Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 13.
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Mittwoch. den 19. Januar.
( Nachdruck verboten.)
Im Namen des Gesetzes.
Ella Hellwig sah ihn verächtlich an, was wollte der denn? Wie kam er denn überhaupt dazu, sie zu duzen?... Und schön öffnete sie die roten Lippen, um ihm das zu verbieten, da hörte sie die andern rings umher sprechen, alle diese Männer, die ohne weiteres Du" sagten zu den Mädchen, die sie erst vor Stunden kennen gelernt hatten. Ein Gefühl der Mutlosigkeit, der niederdrückendsten Trauer beschlich Ella - sie schwieg.
Indem gingen an ihrem Kabinett zwei Herren vorüber, von denen der eine mit einem Laut der Ueberraschung stehen blieb. Ella, die wie hilfesuchend hinausgeblickt hatte, erkannte ihn sofort an der Narbe, die seinen Mund zerriß: Kurt von Solfershausen. Und da stand sie auf, zwang mit einer brüsken Bewegung den Mann an ihrer Seite, Platz zu machen. Ging, gleich einer Somnambulen auf Kurt zu und streckte ihm ihre Hand entgegen, die er freudig ergriff.
Woll'n wir tanzen?" fragte sie in ihrer Verlegenheit, und indem sie vor den Blicken des andern Herrn ihr Geficht abwandte.
Ja, jal" Der junge Mann war auch froh, daß er so von seinem Studienkollegen in der besten Form Ioskam. Und dann tanzten sie.
Bei diesem Walzer, im Arm dessen, der ihre junge Seele zum ersten Male tief und innig hatte fühlen lassen, war Ella ganz glücklich. Sie hätte fortschweben mögen, wunschlos, unförperlich in die unbekannte Ferne, dahin, wo niemand fie sonst kannte und wo feiner wußte, was in der kurzen Zeit aus ihr geworden war.
Als die Musik schwieg und er, dessen Nasenflügel sich bei festgeschlossenem Munde blähten, sie zurückführen zu wollen schien zu ihrer Gesellschaft, sagte sie leise:
,, Ach, ich möchte nicht wieder dahin!"
Er blieb stehen und sagte mit einem freudigen Lächeln:
Wohin denn?"
" Bei Ihnen bleiben.
Es flang so zaghaft. Er preßte ihren Arm und sagte
ebenso leise:
,, Kleine Ella!"
Und dann ging er, links von der Treppe, die hinaufführte, in den Tunnel hinein mit ihr und fragte, vorm Buffet stehen bleibend, ob sie etwas genießen möchte. Aber fie schüttelte den Kopf. Sprechen fonnte sie gar nicht, es war fo etwas Heißes, Glühendes in ihr, daß die Worte darin bersiegten.
So ging er unten herum mit ihr nach der Garderobe. Aber sie hatte ihre Marke nicht bei sich.
„ Soll ich sie holen, die Marke?"
Nein, nein, dann läßt mich meine Freundin nicht fort und.. und...", sie quälte sich, es zu sagen, die Sachen gehören mir auch nicht.... es find Miezen ihre
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Er begriff sie nicht ganz, aber das verstand er doch, daß fie sich jetzt eins mit ihm fühlte und daß sie alle ihre andern Beziehungen, die gewiß nicht gut und wohltätig waren, abbrechen wollte.
So nahm er denn, rasch entschlossen, sein weißes Cachenez, formte ein Kopftuch daraus für sie und hängte ihr unter dem Gelächter von ein paar Frauenzimmern, die sich gerade bor dem Spiegel puderten, seinen Mantel um. Der Portier hatte inzwischen eine Droschke herangerufen und der kräftige junge Mann hob das blonde Mädchen wie eine Feder hinein. A18 Ziel gab er ein bekanntes Weinrestaurant in der Leipziger
Straße an.
Wie sie dann, beide schüchtern und tiefinnerlich glücklich nebeneinander saßen, meinte fie:
Ich kann doch aber gar nicht so ins Lokal gehen. Warum?... Ach so!..." Er lachte, aber wohin denn, liebes... Fräulein?"
"
Sie antwortete nicht. Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie zu ihm fahren wollten, in seine Wohnung und daß sie bei ihm bleiben wollte, so lange er sie behielte. Er aber
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verstand ihr Schweigen wohl. Nur getraute er sich's vor läufig auch noch nicht auszusprechen und meinte leichthin: Lassen wir'n nur erst mal dahin fahren, nachher wer'n wir ja sehen...
