Nnterhaltungsblatt des Uorwärls Nr. 250. Freitag 0en 24 Dezenlber. 1909 cNachdrua tctCote*.) ig]"Cobelvolh» Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. �'„Auf mich kommts ja vor allem anl" sagte das kleine breite, bleichwangige Frauenzimmer mit den zu rundlichen Fäusten geballten, kurzen fleischigen Händen und dem starken, hochgehenden Busen.„Und jetzt will ich Dir auch sagen, wie ich so darüber denke. Also von mir aus kannst Du von Stund an gehen, wohin Du willst. Ich lauf Dir nicht mehr nach und erwarte auch gar nichts mehr von Dir. Es ist ja wahr, Du bist mir von Rechts wegen keine Liebe, keine Achtung und keinen Heller schuldig. Du hast einfach genommen, was Dir— ich sags jetzt ganz aufrichtig— angeboten wurde." Sie bedeckte, wie vor Scham, das Gesicht. Es war jedoch nur die Bangnis der Erwartung. Heinrich betrachtete statt ihrer die Lampe, welche in- zwischen einen grünen Schirm bekommen hatte, dann ein kleines Spind, eine zweite Kommode und das doppelte Ge° schirr auf dem Waschtisch. Ueber einem Stuhl hing Mareis Trauerkleid, das sie heute auf einem Gang ins Dorf ge- tragen hatte. „Also wahrl Wir sind somit auf Kommando zusammen- gegeben und ins Pferch, getrieben!" schrie er nochmals auf und bedachte sich schnell, ob er unter diesen Umständen die Nacht noch hier verbringen dürfe. Sie hatten entschieden zu ihrer schlauen Kopulation den rechten Zeitpunkt gewählt. Er war seit einigen Tagen ohne jede Barschaft und zudem durch all die Bedrängnisse seelisch so tief herabgestimmt, dast ihm keinerlei Arbeit gelingen wollte. Das sagte er nun Marci ins Gesicht zu. Auf diesen traurigen Augenblick, der ja nicht ausbleiben konnte, habe sie nur gewartet. Aber auch darin wies ihm diese eine bessere Gesinnung nach, indem sie aus ihrer Ledertasche eine ordentliche Hand voll Silber holte und ungezählt vor ihm hinlegte. „Nimm, was Du brauchst— nimm alles! Du hast noch eine Stunde Zeit, bis der letzte Zug kommt. Pack das Aller- notwendigste zusammen— den großen Koffer schick ich Dir nach— und geh dann in den Gummischuhen hinunter, damit Dich die anderen nicht hören und Du ohne Lärm und Jammer fortkommst. Für mich brauchst Du nicht zu sorgen." Heinrich fuhr mit weitaufgerissenen Augen auf sie zu. „Ist das Dein Ernst?" „In Gotts Namen, Heinrich," sagte sie schwach und streckte ihm mit gesenkten Wimpern die Hand hin. Aber schon stockten von dem tollen Wagnis ihre Pulse. Vielleicht hätte sie ihn jetzt in der Tat verstohlen ziehen lassen, obwohl sie noch stark an der letzten Hoffnung festhielt. Allein er war nur eine kurze Spanne versucht, diesen erbärmlichen Weg der Rettung einzuschlagen. Ohne sich näher zu erklären, zog er Ueberrock, Kragen, Schuhe aus, setzte sich an den Tisch, nahm ein Buch zur Hand und hielt beide Ohren zu. Hinter ihm tat Marei einen langen, leisen Atemzug: sie drückte da- bei beschwichtigend beide Hände auf die Brust. Dann kleidete sie sich schweigend aus und kam hierzu nicht ein einzigmal nach vorn in den Lichtkreis. Als Heinrich sich einige Minuten später aus purer Neugier nach ihr umwandte, stand sie schon bis auf die Strümpfe nackt da und haschte gerade nach dem anderen Hemd. Zum erstenmal fiel ihm auf, daß ihr Leib rundlicher, die Brust straffer geworden war. Marei schien hingegen seine gliihenden, forschenden Blicke nicht zu bemerken. Sie rutschte auf den Knicen über das vordere Bett ins andere hinein und legte sich mit einem Seufzer gegen die Wand. Eine Stunde verging— Heinrich hielt immer noch seinen Kopf und konnte sich doch nicht mehr bewahren. In- dem er die Lampe löschte, war es ihm, als blase er seinem besseren Selbst den Odem aus. Er hätte sich kaum ver- wundert, wenn jetzt im dunklen Fensterrahmen plötzlich Eis- beths gram- und graucnkündendeS Antlitz erschienen wäre. �„Nicht eher, als bis Du mir auf Ehr' und Seligkeit ver- sprichst, daß ich Deine Frau werde!" wehrte Marei seine zu- dringlichen Hände tapfer ab. Es war stockfinster. Nur der Lampcndocht glühte noch eine