Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 243.

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Tobelvolk.

Eine Dorfgeschichte von Paul

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Mittwoch den 15 Dezember.

( Nachdruk verboten.)

Ig.

Da fühlte der draußen, daß ihn die Kraft verließ, fich länger schwindelfrei auf dem nebelfeuchten Baum zu halten. Mehr fallend als gleitend kam er zu Boden, zog die Stiefel aus, fuchte etwas und schlich dann unhörbar die Treppe hin­auf. Vor der Stubentür horchte er noch eine Weile, und da hörte er seine Frau sagen: Ich hab' an Dir den Stallgeruch so gern!" Als er aber jählings unter der Schwelle stand, fuhr das Paar huschl auseinander, das Weib fiel mit einem markerschütternder Schrei: Barmherziger Gott!" in die Knie, und eh' der andere das hindern konnte, hatte ihr Mann schon für alles Künftige" Rache genommen. Sein Meffer drang ihr bis ans Heft in die Brust. So ungefähr hatte es Jakob Wettstein seinen Richtern gebeichtet. Die übereilte Tat bereute er nicht. Auf alle Vorhaltungen, daß er in blinder Wut gehandelt, eine Schuldlose getroffen habe, schüttelte er stets besser wissend, das Haupt: Es wäre doch einmal so weit" gekommen, das kann ich beschwören." Sein Argwohn aber stammte von der Stunde her, da sein Weib sich ihm unter religiösem Vorwand zu versagen anfing. Weiter fonnte er nichts gegen sie vorbringen. Weil schließlich das Opfer doch noch das Leben behielt, kam er mit der gelinden Strafe von fünf Jahren Gefängnis davon. Unterweilen ver­Lor er jedoch Frau und Kind zugleich, indem sich diese von ihm scheiden ließ und mit den Kindern nach Amerika auswanderte, wohin ihr der anhängliche Bruder folgte. Für den gefangenen armen Teufel lagen einige tausend Franken bei der Vormund­schaft bereit. Und das war denn auch alles, was von seinem einstigen Glück und Wohlstand übrig blieb. Mit diesem Geld taufte er sich ungeachtet aller wohlmeinenden Ratschläge, den Ort zu verlassen, jene Hütte im Nied, die einstmals als herr schaftliches Badhaus gedient hatte, taglöhnerte einige Zeit wider Willen von Haus zu Haus und kam in den Augen der Leute jedes Jahr mehr auf den Hund, bis er schließlich sein Leben nur noch von Almofen zu fristen vermochte.

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1909

in den Steinbod kam, trat ihm der Posthalter mit berechneter Feierlichkeit entgegen und sagte laut: Me Achtung, da haben Sie ein gutes Werk getan. Es gibt nur eine Stimmel" In ähnlicher Weise, doch mit mehr Zurückhaltung, begrüßten ihn der Doktor und der Notar. Nur der Kantonsrat vermied es andauernd, Wort und Blick auf ihn zu richten. Was Hein rich jedoch weit mehr beunruhigte, war die Gegenwart des jungen Herrn Stadler, der sich kalt und steif gegen ihn ver. beugte. Heinrich hatte gehofft, ihn während der Ferien zum Freund zu gewinnen. Doch die ersten mit ihm gewechselten Neden überzeugten ihn schon, daß veit mehr Aussicht für ein gegenteiliges Verhältnis bestand.

Was war da vorgefallen? Eine geschlagene Stunde wartete er vergeblich auf Elsbeths Erscheinen. Da konnte er die Ungewißheit nicht länger ertragen, ging hinaus und suchte in dem verabredeten Versted nach einem schriftlichen Zeichen. Wirklich fand er eine Nachricht des Inhalts: Um neun an der Wolfshalde." Sonach begab er sich zuversichtlich nach Haus.

