Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 211. Freitag den 29 Oktober. 1909

(Nachdruck bervolen.) si]Soldaten fein fchön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. Volters erste Krankenwache war bei einem Geisteskranken vom Festungsgefängenis. Das Lazarett hatte eine Abteilung für Militärgefangene des in derselben Garnison liegenden Festungsgefängnisses. Vor dem Zimmer, in dem derartig« Kranke untergebracht werden, steht mit scharf geladenem Gewehr ein Wachtposten. Polowsky, sochieß der Geisteskranke, hatte eine stark der- gitterte Zelle für sich, die eigens für solche Fälle hergerichtet war. Der wachthaoende Sanitätssoldat war vom Patienten durch ein dickes, mit einer verschließbaren Tür versehenes Holzgitter getrennt. Volter hatte ein beklemmendes Gefühl, wie er in diese Stube trat. Er erinnerte sich an seinen Rundgang im Festungshof vor dem Manöver, wo er noch als Musketier »nit dem Gewehr wachen mußte. Jetzt war er wieder in einem Käsig. Draußen vor der Tür ein Posten mit Gewehr und er drinnen zur Beobachtung des Kranken. Neugierig blickte'br durch eine Spalte des Holzgitters, um den Gefangenen zu sehen. Wie angewurzelt blieb er stehen > als er in dem Kranken den Gefangenen von damals wiedererkannte, der im Gefängnis in der Arrestzelle sitzen mußte. Verstohlen forschend sah Volter des Kranken Augen auf die Spalte gerichtet, durch die er lugte. Was wird das nun wieder für einer sein, der bei mir heute Dienst hat? Diese Frage las ihm Volter von seinem Gesicht. Die Fenster waren sehr klein, ganz hoch angebracht.und draußen mit fingerdicken Eisenstangen verschlagen, so daß das Sonnenlicht nur gedämpft die Zelle erhellen konnte. Seine Beklemmung wurde unwillkürlich größer, wie er des riesenhaften Menschen Augen starr forschend auf sich ge- richtet sah. Volters Blick überflog die ganze Gestalt. Wie er dasaß in dem blaugestreiften Krankenrock, der ihm viel zu eng war, mit struppigem Haupt- und Barthaar. Einen wüsten, wilden Eindruck machte er. Seine Augen verrieten nicht im geringsten, was in ihm vorgehen mochte. Sein fleischloses, knochiges Gesicht iiberspannte eine graubleiche mürbe Haut. Finster waren seine Augenbrauen zusammen- gezogen, und etwas wie Trotz las Volter aus den scharfen Faltenzügen, die von der breiten Nase zu den Mundwinkeln herabliefen. Der Moment aus dem Festungsgefängnis trat Volter wieder lebendig vor die Augen. Wenn er auch damals andere Kleidung trug und sein Haar nicht so lang war, sein Blick war derselbe. Daran hatte er ihn wiedererkannt. Unvergeß- lich waren ihm die Augen so hilflos und glanzlos, wie die eines bis zur Ermattung gehetzten Tiers. In feinem während der Dienstzeit schon oft und leicht erregten Gemüt stieg ein tiefes Mitleid auf, das ihm das Herz zusammen- Preßte. Jahrelang war er vielleicht in der Festung inhaftiert, dachte Volter. Und nun war er krank geisteskrank! Was hat der wohl von seinem Leben gehabt? Und welche Marter muß es ihm gewesen sein? Seufzend wandte sich Volter ab und nahm an dem Tische Platz, der für die wachthabenden Sanitätssoldaten bestimmt war. Lange saß er grübelnd da, die Hände auf dte Bücher gestützt, die er sich zum Lesen mitgebracht hatte. Die Haut schauderte ihm, der ganze Militarismus erschien ihm als ein fleischlüsternes Ungeheuer, das alles vernichtet, langsam auf- zehrt, wer nicht schlau genug ist, den Gefahren zu entgehen, oder zu schwach, um genügend Widerstand zu leisten. Seine bisherigen Erlebnisse durchwanderten hintercin- ander seine Erinnerung. Im Geiste las er aus jedem �Auge der Gemeinen nur Unwille, Zorn oder Schmerz auf jede Stirn war der Stempel der Gewalt gedrückt. Seine Phantasie malte sich den fortwährenden Krieg aus, den die Mann- schaften gegen ihre Peiniger führten. List gegen Zwang