Weile und eine Wolke üblen Rauches durchzog den warmen Raum. Die beiden konnten sich kaum sehen. Doch als er Gewalt brauchen wollte, stieß sie ihn wie rasend zurück und entwischte schnell hinaus in eine Ecke. „Versprich mir erst"— In seinem Gehirn hämmerte der Teufel mit wenigstens zwölf Gesellen, doch die Krone des Lebens ging aus dieser Schmiede nicht hervor. Dazu umfing und bestach ihn die Wörme der Linnen, darauf Marei gelegen hatte. „Ich til's, Mareile, wenn Du mir Zeit läßt, bis ich— Du weißt ja— in einem Jahr vielleicht"— ließ er sich vom Bett aus flüsternd vernehmen. „Nein," gab sie zurück.„Aber sag mir das nach:„Ich will ein ehrloser Tropf sein"—" „Ich will ein ehrloser Tropf sein"— „Wenn ich mich nicht vor Deiner Niederkunft"— „Wenn ich mich nicht vor Deiner Niederkunft"— „Mit Dir trauen lasse!" Wort für Wort sprach er's nach, ohne jesuitischen Hinter- halt, doch unter einem betäubenden Bann, der mächtiger war, als seines Geistes zuckender, flimmernder Widerstano. „O jetzt— jetzt glaub ich Dir, Heiri!" jubelte sie leise, ließ sich wieder von ihm tragen und nahm ihn dann so innig, so selig auf, preßte ihn so stürmisch an ihre Brust, daß er an ihrer echten Liebe nicht mehr zweifeln konnte. Von diesem Ereignis bekam die Mutter nicht ein Sterbenswörtchen zu hören. Marei gab ihr nur in einer Art zu verstehen, die so klang wie:„Rühr mich nicht an!", daß mit Heinrich und ihr bald alles in Ordnung sein werde. Niemand möge es wagen, ihm mit Vorhaltungen in die Quere zu kommen. Von da an lebte das merkwürdige Pärchen wirklich ganz für sich allein. Marei versorgte ihn mit den leckersten Bissen, die sie auftreiben konnte, ging nie eine Stunde müßig und verhielt sich, wenn er schrieb oder studierte, bei ihrer Nach- stickarbeit so still, daß er sich nicht genug wundern konnte über diese innere Macht, die ein heißblütiges Temperament in lammfromme Geduld wandeln konnte. Auf ihre zärtlichen Bitten ging er— zwar nicht gern unter die Leute— häufig Arm in Arm mit ihr spazieren und fuhr sogar einmal mit ihr nach Treustadt ins Theater, denn in ihrem langen schwarzen Kleid sah sie nun doch beinahe fraulich, wenigstens nicht mehr so spitzbübisch und auffallend aus. Zuweilen sprach er davon, eine Stellung als Hilfsredaktcur oder einen Korrespondenten- Posten suchen zu wollen. Seither hörte er sie mitunter schüchtern singen, wie eine Schwalbe zwitschern, wenn sie unten in der Küche zu schaffen hatte. Aber des künftigen echten Ehestands tat sie anfänglich nur von ferne Erwähnung, etwa wenn sie so kindlich vor sich hinplauschte:„Ach Du, ich möcht' bloß wissen, wo wir in einem Jahr zusammen hausen!" Oder wenn sie ihn neckte, was ihm lieber wäre: ein Bub oder ein Maitle? Nur zweimal ereigneten sich zwischen ihnen noch scharfe Gefechte. Das eine Mal kam sie vom Saal herauf, und Heinrich wußte gleich, daß sie irgend etwas mit der Mutter getuschelt hatte. Das genügte schon, um ihm die Galle ins Blut zu treiben. „Was ist denn jetzt wieder im Schwang!" gebot er der Scheublickenden zu reden. Sie stellte zuerst einmal den rechten Fuß auf ihren Stuhl und tat, wie wenn sie einen lästigen Floh suche. Dabei sagte sie so obenhin:„Ach, es ist nur wegen dem Bertelel" So hieß ihr Mädchen, das nun gerade ein Jahr alt war. Doch als ihr wider Erwarten nur häßliche Blicke zuteil wurden und er barsch weiterfragte, setzte sie gezwungen hinzu:„Die Mutter meinte nur, wenn wir doch einig seien ,und wenn es Dir nicht zuviel werde— weil sie ja doch Jörgs Kinder auf dem Halse habe,"— Er ließ sie gar nicht erst ausreden, sondern ging stracks auf die Tür zu, die er sperrangelweit aufriß. „Augenblicks wanderst Du hin mter und bringst_ ihr meinen Bescheid: Der Balg geh mich in alle Ewigkeit nichts an, verstanden! Und wenn sie noch ein einziges Mal davon anfange, so werde sie's schwer bereuen müssen! Marsch, ich warte da."
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26 (24.12.1909) 250
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