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Heinrich hatte sich noch nicht entschließen können, seinen Leuten von der bevorstehenden Ueberfiedelung nach Treustadt zu sprechen. Aber noch in dieser Stunde wollte er's tun. Trotzdem Marei zweifellos ihren Eltern von jener fatalen Be­gegnung am Bahnhof erzählt hatte, konnte er in deren Ver­halten zu ihm keine Veränderung tahrnehmen. Nur sie selbst ließ sich seither zu Hause nicht mehr blicken. Das tat ihm nur insofern leid, als er im Grunde gern jenes bernünftige Wort" mit ihr gesprochen hätte, womit sich junge Männer in ähnlicher Lage meistens aus der Schlinge zu ziehen suchen. Er war denn doch nicht leichtsinnig genug, um diesen stummen Abbruch der Beziehungen als end jültig hir zunehmen. Das Schlafen hatte er beinah verlernt, die Arbeit stodfe. Etliche Male war er schon drauf und dran, das Mädchen in der Stadt aufzusuchen, denn schreiben durfte er ihr nicht, weil der Brief zu leicht ein Verräter werden konnte. Dann hatte er sogar daran gedacht, mit der Base, zu sprechen. Dieser war die Liebschaft in ihrem Hause nicht verborgen geblieben, denn Marei hatte sich einmal eins mi ihm bald keinen zwang mehr angetan, so sehr er sie bat, das Verhältnis geheim zu Heinrich Anderegg war zwar in seiner Erzählung getreu halten. Es fam vor, daß sie ihn vor den Augen der Eltern von diesem Schicksal ausgegangen, aber sein Held hatte des umbalste, füßte, auf seine Knie hopste und ihm Süßigkeiten wegen doch ganz andere Züge als jene, welche die Halden- in den Mund steckte. Die ersten Male wehrte er sich schroff steiner an ihrem verkommenen Mitbürger zu sehen pflegten. dagegen, aus Scham vor den Alten, die jedoch zu feiner Ver­Nicht ein Zerbrochener, in Schwachsinn gefallener Wicht war wunderung gute Miene zu diesem Spiele machten, vor allen sein Philosoph", sondern im Gegenteil ein starker Selbst- Dingen nie ein ernstes oder spaßiges Wort darüber verloren. überwinder, der die zerstörenden Leidenschaften seiner Brust So ließ er's schließlich gehen, wie das Mädchen wollte. Er langsam erstickte, zur trostreichen Mutter Natur seine Zuflucht war nämlich viel zu harmlos, um ihre List zu durchschauen. nahm und die Menschen floh, um sich selbst zu finden. In Erst nach dem Bruch fing er an, sich Gedanken darüber zu Kirchen und Betstuben fekte er nie einen Fuß mehr. Seine machen, welche Absichten Marei mit ihm gehegt haben mochte. Liebe jedoch, ohne welche nun einmal eine gute Seele nicht Ueberspannte Hoffnungen hatte sie nie verlauten laffen, sogar fortkommen fann, schenkte er den Kindern im Dorf. Den durchaus vermieden, ihn an irgendeine noch so geringe Pflicht Mädchen flocht er hübsche Kleine Stroh- oder Weidenförbchen, und Folge zu mahnen oder Zukunftspläne mit ihm aus­den Buben verfertigte er Schleudern und Angelgerät, unter- zubeden. Darum war ihm legten Endes der Umgang mit ihr wies sie im Fischfang und überließ ihnen sogar seine eigene nur als ein fröhliches Zwischenspiel erschienen, das eben gerade. Beute. Sie durften ihn neden, mit Schneeballen werfen so lange dauern durfte, als es beiden gefiel. Aber tiefer in er lächelte dazu, und nur, wo etwa ein paar allzu dreifte Bursche seine Langmut erschöpften, erhob er warnend den Finger oder lief, so schnell er fonnte, seiner Hütte zu. Nie führte er einen Streich gegen seine Bedränger. Und deshalb wurde er von zweifelhaften Menschenkennern als ein voll­endeter Narr angesehen, während er in Wahrheit ein Held der Güte und Entsagung war furz, der rechte Philosoph, im Geist hoch über all denen wandelnd, die ihn verlachten, hoch über ihrem Bienenfleiß und all ihren sonstigen Begierden. Diese innere Kraft verließ ihn erst, als er, seiner herrlichen Freiheit durch behördlichen Spruch beraubt, ins Armenhaus geschafft wurde. Da hatte sein Leben plöblich jeden Sinn ver­loren er mochte es nicht mehr weiter tragen.

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Bei seinem Tode war wohl faum ein Auge naß geworden, aber jetzt, unter des Dichters Wünschelrute, flossen die Tränen der Haldensteiner, als sei jeglichem Herzen ein Vater oder Großvater gestorben. Wo Heinrich Anderegg sich in diesen Zagen zeigte, traf er stumme oder lebendige Ehrfurcht an; den Frauen insbesondere erschien er weise wie Salomon, und manche Hand sehnte sich, die feinige zu drücken. An einem Abend vor dem Feste, als er nach biertägiger Bause wieder

seinem Innern wirfte gegen alle Bedenken und Gewissensnöte das einschläfernde Gift der Erkenntnis:" Sie ist zu mir ge­kommen, ich fonnte nichts mehr an ihr verderben!"

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War es nun wirklich zu Ende? Er hätte viel, o biel darum gegeben und noch mehr verheißen! Marei wußte ja nun, wohinaus er wollte. Was fonnte sie gegen ihn im Schilde führen? 3war ihre Eitelfeit war mächtiger als die Ver nunft, und im gleichen Maße unterlag vielleicht die Scham ihren Nachegelüften. Vielleicht hatte sie schon-? Doch nein, fie mußte sich sagen, daß dabei nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren war. Gewiß hatte ihr die Mutter, die für Hein­rich ehrgeizig schien, in diesem Sinne zugesprochen. Nun sollte. vielleicht erst einmal Gras über die leidige Geschichte wachsen? Es gab wirklich keinen anderen Ausweg, als flipp und flar mit der Base zu reden. Ohne weiteren Verzug. Aber kaum zu Hause angefomme, mußte er wieder einmal erfahren, daß seine guten Vorfäße unter feindlichem Stern erwachten. Marei saß am Tisch, noch mit Hut und Jade an­getan. Die Base ging eben wortlos mit verweinter, störrischer Miene an ihm vorbei in den Saal. Und das war entschieden von übelster Vorbedeutung.