Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 14.
14]
Donnerstag, den 20. Januar.
( Nachdrud verboten.)
Im Namen des Gesetzes.
8.
Früh um 9 Uhr war Georg Hellwig aus dem Gefängnis entlaffen worden. Als er vor dem Portal des Hauptgebäudes stand und in dem nebeligen Oktobermorgen die Landstraße hinabblickte, da überkam ihn ein so merkwürdiges Gefühl der Berlaffenheit, das den heiß herbeigesehnten Moment der Befreiung trübte. War's, weil sein Barvermögen im ganzen nur wenig über sechs Mark betrug? Drei Mart hatte er schon mithineingebracht, und ebensoviel betrug der segenannte Arbeitsverdienst im Gefängnis... Er lachte höhnisch: Dafür hatte er sich zwei Monate abgeradert wie ein Pferd!... Als ob fie ihm fein Essen nicht sowieso hätten geben müssen! Na, er würde sich schon bald genug wieder raufrappeln! Er fand ja alle Tage Arbeit!
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Ein scharfer Wind fam von Berlin her und fegte dem jungen Menschen durch die leichten Kleider. Im August war er reingegangen ins Rittchen, bei der größten Hibe, und heute schrieb man den einundzwanzigsten Oktober. Vor allen Dingen mußte er nach Hause und sich seine Lumpen holen, denn wieso er sich dessen so klar bewußt war, wußte er felber nicht bei seinem Alten würde er jetzt nicht mehr wohnen können. Sie waren weder Freunde noch Feinde gewesen, er und sein Vater, aber jetzt, hier auf der falten Landstraße fühlte Georg auf einmal deutlich die heimliche Gegnerschaft zwischen sich und dem Manne, der selbstsüchtig wie so viele Bäter, Liebe weder zu geben noch zu erwecken verstanden hatte. Und einmal so weit mit seinen Gedanken, befiel den starken Menschen die heiße Angst, nicht der Vater allein, auch feine Kollegen und Freunde könnten von ihm abrücken. Die Sicherheit, welche ihm seine Gefängnishaft so erleichtert hatte, jene Selbstgewißheit, die einen Helden und Märtyrer aus der eigenen Person machte, schwand vor dem kalten Wehen dieses Oktobertages, in dem der Knopfbrüder schauernd ein Bild und Gleichnis der Lieblosigkeit seiner Mit menschen ahnte...
Wie er so mit langsamen Schritten, ganz in Gedanken vorwärts ging, hörte er hinter sich sprechen. Und sich umblickend, gewahrte er drei Leute, die, etwas schneller wie er,
Na, ooch mit' n Bürjerbrief*) aus Tejel?" fragte der eine, fein Geficht komisch verziehend.
Der Knopforüder verstand das nicht, wie er so manchen Ausdruck der Gefangenen in der kurzen Zeit seiner Strafe wohl gehört, aber nicht verstehen gelernt hatte. Deshalb und weil seine Laune an sich nicht gut war, sah er mürrisch zur
Seite.
"
Der markiert' n Dussligen!" meinte der zweite, ein Bengel von vielleicht vierzehn Jahren, mit flatternden Ohren und fliehender Stirn, die um so auffälliger wurde, weil er die kleine Radfahrmüße ganz nach hinten gerüdt trug.
Det Du man nich' ne Badpfeife friegst!" erwiderte jekt Hellwig.
Da lachten fie alle drei, und der lekte, ein alter, dider Mensch mit rotpusteliger Säufernafe, fagte mit seiner heiserröchelnden Stimme:
Renn Mathilde)!... Det wär' ja noch scheener, wenn sich de duften Kunden jejenseitig vatobaden wollten!... Komm lieber mit, det wa erst mal wieder ne vaninftije Achselfahrt zusamm' machen... Du kommst doch ooch aus' n irienen Boom***), wah?"
Der Knopforüder befann sich. Er hatte so lange nicht mehr mit Leuten, die nicht Beamte waren, gesprochen, daß er sich ganz gern ein bißchen unterhalten hätte. Aber die drei gefielen ihm nicht, es waren Dallesbrüder, das fab man ihnen schon von weitem an. Und Georg Hellwig war auch zu sehr Eigenbrödler, er schwadronnierte gern eine Weile und
*) Entlassungsschein aus dem Gefängnis. Begrüßungswort der Wanderburschen und Tippelbrüder. ***) Spitname für das Tegeler Gefängnis..
