Mnterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 228.
Mittwoch den 24 November.
1909
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(Nachdruck verbalen.)
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„Soldaten fein febön! Bilder aus Kaserne und Lazaretk« Von Karl Fischer.
,.Es kommt darauf an!" antwortete dieser.„Vor allem, wie es den Spinner verletzt hätte. Dann»väre er vielleicht bei schlimmerem Ausgang unter fünf bis zehn Jahren nicht weggekommen." „Wenn man bedenkt, durch einen Schlag fünf bis zehn Jahre!— Wie lange mußte Polowsky sitzen?" „Fünf Jahre," antwortete der lange Buchner. „Wie ist das eigentlich mit dem?" erkundigte sich Pröhl. >,Erst war er geisteskrank, und nun soll er einem Zivil- gefängnis überwiesen werden, bis seine Strafe zu Ende ist? 2)as kann ich mir Bar nicht denken." „Ja, das möchte, ich auch wissen!" sagte Sonapp.„Wenn er krank ist, warum muß er dann noch seine Strafe absitzen? Als militäruntauglich ist er anerkannt und kommt nicht mehr zu seinem Triwpenteil zurück— aber zum Abbrummen ist er gut genug." „Der hat's beim Kommiß traurig gehabt! Jetzt hat er's wenigstens hinter sich. Das Zivilgefängnis ist ihm lieber, als wenn er wieder in seine Kompagnie müßte." „Ich hätte auch ein Jahr Zivilgefängnis meinem ersten Dienstjahr vorgezogen!" rief Pröhl. Wie Volter vermutet hatte, ließ sich Sergeant Schneide.' mit ihm immer mehr in intime Gespräche ein. Auf einer im Garten versteckt liegenden Bank saßen beide und unterhielten sich. „Was sind Sie vorher gewesen, Herr Sergeant,, ehe Sie zur Unteroffiziersschule kamen?" „Ich wollte erst Tischler werden, aber mein Vater gab das nicht zu. Der wollte mich gleich los sein, nachdem ich mit der Schulzeit zu Ende war. Mein Vater war Witwer, wollte mich versorgt wissen und steckte mich in die Unteroffiziers- schule." „Also sind Sie unfreiwillig dazu gekommen?" „Zuerst ja. Aber wenn man so jung ist und so uner- fahren, lebt man in den Tag hinein, ohne viel an die Zukunft zu denken. Wenn man dann nichts sieht und nichts weiter hört als Militär, verwächst man so eng mit dem bunten Rock, man merkt es gar nicht." „Aber da Sie sich doch nicht selbst diesen Beruf gewählt haben, müssen Sie sich doch nie recht wohl gefühlt haben?" „Ich kenne einfach kein anderes Leben. Wenn ich Zivi- listen gesehen habe, erschienen die mir wie aus einer fremden Welt, die ich wenig verstehe.— Es sind wohl Momente gc- kommen, wo ich mich fragte: wozu das alles? Manchmal war mir das ganze Dasein verhaßt. Und dann rief einen der Dienst. Der sorgte schon dafür, daß man keine über- mutigen Gedanken faßte. Man tröstet sich auch auf das Ende der Dienstzeit. Nach zwölf Jahren ist man ja Militär- anwärter." „Da sind Sie also seit Ihrer Kindheit nie frei gewesen? Daß Sie tun' konnten, was Sie wollten?" „Nein. Ich habe auch keine Sehnsucht danach gehabt. Ich weiß die Freiheit nicht zu schätzen, weil ich sie nicht kenne. Solche Wünsche unterdrückt auch das Militärleben. Man hat kapituliert, und da gibt's nichts dagegen. Ich weiß nicht, woher ich die Meinung habe, ob ich sie mir selbst angeeignet habe oder ob sie mir gegeben worden ist durch das militärische Leben. Mir kam es immer so vor, als ob die Freiheit im Zivilleben gar nicht so beneidenswert wäre. Wenn alljährlich die Rekruten kommen, macht man sich ganz eigene Vor- stellungen von deren Freiheit." „Sie haben sich schon zu sehr in den Militärzwang hin- eingelebt!" „Kann sein, daß es so ist," antwortete der Sergeant, vor sich hinblickend. „Was müssen Sie seit Ihrer Kindcrzcit für ein Leben gehabt haben! Ich stelle mir das grauenhaft vor. Das sind doch die schönsten Jahre Ihres Lebens gewesen! Die Herr-
