ZlnterhalkmgMatt des
Nr. 237.
Dienstag den 7. Dezember.
1909
6]
XTobelvolk.
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Eine Dorfgeschichte von Paul Vlg
Aber länger konnte Heinrich die innere Not nicht meistern. „Die Hitze da drin— es ist ja nicht zun. Aushalten. Ihr müßt mir morgen erzählen, Vetter jetzt dm ich zu inüd'— sagte er schnell und stand auf. Mareio verächriiche Grimasse sah er nicht mehr, aber er fühlte, das sie feinen Zustand durchschaute. Der Ton ihrer Stimme, als sie ihm gute Nacht wünschte, verriet es ihm. Es war ein unsäglich aufreizender Hohn, der ihm wie ein Eeißelhieb um die Ohren zischte, noch lange, nachdem er die Stube verlassen hatte. Diesmal war's eine absolute Gewißheit. Schon der Kuß beim ersten Wiedersehn ließ ihn ahnen, daß er ihr nicht schlecht gefiel, und daß sie auf ihre Weise um ihn werben werde. Die Reize der Anmut waren ihr freilich nicht gegeben, auch besaß sie'Leine verklärende, anbetungswürdige Seele, — dafür jedoch pm so mehr sinnliches Element, eine über- sprudelnde Lebendigkeit. Die kleine, gedrungene Gestalt bebte nur so von ungebundener Daseinslust, alle ihr Bewegungen waren von der raschen, leidenschaftlichen Art: und saß sie einmal ganz still, was selten war, so bekam ihr Gesicht einen Ausdruck lauernder Grausamkeit oder ausschweifender Ver- sonnenheit. Sie kannte genau die ihr eigene Anziehungs- kraft. Mehr als die Hälfte ihres Erwerbs wurde für auf- fallende Kleider fortgeworfen. Es fehlte ihr selbstverständlich nicht an Bewerbern, jedoch-- wie sie in den Wald hinein- rief, so schallte es wieder heraus. Und eben dies»vollte ihr nicht behagen! Die frechen Blicke und Reden, kaum, daß sie einem von ihnen eine halbe Stunde Gehör lieh, gaben rhr immer wieder deutlich zu erkennen, wofür sie gehalten wurde, und wohinaus die Männer mit ihr wollten. Das hatte sich naturgemäß nicht gebesiert, seit sie Mutter eines unehe- lichen Kindes war. Es hetzte die schwarze Marei jedesmal in eine Wut, um aus der Haut zu fahren, wenn irgendein Bursch, der ihr gefiel, bei ihr gleich mit Siebenmeilenstiefeln ans Ziel zu gelangen suchte, während er bei anderen Mädchen sich stets ehrbarer Manieren befliß. Darum mochte sie den Vetter Heinrich so sehr, weil er ihr— wenn auch mit Scheu, so doch nie ohne Achtung begegnete. Sie kam seither jeden Abend heim, obwohl sie sonst die Woche über bei einer Freun- bin in Treustadt zu schlafen pflegte. Die Mutter wunderte sich wohl, aber die Marei kümmerte sich wenig danrm, und der Vater war schon lange nicht mehr gefragt worden, ob ihm dies oder jenes in den Kram passe. Der Heiri Kalendermacher— wie sie ihn nannte— mußte von nun an ihr, ganz allein ihr gehören, gleichviel, was schließlich daraus wurde. Sie wollte ihn ganz einfach zu ihrem Schatze haben. Und das wollte fiel Heinrich tastete sich draußen im Gang die steile Stiege hinauf. Der obere Stock bestand aus vier Kammern: die zwei zur Rechten bewohnte Jörg mit Frau und Kindern, links vorn, nach dem See hinaus, schlief Heinrich, noch hinten die Marei. Die Base hatte alle guten Stücke ihres beweglichen Inventars in Heinrichs Zimmer vereinigt: ein neues Bett, den runden Tisch, die Rohrsessel, die altertümliche Kommode aus Nußbaumholz— und außerdem hatte Marei für ihn feine Spachtelvorbänge mitgebracht, so daß nun der Raum mit den frischgeweißten Wänden, dem dunkeln Gebälk gar nicht so übel aussah. Des Vetters Beitrag war ein kleiner Rohrofen, den er sogar eigenhändig einzurichten verstand, und Heinrich selbst hatte die Wände mit einer ganzen Reihe farbiger Blätter ausstafsiert. Ja, alle schienen ehrlich be- forgt, ihn zu kesseln, und besonders— ja ganz besonders sie, die ihn ebensosehr abstieß als anzog. Er steckte die Lampe an. zog sich hmtereinander aus, nahm ein Buch und gedachte, im Bett zu lesen, bis ihm vor Müdigkeit die Augendeckel zufielen. Doch hätte et wohl Ebensoviel begriffen, wenn er den Band verkehrt in die Hände nahm. Seine Brust schien bis obenhin mit Seufzern an- gefüllt. Nur wie von ferne reichten seine Gefühle noch an
