MnlerhaltMgsvlatt des �orivär!
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Nr. 230.
Freitag den 26. November.
1909
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iNachdru« berbsttn.) „Soläaten fem fckön!"
Bilder aus Kaserne und Lazaretk. Bon Karl Fischer. In einer stillen, dem Massengetriebe fernliegenden kleinen Schenke saß Volter am vorletzten Manövertag mit einigen bekannten Kameraden seiner und anderer Kompagnien. Der Zufall hatte es gefügt, daß er auf dem Weg ins Wirtshaus Bornemann traf, der sich ihm anschloß. Bornemann strahlte. Sein sonnenverbranntes Gesicht glänzte vor Wonne. Seine Feldmütze saß ihm ganz auf dem einen Ohr, daß sie jederzeit herunterzurutschen drohte. „Ich habe Dich den ganzen Abend gesucht, Volterl" sagte er, als er neben ihm saß.„Den letzten Manöverabend wollte ich noch in Deiner Gesellschaft verbringen. Morgen abend beim Abfahren kommen wir doch nicht zusammen. Wie gehts, alter Kollege? Seit vier Tagen habe ich Dich nicht gesehen!" „Du siehst jat Ich freue mich auch mit, daß es nun bald AU Ende ist.",, „Mensch, ich werde vor Freude noch blödsinnig! Kollegen!" rief er dest anderen zu.„Sauft zu! Eine Runde bezahle ich! Gestern habe ich von daheim mein letztes Manövergeld bekomnien!" Ein allgemeines Jubelgcheul ertönte als Dank auf solch «in Anerbieten. Schnell wurden die auf dem Tisch stehenden Gläser ausgetrunken. „Aber Volter, sei doch ein bißchen fidcler! Denk doch, noch einen Tag!" „Laß nur, Bornemann! Ich freue mich auch so mit Euch." „Prost!" ertönte es im Chorus.„Auf Dein Wohl, Du Lazarettbummler!" „Prost, Ihr Tippelbrüder!" rief Bornemann zurück.— „Wollt Ihr meine neueste Geschichte hören?" „Du hast wohl gestern Schnaps in Deiner Feldflasche gehabt?" lachte Beck von Volters Kompagnie. „Das fehlte gerade noch! Ihr könnt froh sein, wenn �ch Euch Wasser nachschleppe. Ne— aber mit meinem Leut- nantl Dem habe ich es beigebracht. Mein Leutnant kann mich nämlich nicht leiden. Schon vom vorigen Jahr her. Bis vor drei Tagen habe ich doch keinen Appell mitgemacht. Ich werde mich hinstellen als Sanitätsgefreiter und meine Brocken begaffen lassen. Vorgestern, mitten auf dem Marsch. kriegt mein Leutnant seine Laune. Wie er eine Weile»ach dem Gefecht hinter mir hergetippelt ist, fängt er mit einem Male an:„Mein Anzug sei furchtbar unsauber, meinen Ver- bandskasten hätte ich überhaupt noch nie geputzt, und meine Labeflasche sähe aus, als ob ich sie drei Tage im Schlanime rumgewälzt hättet" „Das war aber ein Schreck für Dich!" rief einer lachend. „Ne. mein Lieber! So leicht lassen wir uns nicht bange machen!— Also kurz und gut. er sagte, ich solle von jetzt ab die Appelle mitmachen. Ich sagte ihn, darauf, daß meine 'Sanitätsausrüstung dem Bataillon gehört und daß der Assistenzarzt des Bataillons mein direkter Vorgesetzter ist. Kollegen! Da hättet Ihr denn mal sehen sollen, wie er Feuer spuckte. Ich dachte, er wollte mich mitten auf der Straße vergiften. Natürlich war ich beim Appell am Nach- mittag nicht erschienen. Wie ich mich beim nächsten Antreten rausredete, ich hätte Sanitätsdienst gehabt, wollte er mich dem Hauptmann melden. Na gut!— Gestern abend auf dem Biwakplatz,— schon ziemlich spät— ich tvar schon unters Zelt gekrochen und wollte ein bißchen daren— da rief er mich. Gefreiter Bornemann! Ich lag gar nicht weit von ihm und dachte mir, ruf Du noch eine Weile. Es konnte mich kein Mensch sehen, so dunkel war es. Vier-, fünfmal rief er. Dann schickte er ein paar Kerle, mich zu suchen. Na— ich dachte— will doch endlich mal hören, was er auf dem Herzen hat. Ich tat so. als wenn ich von weitem her- gerannt käme, und meldete mich bei ihm atemlos. Wo stecken Sie denn? brüllte er mich an. Ich habe mir schon die Kehle wund geschrien!— Ich habe nichts gehört! antwortete ich ihm so aufrichtig, wie ich nur konnte.— Na. er machte gute Miene zum bösen Spiel.— Kommen Sie mal mft