und Gewalt! Freiheit! Freiheit! Vielleicht auf Jahr« hunderte noch Kampf.... Die Wache verlief ruhig und langweilig. Der Kranke sagte den ganzen Tag kein Wort. Entweder blieb er still aus seinem Bett liegen oder starrte zum vergitterten Fenster hinauf. Während der Essenszeit ging Volter furchtlos in best vergitterten Verschlag und reichte dem Kranken die vom Krankenwärter gebrachten Speisen. Automatisch schluckte dieser alles hinunter. Abends neun Uhr wurde Volter bis zum Morgen von der Nachtwache abgelöst, die aus zwei Santtätsschülern bestand. Pünktlich früh sechs Uhr nahm für Volter die Wache ihren Fortgang. Bis zur Visite verhielt sich der Kranke ebenso ruhig wie am Tage vorher. Auf die Fragen des Arztes gab er verwirrte Antworten. Sein Organ war tief und heiser und klang so unrein wie bei einem schweren Lungenkranken. Nicht lange hielt sich der Arzt bei ihm auf. Volter fragte er, ob etwas während der Wache vorgefallen sei, was diese? verneinte. Bis zur Ablösung, zwölf Uhr, ging die Zeit so monoton dahin wie vorher. Bornemann hatte die nächste Wache. ** An das Gleichmäßige des täglichen Dienstes hatten sich die Schüler bald gewöhnt. Der Arzt der inneren Station stellte an die Kranken täglich fast dieselben Fragen. Die verschiedenen Arten der Untersuchungen boten für die Schüler fast nichts Neues mehr. Neue Kranke kamen Geheilte gingen. Mit Weiner ging es immer schlechter. Das Fieber nahm beständig zu, und die körperlichen Kräfte immer mehr ab. Mit größter Erwartung sah Volter stets der Visite entgegen. Sollte er denn nun nicht bald Klarheit darüber bekommen, was seinem Freunde fehlte? Jede Untersuchung bereitete ihm eine neue Enttäuschung., Die Diagnose konnte eben noch nicht gestellt werden. Wie weh ihm diese Ungewißheit tat. Meiner verhielt sich zu allem apathisch. Schon konnte ihn nichts mehr freuen. In den Büchern, die ihm sein Freund gebracht hatte, blätterte er interesselos herum. Nur gesund wollte er werden um wieder frei zu sein! Heftige Schmerzen hatte er nicht. Nur eine entsetzliche. Mattigkeit lähmte seinen Körper. Seine Phantasie trieb mit ihm ein grausames Spiel. Wie glücklich wäre er, wenn er jetzt draußen lebte gesund und arbeitend! So anspruchslos wollte er sein. Mit der Befriedigung der geringsten Bedürfnisse wollte er sich zu» frieden geben! Hier lag er krank. Seine gleichaltrigen Kameraden hatten vielleicht schon das ganze Militärleben in den Armen der Eltern oder Liebsten vergessen. Nur er war an das Krankenlager gebannt. Dieser Gedanke marterte ihn, und machte ihn noch elender, als er schon war. Fiebernd und schwitzend wälzte er sich im Bett. Mit Grauen sah er dem unfreundlichen, gezwungenen Besuche des Arztes entgegen. Er bringt mir doch keine Gewißheit! fuhr es ihm durchs erhitzte Hirn. Zum erstenmal fühlte er wahren Neid, wenn ihm die Entlassung eines schon Genesenen bekannt wurde. Warum mußte er alles Schlimme erdulden? Seine zwei Jahre hatte er doch nun hinter sich. Warum fesselte das Schicksal gerade ihn an das Krankenbett? Sollte ihm denn nicht ein einziges Mal eine frohe Stunde schlagen? Wenn er nur wüßte, wohin als Kranker? Zu wem? Wie gern wäre er fort von hier, gleichgültig wohin, nur fort! fort! Nichts mehr vom Militär sehen und hören! Peinlich wurden ihm sogar die Besuche seines Freundes und dessen Braut. Sie konnten ihn nicht trösten. Kein Mensch konnte es. Für die liebevolle Mrsorge war er dankbar aber er war unzufrieden mit allem. Sein Denken erschöpfte ihn bis aufs äußerste.