Nnterhaltungsblatt des Horwiirls Nr. 251._ Sonnabend den 25, Dezember. 1909 Alanjka. Eine Weihnachtsgeschichte von A. T s ch e ch o f f. Wanjka Schukoff, ein neunjähriger Knabe, der seit drei Monaten beim Schuhmacher Aljachin in der Lehre war. legte sich in der Weihnachtsnacht nicht schlafen. Nachdem der Meister, seine Frau und die Gesellen zur Frühmesse gegangen waren, holte er aus dem Schrank des Meisters ein Fläschchen mit Tinte und den Federhalter mit der verrosteten Feder hervor, legte ein zerknittertes Stück Papier vor sich hin und fing an zu schreiben. Bevor er den ersten Buchstaben aufs Papier brachte, blickte er einigemal furchtsam nach der Türe und den Fenstern, warf einen Seitenblick auf das dunkle Heiligenbild, zu dessen beiden Seiten sich mit Leisten gefüllte Regale hinzogen, und seufzte schwer. Das Papier lag zum Schreiben bereit auf einer Bank, vor der er kniete. „Lieber Großvater Llonstantin Makarytsch!" schrieb er. ..Ich schreibe Dir einen Brief. Gratuliere zu Weihnachten und wünsche Dir alles vom lieben Gott. Ich habe weder Vater, noch Mutter, und da bist Du mir allein geblieben." Wanjka blickte auf das dunkle Fenster, in dem der Wiederschein seines Lichts schimmerte, und stellte sich lebhaft seinen Großvater Lionstantin Makarytsch vor, der als Nacht- Wächter bei Herrn Schiwareff diente. Er ist ein kleines, sehr hageres, aber ungewöhnlich flinkes und lebhaftes altes Männchen von 63 Jahren mit ewig lächelndem Gesicht und blinkenden Trinkeraugen. Am Tage schläft er in der Ge- sindeküche oder treibt seinen Scherz mit den Köchinnen, in der Nacht aber geht er, eingehüllt in einen weiten Pelz, um den Gutshof und schlägt auf sein Brett. Hinter ihm schreiten mit gesenkten Köpfen und hängenden Schwänzen die alte braune„Kaschtanka" und der„Schwarze". Der„Schwarze" ist ungewöhnlich ehrerbietig und zärtlich, sieht alle Menschen. die bekannten wie die fremden, gleich freundlich an, genießt aber trohdem kein Vertrauen. Unter seiner Ehrerbietigkeit und Demut verbirgt sich die jesuitische Niedertracht. Nie- mand versteht besser als er, zur richtigen Zeit sich heranzu- schleichen und einen am Bein zu packen, in den Eiskeller zu kriechen oder einem Bauer ein Huhn zu stehlen. Mehr als einmal wurden ihm die Hinterbeine gebrochen, ein paarmal wurde er aufgehängt und jede Woche prügelte man ihn halb- tot, aber er kam stets auf. Jetzt steht der Großvater sicher am Tore, blinzelt mit den Augen zu den hellroten Fenstern der Dorfkirche hinüber, stampft in seinen Filzstiefeln und scherzt mit dem Gesinde. Sein Brett ist an den Gürtel an- gebunden. Er schlägt die Hände zusammen, krümmt sich vor Kälte und kneift kichernd bald ein Stubenmädchen, bald eine Köchin.„Wollen wir jetzt nicht einmal schnupfen!" sagt er und reicht den Weibern seine Tabaksdose. Die Weiber schnupfen und niesen. Der Großvater gerät in unbeschreib- liches Entzücken, bricht in ein frohes Lachen aus und ruft: -„Reiß ab, es ist angefroren!" Auch die Hunde bekommen vom Schnupftabak. „Kaschtanka" niest, schüttelt den Kopf und geht gekränkt zur Seite. Der„Schwarze" niest aber aus Ehrerbietigkeit nicht und wedelt mit dem Schwänze. Das Wetter ist herrlich. Die Luft ist still, klar und frisch. Die Nacht ist dunkel, aber man sieht das ganze Dorf mit seinen weißen Dächern und dem emporzüngelnden Rauche, die vom Froste versilberten Bäume und die hoch angewehten Schneehügel. Der Himmel ist ganz mit fröhlich blinkenden Sternen bedeckt und die Milchstraße zeichnet sich so deutlich ab, als hätte man sie vor den Feier- tagen gewaschen und mit Schnee abgerieben... Wanjka seufzt, taucht die Feder ein und fährt fort zu schreiben:„Gestern aber erhielt ich Wichse. Der Meister schleppte mich an den Haaren auf den Hof und prügelte mich mit dem Riemen, weil ich ihr Kind in der Wiege schaukelte und zufällig einschlief. Eines Tages aber ließ mich die Meisterin einen Hering reinigen. Ich fing am Schwänze an, da nahm sie den Hering und stieß ihn mir mit der Schnauze in die Fratze. Die Gesellen lachen iiber mich, schicken mich in die Kneipe nach Branntwein und sagen, ich soll von dem Meister saure Gurken stehlen, der Meister aber schlägt mich mit allem, was ihm unter die Hand kommt. Zu essen gibt es gar nichts. Am Morgen erhalten wir Brot, zu Mittag Grütze und am Abend wieder Brot: Tee oder Kohlsuppe bekomme ich nicht, das fressen der Meister und die Meisterin selbst. Schlafen muß ich im Korridor, wenn al>er ihr Kindchen weint, schlafe ich gar nicht, sondern schaukle die Wiege. Lieber Groß- Vater, tu mir um Gotteswillen den Gefallen, nimm mich von hier nach Hause, ins Dorf, ich kanns nicht mehr aushalten... Ich liege vor Dir auf den Knien und werde ewig zu Gott für Dich beten, nimm mich von hier, sonst sterbe ich.. Wanjka verzog den Mund, rieb sich mit seiner schwarzen Faust die Augen und schluchzte.