezeichnet." „Wie meinst Du das, Volter?" „Sieh mal. Zum Beispiel in meiner Kompagnie. Me Soldaten wissen, daß Bertel, von der alten Mannschaft, vor seiner Dienstzeit drei Jahre Gefängnis wegen schweren Dieb- stabls hat verbüßen müssen. Als Soldat hat er sich nichts zuschulden kommen lassen und blieb ehrenhafter Soldat erster Klasse. Alle sind überzeugt, daß sie einen ganz abge- feimten Halunken als Kameraden anerkennen müsien. Brücke dagegen, nie vorbestraft, hatte sich vor nem Jahre durch seine