1910
hörte recht gern einen feurigen und möglichst radikalen Redner sprechen, aber das Quaffeln, das endlose Debattieren und das schließlich in besoffenem Stumpffinn ausartende Hin- und Herreden, dafür hatte er sich nie erwärmen können. Da faß er denn viel lieber zu Hause, las einen recht blutrünstigen Kriminalroman oder spann, im Dunkeln auf seinem Bett liegend und rauchend, seinen eigenen Gedanten aus: wie es wäre, wenn er so im Mittelalter gelebt hätte, als freier Mensch, mit Waffen in der Hand und ohne diese duffelige Polizei, die den Bürger am Gängelband führte. Er sah sich in seinen Phantasien als ein Mittelding zwischen Räuberhauptmann und Feldherr, überall bekannt und gefürchtet, aber nie zu fassen. Oder er verfekte sich wieder mit einem Sprung in die Jektzeit und stürzte, mit der roten Fahne in der Faust, einer Schar bewaffneter und begeisterter Revolutionäre voran, in den Kampf... Sein reger Geist zauberte sich die blutbesprigte Straße hervor, die man durch und umgestürzte Straßenbahnaufgerissenes Trottoir waggons unpassierbar gemacht hatte. Ueberall lagen die Leichen der Genossen, aber auch Soldaten sah man mit gespaltenem Schädel und zerrissenen Uniformen... Und er, er selber wurde von den Kugeln des Militärs getroffen, aber iede Kugel, die ihn traf, erhöhte feine Kraft nur! Er ging nicht mehr, er schwebte in der Luft, und wild flatterte seine Und diese Bilder, die seine außerordentlich Fahne!. starte Einbildung manchmal am hellichten Tage sah, waren durchsetzt von sinnlichen Vorstellungen. Frauen und Mädchen jubelten ihm als ihrem Abgott zu. Er sah volle Arme und leuchtende Nacken, weiße, stroßende Busen drängten sich ihm entgegen, und wie eine rote Woge schlug die Fleischeslust über feinem Denken zusammen.
So war es früher, jetzt hatten seine Empfindungen härtere Linien bekommen, die Idealität schwand in der be drückenden Luft des Gefängnisses, und zu dem Haß, der immer in dem Herzen dieses jungen Arbeiters brannte, gefellte sich die stumme Erbitterung über die seiner Ueberzeugung nach ungerecht erduldeten Leiden...
Die drei entlassenen Gefangenen waren schon weit voraus und hatten diesen Sonderling, den sie für hochmütig hielten, wahrscheinlich längst vergeffen.
Georg Hellwig ging langsam weiter, mit der unklaren Empfindung, daß er etwas tun müsse, was denen, in deren Gesellschaft er jest zurüdfehrte, zeigen sollte, wie sehr unrecht fich aufmerksam zu machen, war von jeher in ihm gewesen. fie ihm getan hatten. Diese Sucht, die anderen Menschenauf Sie hatte schon den Knaben, den seine Körperkräfte dabei unterftigten, sich aufwerfen lassen zum Befehlshaber und Häuptling bei den findlichen Spielen feiner Kameraden. Auch später, als diese Spiele nicht mehr so kindlich blieben, als Kürbisse gestohlen wurden in den Lauben, und die jugendlichen Taugenichtse auch vor der Entwendung einer Taube oder eines Kaninchens nicht zurückschreckten, nahm Georg Hellwig stets den Löwenanteil der Gefahr auf sich, ohne von dem Erlös des Raubes mehr als die anderen zu beanspruchen. Aber in diesen Exkursionen war viel mehr Kraftmeierei und Sang zum abenteuerlichen Leben als wirkliche Schlechtigfeit und, was so an tollen Streichen von der wie Indianer dahinschleichenden Bande unter allem möglichen Hokuspokus ausgeführt wurde, das hätte der einzelne für sich allein mit Entrüftung von sich gewiesen.
Georg Hellwig wurde, als der Besitzer einer geplünderten Laube Lärm schlug, von seinem Vater beinahe totgeprügelt. Er weinte nicht, und er machte auch niemanden dafür verantwortlich, aber er schlug allen Ernstes vor, dem Laubenbesiger die Bude anzufteden. Das scheiterte an der Furcht der anderen, die ihn seitdem anfingen zu meiden. Dann kam er in die Lehre, und der Verkehr mit seinen alten Freunden wurde auch dadurch lauer. Aber es fanden sich nicht viel neue. Hellwigs Wesen war wohl zu herrisch, die ängstlichen gingen ihm aus den Wege und die mutigeren ließen ihn links liegen, weil sie selbst eine Rolle in ihrem Streis spielen wollten und in Georg den stärkeren Rivalen fahen.
Bis er durch Zufall ein Mitglied des Athletenklubs ,, Simson" fennen lernte. Einen jungen Bierbrauer, der ein Biertelfaß mit einer Hand aufhob. Ja, das waren seine Leute! Da galt er etwas, da fonnt er zeigen, was feine