Ihrem Pflasterkasten dort in die Scheune, sagte er dann leise. Sie müssen mir meine Füße verbinden. Er hatte stch also wund gelaufen! Na warte, dachte ich mir, jetzt sollst Du mal die Appellgeschichte büßen. Auf jeder Fußsohle hatte er eine talergroße Wasserblase. Ich bitzelte ihm nun mft meiner Schere an den Füßen herum, daß er quietschte vor Vergnügen. Dann fuhr ich ein paar Mal beim Aufschneiden der Haut daneben, daß er zusammenzuckte wie bei einer Elektrisier- Maschine. Ich konnte mirs Lachen kaum verbeißen. Dann strich ich ihm recht dick frisches Kollodium auf die Stellen. wo die Blasen waren. Er konnte nicht reden, so fest biß er vor Schmerz die Zähne zusammen." „Das ist recht!" riefen einige Alles lachte. Hat er Dich gemeldet wegen des Appells?" fragte Beck. „Meinem Leutnant ist das Melden vergangen! Ihr hättet ihn sehen sollen, wie er heute auf dem Marsch tippelte! Immer auf den Fußspitzen mit eingeknickten Beinen. Er wußte gar nicht, wie er auftreten sollte." Jeder der Anwesenden wußte, was das für ein Gefühl ist. Sie lachten alle schadenfroh aus vollem Halse. „Prost Bornemann l" rief Volter lachend.„Du bist ein Spitzbube!" „Prost Kollege! In drei Tagen sind wir daheim!— Singen wir eins, Kameraden!" Aus kräftigen Soldatenkehlcn ertönte ein Reservisten- lied. Klangfarbe war Nebensache. Die Hauptsache war der Text. Ihre ganze Freude kam dabei überlaut zum Ausdruck. Reserve spielt ja stets den Schlauen, den Schlauen, Und lustig geht'S zum Tor hinaus! hinaus!! Plötzlich wurde das Lied jäh abgebrochen. Die Tür war hastig aufgerissen worden, und auf der Schwelle stand Sergeant Schneider, ohne Mütze, mit dem blanken Seiten- gewehr in der Hand. Ueber seinem linken Auge floß aus einer frischen klaffenden Wunde Blut, das ihm übers Gesicht auf seinen Uniformrock lief. Ganz ermattet hielt er sich am Türpfosten fest. Erschreckt hatten sich aller Augen zur Tür gewandt. Valter war der erste, der aufgesprungen und zum Sergeanten geeilt tvar. „Was ist geschehen?" fragte er ihn entsetzt. „Volterl" antwortete Sergeant Schneider mit schwachem Ateni.„Sie— sind hier?— Das ist— gut.— Da können Sie mich— gleich verbinden." „Wer hat Ihnen denn das getan?" frug Volter. „Ich war ein Stückchen raus vors Dorf gegangen. Me ich mm vorhin zurückkomme— fielen an der großen GutSmauer— nicht weit von hier— einige Kerle über mich her. Das kam mir ganz unverhofft, daß ich mich— im ersten Augenblick nicht zur Wehr setzen konnte.— Da hatte ich aber schon einen Hieb abbekommen. Ich zog mein Seitengewehr — verteidigte mich im dunkeln— so gut es ging. Es waren aber zuviel— ich mußte zurückweichen. Wie ich das Licht dieser Kneipe sab— und hörte Gesang— schlug ich mich bis hierher und stürzte dann herein." Neugierig waren alle um ihn herumgetreten. Der Wirt und seina Frau schlugen die Hände über den Kopf zusammen, wie sie das Blut sahen. „Bornemann hole schnell Deinen Kasten!" rief Volter. „Herr Wirt, können Sie uns nicht auf einige Augenblicke in ein leeres Zimmer lassen." Der Wirt öffnete die Tür zu seiner Privatstnbe. „Ihr andern," rief Volter zurück,„bleibt bitte hier in der Gaststube und macht kein großes Aussehen!" „Aber Bornemann soll sich draußen in acht nehmen!" flüsterte Sergeant Schneider Volter zu.„Die Kerle haben mir nachgerusen, sie wollten warten, bis ich wieder hinaus- komme?" ..Bornemann wird schon wissen, was er denen zu sagen hat," antwortete Volter. Die Wirtin, eine alte angstliche Bauersfrau, hatte glerch Wasser in die Stube gebracht, und Volter wusch Sergeant Schneider das Blut vom Gesicht.