Nnterhallungsklatt des vorwärts Nr. 239. Donnerstag den 9 Dezember 1909 (Nachdruck Verbole-.) 8] 'Cobclvolh. Eine Dorfgeschichte von Paul I l g. I Als Elsbeth nach einer Stunde reisefertig in die Türe trat, um dem Vater Adieu zu sagen. er saß an seinem Sekretär im Amtszimmer rief er ihr..für heute" nur ein wenig sarkastisch zu:..Ich laß sie denn grüßen die Gritta. Sag' ihr. ich hätte nächstens auch etwas mit ihr zu besprechen!" Mehr brauchte es nicht. Das stattliche, vom Kopf zum Fuß reich und geschmackvoll gekleidete Fräulein drückte schnell den Muff ins Gesicht, um ihren Schreck zu verbergen. Ich will's ausrichten!" sagte sie verstört und verschwand wie der Blitz. Welch ein saltsamer Reisesegen I Elsbeth trug schwer daran. Es war so ein vielwissender, halb höhni- scher, halb warnender Ton, der sie noch lange verfolgte und ihr eingab:Gib acht, das nimmt kein fröhliches Endel" Nur nicht weiter darüber nachdenken I Erst aus der Hälfte des Weges ztzm Bahnhof siegte die Freude über das Wieder- sehen mit Heinrich. Zuletzt drang ihr der kalt leuchtende Wintertag so aufheiternd ins Herz, als gälte es wieder ein- mal, alle zagen und traurigen Gefühle gründlich auszulüften. Früh war er heuer gekommen der Winter. Und das hatte sich so zugetragen: an einem Novemberabend, sowie die Sonne nicht mehr im Wege stand, kam er mit heulenden Winden dahergestoben, zog einen dichten Vorhang zwischen das Firmament und die Erde und schüttete darauf eine ganze Wolke großflockigen Flaums über sie aus. Sie gestatten, meine Dame!" sagte er ein bißchen zu- dringlich und tat. wie wenn er bestellt wäre.Ich komme geradenwegs vom Nordpol . Und dies hier ist das Neueste, wenn ich bitten darf." Im Nu hatte er der Staunenden einen leichten, lockeren Mantel umgeworfen.Achten Sie auf die Farbe. Es ist das Reinste vom Reinen. Die atmo- sphärischen Verhältnisse waren Heuer ganz besonders gut, und das Gewebe ist von einem Duft, Euer Gnaden" Ja... aber... Warum kommen Sie denn schon so früh?" hauchte die überraschte Schöne verwirrt, so daß der kalte Patron schier geschmolzen wäre vor Entzücken.Es' sind ja noch volle vier Wochen bis zum kürzesten Tag!" Der Winter zuckte die Achseln wie einer, der sich auf höheren Ratschluß beruft und meinte sodann mit verbind- lichem Lächeln:Es war übrigens höchste Zeit, meine Dame. Die Herbsttoilette verzeihen Sie, wenn ich mir die Frei- heit nehme aber wahrhaftig, sie sah doch schon sehr ver- tragen aus. Die gelben und roten Flitter alle abgefallen, das grüne Unterkleid ganz verblaßt, und was die herbstlichen Nebelschleier betrifft die kann Ihnen meine Firma ent- schieden feiner und diskreter liefern!" Was Sie sagen! Und glauben Sie, daß dieses Gewebe hält?" fragte die Erde, indem sie einen verschämten Blick auf den hellschimmernden weichen Mantel warf. Gerade so lange, als es.Ihnen gefällt!" gab der schlaue Bursche zurück, denn er wußte genau, daß die Mutter Sonne kurzen Prozeß damit machen werde. Und richtig Am nächsten Morgen gegen elfe vorher konnte sie den dichten Nebel nicht durchdringen machte die Sonne ein bedenklich schiefes Gesicht. Beinah wäre sie stehengeblieben vor Ungehaltenheit. Das ist ja gegen jede Weltordnung, meine Liebe! Du weißt wohl nicht, was die Glocke geschlagen hat? Was, meinst Du, werden die armen Leute dazu sagen?" Die haben sich nach mir zu richten und nicht umgekehrt!" erwiderte die Tochter erbost. Aber sie fühlte gleich, wie unter den stechenden mütterlichen Blicken die erste Winter- bescherung schnell wieder zu Wasser wurde. Einige Tage war die Erde ganz aufgelöst: sie schwamm ordentlich in Tränen. Aber in der achten Dezembcrnacht kam der Winter doch wieder ungerufen hereingeschneit. Pst! Diesmal haben wir den Mond auf unserer Seite. Er wechselt gerade!" flüsterte er vergnügt und rieb sich die verfrorenen Hände.Wenn das nicht, so weit Ihr Auge reicht, die beste Arbeit wird, so pfeif ich auf das ganze Sonnensystems" In dieser Nacht strahlte der Himmelsdom in eitel Glanz und