Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 244. Donnerstag oen 16 Dezember. 1909 (TtaOdrua verbot»») t31 �obewolk. Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. „Wir können ja zusammen hinaufgehenl" meinte er gut- willig, wodurch die schwebende Frage der Berechtigung ohne Hinterhalt zu ihren Gunsten entschieden war. Marei atmete erleichtert auf, stellte sich vor den kleinen Spiegel und nahm nun auch den Hut ab. „Nein Du, das Heimlichtun hat jetzt keinen Zweck mehrl" machte sie verächtlich.„Und damit Du's weiht: Es ist denn etwas unterwegs. Du wirst schon verstehen, wasl" „Wieso?" fragte er, vollkommen vor den Kopf geschlagen, gefangen, zu Boden geschmissen, mit auf dem Rücken gebun- denen Händen. Er rührte sich nicht vom Fleck, während sich das Mädchen sich mit einen:„Ach, mein Gott!" längelang aufs Kanapee warf U»d die Arme unter den Kopf legte. Hein- rich erinnerte sich sogleich jener nächtlichen Izcne, an die aus dem Halbdunkel schimmernden, sinnverwirrenden Blößen, die ihn unwiderstehlich in ihren Bannkreis gezogen hatten. Es widerstrebte ihm hingegen, sie nun als Verführerin hinzu- stellen, die listig ihr Netz von weiblichen Reizen nach ihm aus- warf. Er wußte gar gut, wieviel damals in ihm selbst dazu trieb, den Gott im Tier zu suchen, Tore zu sprengen, die ihm allzulange verschlossen blieben. Noch weniger war er im- stände, zu leugnen, daß er ihrer Willfährigkeit eine große Befreiung dankte. Ja, einzig ihrer scheinbar unbekümmerten Hingabe entstammte der frisch-fröhliche, aulgeklärte Geist, der ihn seither fast immer beseelte und mit der Heiterkeit eines Kinderauges ins Leben blicken ließ. Ach, wie ging es sich so leicht und frei, seitdem die Schauer des Unbewußten, die schmerzliche Spannung aus seinen Gliedern gewichen! Wie sanft nun des roten Büchleins Lauf in den Adern, wie ruhig des Mühlrads Schwung, wie liederreich das kundige Herz! Warum war ihm nicht vergönnt, schuldlos aus diesen Wallungen hervorzugehen? Hatte er recht gehört? Was warf ihm da die zähe Gesellin seiner Nächte vor die Füße? Heinrich legte seinen Filz auf den Tisch neben die schmie- rige, stinkende Lampe und starrte darauf hin, wie wenn der an allem schuld wäre. „Das wird doch etwa nicht sein! Du sagtest ja selbst, ich brauchte"— versuchte er den Fluch abzuwenden. Wogegen Marei sofort aufsprang und ihm dicht unter die Augen trat, seine beiden Schultern packte. Zwei Reihen spitzer weißer Zähne knirschten, blitzten ihn an. Sie war fast um den Kopf kleiner als er. noch immer so katzenhaft wild, unweiblich in der Statur, daß ihm die Vorstellung ihrer Mutterschaft einfach unmöglich war, denn er wähnte, damit müsse eine Art Leidens- miene und schwerlastende Müdigkeit verbunden sein. „O Du einfältiger Tropf! Meinst wohl gar, es komme mir besonders zu paß? Wenn ich's hätte verhüten können, so— Mir scheint, ich bin jetzt um kein Haar besser dran als vorm Jahr eher wüster!" „Nieder mit Dir!" drang es auf ihn ein: cr merkte kaum, daß er sich an den Tisch setzte. Marei ließ wieder ab von ihm. Das Kanapee krachte von ihrem Fall. Aber der Jüng- ling fühlte noch die Stelle, wo ihre Klauen sich zusammen- gekrampft hatten. Ihr durchdringendes Parfüm flunkerte noch eine Weile vor seiner Nase. Da fiel ihm ein, wenn jetzt Und gleichsam angezogen von seinem Gedanken, kam die Base gerade herein. Sie nahm jedoch nur eine Edleife gewachstes Stickgarn vom Ncbentisch und surrte wieder davon. Diesmal schmetterte auch schon die Türe. Oho! das brachte Heinrich einigermaßen zur Besinnung. „Wenn es denn so ist, wie Du sagst— und allem Anschein nach wissen sogar die Alten schon Bescheid—, so wirst Du Dir vielleicht auch darüber— ich meine: wie denkst Du Dir— was erwartest Du eigentlich von mir?" begann er in Pausen, mehrmals Atem holend, zu sprechen, bestimmt nach einer Hin- ficht, ergeben nach der anderen, ohne Ausflucht und Auf- lchnung. Mit diesen Worten hatte er bereits unwillkürlich die Grenzen gezogen, innerhalb derer die �-«be geordnet werden mußte. f