lichste Zeit des jugendlichen Uebermuts kennen Sie gar nicht. Sie kennen nur Abgeschlossenheit, Zwang. Immer gehorchen, immer aufpassen. Die Welt ist aber groß! Was kann man draußen erleben, erfahren! Trotz der Sorgen ums tägliche Brot, trotz der Mühen, Entbehrungen und Enttäuschungen ist es doch ein Leben. Ihr Dasein ist ein maschinenmäßiges Springen auf Befehl, wenn Sie auch über zwölf Mann als Korporal stehen! Tann— können Sie jetzt an Heirat oder Liebe denken? Erstens fehlt Ihnen das Geld, d.ann haben Sie auch keine Zeit dazu. Sie sind an Ihre Kasernenstube gebunden." „Es gibt aber auch viele Zivilisten, die—" „Die nichts haben, die können aber doch tun, was sie wollen! Aber Ihnen ist es verwehrt. Nach zwölf Jahren vielleicht, oder in den letzten Jahren als Feldwebel. In diesem Alter denkt man über Liebe schon ganz anders. Die schöne freie Jugendzeit mit ihrem Drang und Glück ist vorbei." „Sehen Sie, Volter, das allein hat mich unzufrieden gemacht. Nach Freiheit habe ich kein Bedürfnis gehabt, aber — nach Liebe. Mit keinem Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen— nicht mal mit bekannten Unter- offizieren. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich gerade Ihnen gegenüber offen bin. Mit Ihnen kann man über alles reden. Mit meinen Kameraden wage ich das nicht. Entweder verstehen sie mich nicht, oder sie lachen mich aus.— Ich habe oft Sehnsucht nach— nach Mädchenbekanntschaftcn gehabt— und ich habe oft gefunden, daß man als Unteroffizier direkt von vielen gemieden wird. Und diejenigen, mit denen ich verkehren konnte, waren auch danach. So traurig und öde, dumm! So kommt es, daß man in seinem Drang sich vergißt und— was ich jetzt bitter bereuen muß." „Das ist eben das Bedauerliche! Für Unteroffiziere ist das viel schwieriger als für Zivilisten. Liebe läßt Eure militärische Eristenz nur in seltenen Fällen zu. Da bleibt Euch der Ausweg— die Dirnen.— Auch vielen Gemeinen geht es so." „Da hatte ich mal einen Ehemann vor zwei Jahren in meiner Korporalschaft. Der war vielleicht ein Jahr der» heiratet. Der Mann tat mir ordentlich leid. In den ersten Tagen merkte ich gar nichts an ihm. Nach drei, vier Wochen hörte ich in meinem Verschlag, wie's um den stand. Fast keine Nacht konnte er schlafen. Wenn er schlief, phantasierte er laut, daß wir andern aus dem Schlafe geweckt wurden. Von Tag zu Tag wurde es mit ihm schlimmer. Einmal ist er sogar beim Dienstantritt früh ohnmächtig zusammengebrochen. Ich befahl ihm dann gleich, sich krank zu melden. Er kam ins Lazarett und wurde später als untauglich entlassen. Auch habe ich viele andere Erfahrungen gemacht als Korporal- schaftsfiihrer. Hauptsächlich bei den Rekruten. Auf alle möglichen Tinge kommen die Kerle." „Man darf das nie zu scharf verurteilen. Wenn die Leute so plötzlich aus ihrer Freiheit, ihrem Kreise und Be- rufe gerissen und in den Soldatenrock gesteckt werden, ist es ganz natürlich, daß sie an irgend etNJOs Schaden erleiden. Der durch den Kasernenausenthalt gewaltsam unterdrückte seruelle Drang sucht eine Erlösung. Da kommen die armen Kerle auf dumme, unsittliche Streiche. Schlimmer für sie halte ich es noch, wenn sie den Soldatendirnen in die Hände fallen und sich vielleicht eine.Krankheit holen." „Was soll man aber machen? Wenn diese Frauenzimmer nicht wären, käme man nicht auf den Gedanken, zu ihnen zu gehen." „Die werden eben als notwendige Ucbel betrachtet und geduldet." „Und unsereins muß die Folgen tragen?— Sagen Sie mal. Volter, sind Sie ganz gewiß, daß man wieder gesund werden kann?" „Ganz gewiß! Sie werden sicher das Manöver mit- machen." „Aber es wird so oft gesagt, gänzlich wäre das nie zu heilen. Nach Jahren würde das immer wieder kommen." „Nur bei denen, die sich vernachlässigen. Hören sie nur auf mich. Machen Sie alles, was der Arzt sagt, und wenn Sie wieder als geheilt entlassen sind, geben Sie genau auf sich Obacht. Sobald Sie wieder etwas merken, melden Sie