Licht, eine eisige Kälte sank auf unseren Stern herab und verwandelte die hohe Schneedecke bald in einen Teppich von blitzenden Diamanten. Ter Rauhreif hüllte sorglicki jedeS Zweiglein ein, Flüsse und Teiche wurden eilig in durchsich» tiges Eis gepackt, und die Haut der Erde bekam laute» Beulen und Risse. Was tut's niemand kann es sehen!" philosophiert» sie nach Frauenart, und während ihre Glieder vor Kält« starrten, lächelte sie noch stolz, denn die strahlende Versamm» lung ihrer Brüder und Schwestern rückte immer näher und näher und zollte ihr ungeheuchelte Bewunderung.Schöner kann es die Frau Venus auch nicht haben, und das ist be» kanntlich die herrlichste Erscheinung am ganzen Firmament!" sagte der Winter, aber da merkte er auch schon den argen Mißgriff und setzte schnell hinzu:Nach Ihnen, versteht sich, nach Ihnen!" Jegliche Kreatur verkroch sich in ihren Schlupfwinkel, wo er am wärmsten war. Der Fuchs, im Begriff auf die Jagd zu gehen, hotte kaum den Kopf aus seiner Höhle ge» steckt, als ihm schon ein Eisbart um die freche, bissige Schnauze wuchs.Was ist da zu tun?" überlegte er schlot- ternd und warf einen verzagten Blick zurück auf die trauliche Stelle, wo die Alte mit den Jungen verwachsen schien zu einem warmen Knäuel dann wählte er wohlweislich das kleinere von zwei Uebeln und schlich mit grimmigen Ernährer- sorgen dem Hühnerstall des Bauern Matthias zu. Diesmal konnte die Sonne schon am Morgen in aller Frühe sehen, was sich in ihrer Abwesenheit begeben hatte. Siehst du, das kommt alles nur von deiner schiefen Stellung zu mir!" rief sie im ersten Groll, aber schließlich, als sie das eitle, liliengleiche, prächtige, gesunde Kind näher ins Auge faßte, als sie die witzigen Schnurrpfeifereien und Kinkerlitzchen des Winters die Eiszapfen, Schneehauben, Glasblumen usw. gewahrte, da mußte die Sonne selber lachen, und dies tat sie denn auch den lieben kurzen Tag, bis die ganze Welt widerhallte vom Schlittengeläut. Heinrich Anderegg stand schon lange am Bahnhof, als Elsbeth endlich an des Apothekers Hausecke zum Vorschein kam. Aber ihr entgegeneilen durfte er nicht, wie sehr es ihn trieb, weil sie nicht ins Gerede kommen wollte. Um so schneller flogen ihr seine Blicke zu. Sie hatte jenen freien, sorglosen Gang von Mädchen aus achtbaren Häusern, die mit dem Bewußtsein ihres Wertes ein gelassenes, gutherziges Wesen verbinden. Hochmut macht eckig, Eitelkeit geziert, und wer seiner selbst nicht sicher ist, wird bei den Blicken der anderen leicht ins Zappeln geraten. Das in der französischen Schweiz gemachteFräulein" Stadler hatte in Haldenstei» und Umgebung keine Rivalin, die ihr nach Schönheit und Besitz den Rang streitig machte. Die Grubmüllers Tochter war vielleicht eine reichere Partie, aber ungebildet, dauern» stolz: des Doktors Malwine hinwceder hatte die Blütezeit schon hinter sich und konnte Elsbeth erst recht nicht gefährlich werden. Wer von den jungen Männern, die sie kannten, begehrte sie nicht? Heinrich erschrak, wohl öfters aus Angst als aus Freude. wenn ihm alle Vorzüge seiner Geliebten zugleich vor die Seele traten. ,.Wär' ich nur zwei Jahre weiter, so brauchte mir darum nicht bang zu sein!" dachte er dann, denn er wußte sehr gut, daß sein verborgener innerer Wert der Welt noch lange nicht als Aequivalent für Elsbeth Stadlers große sichtbare Gaben erscheinen werde. Auch jetzt mußte er erst wieder langsam an ihr emporwachsen, Gewißheit aus ihren treuen Augen holen, ehe diese Beklemmung wich. Sie begrüßten sich nach Abrede fast steif, als seien sie nie aneinander warm geworden, und sprachen vernehmlich über gleichgültige Dinge. Heute wollre es jedoch ein schnöder Zufall, daß sich der spaßhafte Ortsvor- steher zu ihnen gesellte. Wohin, wohin in der Kälte?" erkundigte sich der wackelnde Mann mit listig blinzelnden Aeuglein. Der Schnee knirschte wie vor Schmerz unter seinen plumpen Tritten. Wollt Ihr zusammen die Aussteuer kaufen?" Dazu schüttelte er beiden die Hand wie ein heuchlerischer Gratulant.