daS Bild der stillen, schönen Seele heran, die sich vor wenigen Stunden tief in der seinigen verankert hatte. Sie glich nun einer blühenden Flur, über der die unheilkündenden Ranch- Wolken eines Kraters hinziehen. Und wenn es einmal zum Ausbruch kam? Wieder und stärker als zuvor empfand Heinrich die bittere Notwendigkeit, dieses Haus, diese Gegend zu verlassen. Wenn ihn nicht die hier webende Atmosphäre des dumpfsten All- tags niederdrückte: so war dafür seine nächtliche Nachbar» schast eine bis zum Wahnsinn qualvolle Prüfung, die er nicht mehr lange bestehen konnte.— Kurz nach ihm ging auch die Marei zu Bett. Heinrich hörte sie trällern und rumoren. Er versuchte, sich den Akt ihrer völligen Ent» kleiduna vorzustellen, ein Bild ihrer Nacktheit zu erzeugen und sich daran zu berauschen. Alles Blut schoß ihm ins Gehirn.„Warum muß ich so unsinnige Qualen ausstehen? Wem nützen sie das geringste?" sann er verzweifelt, die zuckenden Glieder reckend. Eine Stunde mochte er sich so in der Hölle seiner Bs- gierden herumgewälzt haben, als unten die Haustüre ging und dröhnende Schritte widerhallten. Das war Jörg. Er schien betrunken zu sein, eine Vermutung, die sich vollauf bestätigte, als mit einem Mol ein gräßliches Gepolter er- tönte. Offenbar war er die halbe Treppe wieder hinunter- gefallen. Heinrich lauschte gespannt und atmete im ersten Augenblick erleichtert auf, als der drunten mit ausgewachsener Säufertrompete zu schmettern begann:„Wart' Du Luder. Dich will ich kuranzen! Wo ist das Licht, Du verfluchte faule Gret? Licht her, sag' ich! Dir muß man scheint's wieder einmal mit dem Dreschflegel winken, gelt!" Heinrich sprang an die Tür und rief, indem er die Lampe hochhielt, beschwichtigend hinaus:„Wer wird denn mitten in der Nacht so einen Lärm machen? WaS ist los? Hast Du Dir„einen" gekaust?" Der Lichtschein fiel auf eine mitten auf der Stiege an die Wand gelehnte Gestalt, die nur noch entfernte Aehnlichkeit mit einem menschlichen Wesen aufwies. Die Zähne fletschend, des Steckens Unverwüstlichkeit an der Lehne erprobend, stand der jugendliche Trunkenbold da und schien nur auf das Erscheinen seiner Angetrauten z« warten, um die ausgeswßene Drohung zu vollziehen. Für eine Weile schien ihm Heinrichs Gegenwart zwar die Kraft wiederzugeben, ohne Wanken die letzten Stufen zu erklimmen. Aber sein Zorn ließ nicht nach. Ohne ein Wort zu verlieren riß er die Tür zu seiner Stube auf, schmiß als erstes einen unschuldigen Stuhl gegen die Wand und versuchte, in daS Schlafzimmer zu dringen, das er jedoch verschlossen fand. Er schlug unter dem Wehgeschrei der Kinder den Stiefelabsatz dagegen. Umsonst, die Tür tat sich nicht auf. Indessen war aber unten der Vater munter geworden. Der forderte euer- gisch:„Ruhe da oben! Sonst ist es denn aus mit meiner Geduld. Tann kannst Du Dir eine andere Unterkunft suchen!" Als Heinrich die Lampe zurückgestellt hatte, sich wieder umdrehte, sah er ein weißes Gespenst in Jörgs Stube huschen. „Schämst Dich nicht. Du Lümmel, besoffener, der Du bist!" hörte er Mareis unterdrückte Stimme und gleich darauf stürzte sie wieder hinaus, von dem Betrunkenen bedroht. der dann mit einem wüsten Schimpf plötzlich den Boden maß. Ehe Heinrich wußte, wie ihm geschah, stand sie neben ihm im Zimmer und riegelte die Tür zu. „Der Mensch ist zu allem sähig. Ich bleib' nicht allein!" sagte sie hochaufatmend, ohne Heinrich anzusehen, als wäre ihr Erscheinen im bloßen Hemd das Natürlichste von der Welt. Besinnungslos, im Taumel der Selbstverlorenheit sank Heinrich vor dem Mädchen nieder. Er rnnschlang die ersehnte, rätselbafte Eva in blinder Wut, die ihr einen leisen Schmer- zensschrei erpreßte, und als er sich wieder erhob, trug er die Lachende, Zappelnde auf den Armen in fein Bett. „O Himmel!" stöhnte er auch jetzt wieder selig auf. Aber diesmal war keine Freude, keine Sonne in seiner Seligkeit. nur schmerzgeboreue, rasende Lust, und sein Herz war wie ein glühendes Eisen, das zischend ins löschende Wasser fährt. * Eine mcrknüirdige Liebe-- auf einmal!" bemerkte Frau Stadler, als Elsbeth bei Tisch mit einer befremdlichen Hast die Absicht kundgab, zu Tante Gritta nach Treustadt zu