Marei fühlte das,— wie iveit, weit cr ihr schon entronnen sei, und ihre einzige Antwort war darum ein bitteres, glück- verlorenes Weinen. Es war eine Liebe, die sich lange selbst genarrt und verkrochen hatte und die nun plötzlich um Er- barmen schrie! Und nicht minder schnell begriff Heinrich, daß ihi, Schmerz keineswegs der neuen Schande, sondern nur diesem unver- hofften Ende vom Liede galt. So konnte nur eine wahrhaft liebende Seele weinen,— so traurig, hilflos und verzagt. Er hatte gesalzene Vorwürfe, Drohungen, Zornausbrüche er« wartet! Und jetzt dieser Jammer... Im ersten Moment zog es ihn mächtig zu ihr hin. er setzte sich auf den zerlumpten Sofarand und suchte sie mit allerlei bedeutungslosen Verheißungen zu beschwichtigen. Aber auch diese zarte Regung mußte er gleich wieder bereuen. Wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an seinen Hals:„Verstoß mich nicht! Vcr— stoß mich nicht!" Alle mit ihr verlebten Freuden zu einem Hausen ge- schichtet, konnten doch nicht das Maß des Elends erreichen. „Du schreckliches Ding!" mußte er denken.„Bleibe, was Du bist! Dein Herz wollt' ich nicht wecken! Zeig mir die Klanen, Haß, Nackte— laß Dein Tiegcrblnt schäumen vor Wut, stich mit der Nadel nach mir. schrei es in allen Gassen aus-- vielleicht zwingst Du mich wieder zu Dir— vielleicht sink ich vor Dir in die Knie, als vor einem rätselhaften, rasenden Halbtier— aber verschone mich mit Deinem aschgrauen Liebesweh— es bringt mich zur Verzweiflung!" Er gab cS plötzlich auf, ihre nasse Wange zu streicheln, sondern griff nach ihrem Handgelenk, das cr mit aller Kraft preßte, um sie durch einen körperlichen Schmerz zur Vernunst zu bringen. „Ich kann Dir nicht helfen! Unvere Geschichte ist aus, aus, aus!" knirschte er halb toll und lief davon, hinaus ins Freie, ohne Hut, im Ueberrock, dessen er sich gleich entledigte, um ihn im Holzverschlag zu verstecken. Aber da stieß er auf Jörg, der bei seinem Erscheinen irgendeinen Gegenstand schnell in die Ecke warf, dann in ein verkniffenes Lachen ausbrach und dann das Bündel wieder hervorholte. i,SalutiI" sagte er und hob im Schein der Laterne einen toten Fuchs in die Höhe. Das Fell war zur Hälfte schon ab- gezogen, das blutige Fleisch zu sehen.„Zwölf Fränklein der Pelz und den Spaß obendrein!" „Du bist ein unverbesserlicher Schelm!" gab Heinrich ge- zwungen mitlachend zurück, den schnurrigen Haarschwanz flüchtig streifend. Dann nahm er eilig den Davoscr Schlitten zur Hand. „Wenn Du hinauf gehst, nimm auch den Ueber- zieher mit." Der auf seine verteufelten Schliche stolze, lustig tobakende Wilddieb wollte ihn aufhalten. „Machst Du morgen auch einmal mit beim Holzhauen?" „Aber Heinrich war schon draußen. „Versteht sich, ja!" Schlitten, die Wolfshaldc hinuntersausen! Das war jetzt der wahre Jakob! Jetzt, nachdem cr den Stab über seine jüngste Vergangenheit mannhaft gebrochen hatte. Die stramme Kälte lxchagte ihm sehr, sie vermehrte die Wollust des Siegers. der zum erstenmal über das zage, empfindsame Herz triumphierte. „Sei gefühllos! Ein leichtbewcgtcs Herz Ist ein elend Gut Auf der wankenden Erde!" rief er sich zu und ließ sich den Luftzug wacker in die Ohren vfeifen, den prickelnden Schnee durch die Hosenstöße wehen! Die Augen liefen ihm über, die Lunge schwoll und schwoll, ihm war, als griffe eine Hand von Eis in seine Brust! Von halb neun an setzte er sich unten— dreißig Schritte hinter den Häusern— auf den Schlitten und gab auf Elsbeths Kommen acht. Dabei suchte er sich vorzustellen, wie morgen der Abschied aus Vetter Bastians Haus am besten vonstatten geben könnte.„Sic mögen sich hüten, mir mit sauren Mienen und Lamentationen zu kommen! Ich habe mit der ganzen Sippschaft nichts mehr zu schaffen. Ja, wenn ich wie der Wolf in die SchafSherde eingefallen wäre!" Mußte er denn durchaus noch einmal ein Heulen und Zähncklappcrn über sich ergchen lassen? Dummes Zeug,—
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26 (16.12.1909) 244
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