„Ich will Dir Tabak reiben," fuhr er fort,„will zu Gott beten, wenn ich aber nicht artig bin, schlage mich so viel Du Lust hast. Wenn Du aber meinst, ich könnte keine Stelle bekommen, da will ich um Jesu willen den Verwalter bitten, daß ich ihm die Stiefel putzen darf, oder ich werde an Fedjkas Stelle Hirt werden. Lieber Großvater, es ist hier nicht zum Aushalten, besser den Tod. Ich wollte zu Fuß nach Hause laufen, aber ich habe keine Stiefel, und fürchte mich vor Frost. Wenn ich groß bin, will ich Dich für alles, was Du mir getan hast, füttern uns Dich schützen. Wenn Du aber tot bist, werde ich für die Ruhe Deiner Seele beten, ebenso wie für Mutter Pelagea.— Moskail ist eine große Stadt. Die Häuser sind alle Herr- schaftlich, und es gibt viele Pferde, aber keine Schafe und die Hunde sind nicht böse. Hier ziehen nicht die Kinder mit dem Stern herum, und in der Kirche erlaubt man nicht auf dem Chor mitzusingen: einmal aber habe ich in einem Laden im Fenster Haken zum Angeln gesehen, sie werden fix und fertig für jeden Fisch verkauft, sehr gute Haken, und es gibt sogar einen Haken, der einen vierzig Pfund schweren Lachs aus- halten kann. Und ich habe Läden gesehen, wo allerhand Ge- wehre, so wie unser Herr hat, waren, die kosten wahrscheinlich hundert Rubel jedes... In den Fleischläden gibt es Reb- Hühner und Aucrhähne und Hasen: wo sie geschossen werden, das sagen die Verkäufer nicht. Lieber Großvater, wenn die Herrschaften einen Baum mit Geschenken machen, nimm für mich eine vergoldete Nuß und versteck sie in Deinem grünen Kasten. Vitt das Fräulein Olga Jgnatjewna, sag ihr. es sei für Wanjka." Wanjka seufzte tief und starrte wieder auf das Fenster. Er erinnerte sich, daß Großvater stets den Baum für die Herr» sclKiften aus dem Walde geholt und ihn dazu mitgenommen hatte. Es war eine schöne Zeit gewesen. Der Großvater krächzte, und der Frost krächzte, und wie die beiden krächzten, krächzte auch Wanjka. Ehe der Großvater den Tannenbaum fällte, rauchte er seine Pfeife aus, schnupfte lange und machte sich über den verfrorenen Wanjka lustig... Die jungen Tannen standen, eingehüllt in Reif, unbeweg- lich da und warteten, wer von ihnen sterben sollte. Plötzlich jagt über Schneehügel, wie ein Pfeil, ein Hase vorbei... Der Großvater kann sich nicht enthalten zu rufen:„Halt ihn halt ihn... Ach, du verschnittener Teufel!" Die gefällte Tanne schleppte der Großvater ins Haus zu den Herrschaften,»nd dort schmückte man sie... Am meisten beschäftigte sich damit Fräulein Olga Jgnatjewna, Wanjkas Liebling. Als noch Wanjkas Mutter, Pelagea, lebte und als Stubenmädchen bei den Herrschaften war, fütterte Olga Jgnatjewna Wanjka mit Bonbons und hatte ihm Lesen, Schreiben und Zählen bis hundert und sogar Ouadrilletanzen beigebracht. Als aber Pelagea gestorben war, wurde der Waisenknabe Wanjka in die Küche zum Groß- Vater geschickt und später zu dem Schuhmacher Aljachin. „Komm, bitte, hierher, lieber Großvater," schrieb Wanjka, „ich bitte Dich um Christi willen, nimm mich von hier. Habe mit mir unglücklichem Waisenkinde Erbarmen, hier schlagen mich alle, und ich möchte so furchtbar gern essen, und es ist so traurig, daß ich das nicht mal sagen kann, ich weine in einem fort. Und vor ein paar Tagen hat mich der Meister mit der Leiste auf den Kopf geschlagen, so daß ich hinfiel und mit knapper Not zu mir kam. Mein Leben ist ganz furchtbar, schlimmer als ein Hundeleben... Und ich grüße noch Alena, den schiefen Jegorra und den Kutscher: meine Harmonika gib aber niemand. Ich bleibe Dein Enkel Iwan Schukoff, lieber Großvater, komm hierher."
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26 (25.12.1909) 251
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