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Und dann, wie sie immer still blieb, nahm er ihre Hand, die in der seinen zitterte, und begann schmeichelnd:
,, Nun müssen Sie mir aber auch erzählen, wie's Ihnen in der langen Zeit ergangen ist, wo ich Sie nicht gesehen habe.... Das ist ja schon fast zwei Monate her, was? Seit dem Abend bei meinem Vetter, wo ich Sie durch meine Ungeschicklichkeit in solche unangenehme Situation gebracht habe.
Sie schloß die Augen: jezt kam das, wovor sie sich fürch tete. Ja, zwei Monate waren seitdem vergangen. Ihre Gedanken flatterten wie erschreckte Bögel: was wußte er denn? Daß sie nicht mehr die Geliebte seines Betters warsicherlich! Aber auch das mit dem Rechtsanwalt?... und? und? Das Weinen stieg ihr in der Kehle auf, die brennend- wehe Angst, er könnte nun erfahren, daß sie in diesen zwei Monaten immer tiefer hinabgeglitten war in den Sumpf und daß sie Seite an Seite mit einer Dirne in den Tanzlokalen, im Theater, ja selbst auf der Straße einem schimpflichen Gewerbe nachgegangen sei. Daß sie zurückgewollt und von dieser fürchterlichen Freundin immer wieder vor. wärts gerissen worden war würde er es ihr glauben? konnte sie ihm denn ihre Schwäche begreiflich machen, die Nachgiebigkeit ihres Charakters, die sie zum Spielball werden ließ in den Händen dieser Mieze, die mit so hißiger Leidenschaft bemüht war, sie, die unerfahrene, alle Raster kennen zu lehren; die jeden Willen zur Arbeit verlachte und die Ella in einem wahren Wutanfall gedroht hatte, wenn die Blonde wirklich irgendwo in Arbeit träte, würlde sie hingehen und Sem Chef sagen, was Ella inzwischen getrieben hätte....
weinen. Und beten, zu Gott beten, daß er nicht weiter fragen In ihrer rasenden Angst konnte die Arme nichts als möchte.... War denn nicht ein Wunder geschehen? Hatte nicht der Himmel, als sie schon ganz am Untergehen war, Taube? Nun flehte sie mit Tränen, daß das Wunder ganz ihr den gesandt, dem ihr Herz zuflog, wie einer verirrte erfüllt würde, daß der, den sie liebte, fie nahm, wie sie war, ohne zu forschen und zu fragen..
Er sah nur ihre Tränen.
Er ahnte, daß zwischen jenem Abend bei Adalbert von Eckboom und dieser Nacht häßliche Dinge sich versteckten, aber das schöne blonde Geschöpf an seiner Seite, das so viel Schmerzen zu empfinden schien, kam ihm so anbetungswürdig bor; ihre Hilflosigkeit rührte ihn und der feine Hauch ihres törpers betörte all seine Sinne. Sein fragender Verstand verstummte, der Verdacht schlief ein und Kurt von Solfershausen war selig, daß er sie jetzt in seine Arme nehmen durfte, daß sie seine Küsse leidenschaftlich erwiderte und, ganz ihm hingegeben, mit einem Flüsterton, den er nicht verstand, an feinem Salfe hing....
ehe er die Tür öffnete und, sich hinausbeugend, dem Kutscher Die Droschke hielt. Aber sie mußten sich erst besinnen, die Adresse seiner Wohnung gab.
Und nun hatten sie gar keine Zeit mehr, viel zu fragen oder miteinander zu reden. Die ganze Fahrt war ein einziger, langer, glückseliger Kuß ....
Dann stiegen sie aus und gingen beim Schein eines Wachskerzchens leise lachend die drei Treppen hinauf. Sturt hatte eine eigene kleine Wohnung, es störte sie niemand. Wie er ihr aber das Cachenez und den Mantel abgenommen hatte, war wieder eine verlegene Pause, die er zu überbrücken suchte, indem er ihr zu essen und trinken anbot. herunterbringen können, nur ein Glas Wasser wollte sie.
Doch ihr Herz war so voll, sie hätte keinen Happen
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Und während er das aus der Küche holte, überlegte sie schnell: er war gewiß nicht wie andere Männer, und doch in dem einen Punkt, da waren sie alle gleich er würde gewiß mit ihr schlafen wollen.... Sie selbst, ihr schlug keine Ader danach; ach, diese Dinge waren ihr so ekelhaft geworden in der Zeit, die sie bei Mieze verbracht hatte.... Aber sollte sie ihn, den einen, den einzigen darum quälen? Es war ja so natürlich, die Männer konnten wahrscheinlich gar nicht