Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 20. Freitag den 28 Januar. 1910 (Nachdruck vsrdolen.) 20Z Im I>kamen des Gcfctzcs. Von Hans Hyan . Die aufs eleganteste eingerichteten Nischen waren auch nach vorn, nach den Gängen zu mit schweren Portieren zu verschließen. Der Kellner kam gerade, um die Bestellungen aufzunehmen, als ein Herr draußen an dem jetzt halboffenen Vorhang vorüberschritt. Er ging vor einer Dame her, hatte aber doch Lust und Zeit genug, neugierig hereinzublicken. Kurt von Solfershausen sprach mit dem Kellner, er hatte den Vorübergehenden offenbar nicht bemerkt. Ella, zu der sich der junge Jurist jetzt wieder wandte, saß, bis in die Lippen erblaßt, auf dem kleinen Kanapee. Dieses plötzliche Erbleichen war so auffallend, daß Kurt heftig zusammenfuhr und sagte: Was ist Dir denn,... Du bist doch mit cinemmal so furchtbar blaß.... Fehlt Dir etwas.... sage doch, liebes Herz!.. Und er beugte sich zu ihr und umschlang sie zärtlich. Sie lächelte, wie unter Qualen: Nein, Kurt, gar nichts... mir is ganz gut... waS soll mir denn fehlen!..." Aber das sagte sie mit einer so müden, wie von einem großen Schreck gelähmten Stimme, daß Kurt sich nicht täuschen lassen konnte... Und da er unwillkürlich an die dicht vorhergehende Begegnung mit Ellas Bruder dachte, kam er auf das Richtige. .Hast Du wieder jemand gesehen, Liebling?... ja?..." Ihr flössen die Tränen über die Wangen. Quäll mich doch nicht!... Du!..." Sie faßte ihn um und suchte seinen Mund, der ihre Küsse jetzt nicht so feurig wie sonst erwiderte... Längst hatte Kurt gemerkt, daß zwischen jenem Abend. wo er ihretwegen seinen Vetter beinah' gefordert hätte, und ihrer jetzigen Wiederbegegnung Dinge passiert sein mußten, die sie ihm verheimlichte und unter denen er ebenso sehr leiden würde, wenn er sie erführe, als es bei ihr zweifellos der Fall war. Aber dieser noch so junge Mann befaß eine bewundernswürdige Selbstbescheidung und Disziplin. Er hatte eine sehr gute Kinderstube gehabt und das Glück, so veranlagt zu sein, wie Mutter Natur nur in ihren allerbesten Augenblicken ein Geschöpf zusammenbringt. Mit der Achtung vor der Persönlichkeit des andern paarte sich in ihm jener liebenswürdige Egoismus, der klug und energisch angenehme Zustände so lange wie möglich aufrecht zu halten bestrebt ist. Und das Beisammensein mit Ella schien ihm das reizendste. was er bisher erlebt hatte. Vielleicht wäre er in den ersten vernunftlosen Momenten der Leidenschaft so gar bereit gewesen, ihrethalben eine Torheit zu begehen und sie zu heiraten. Nun wußte er, daß sie zusammenblieben, so lange ihre Herzen es wollten, und daß er später Ellas Zukunft so sichern würde, daß nie wieder Not und Verführung an sie herantreten könnten. Und weil er trotz oller Liebe in ihr nicht die zukünftige Gattin sah, deshalb fühlte er sich auch nicht bcrech- tigt, die verhüllenden Schleier fortzureißen von den Wunden, die das Leben seinem armen Liebling schon geschlagen hatte... Gewiß schmerzte ihn der eigene Argwohn, der so heimlich und doch so ruhelos in ihrer Vergangenheit tastete. Aber er wagte es nicht, sich Gewißheit zu verschaffen, meistens, weil er ihr nicht wehtun wollte, zum Teil aber auch, weil er sich selbst und für seine tiefe Zärtlichkeit zu der Geliebten fürchtete... So wollte an diesem Abend kein rechter Frohsinn kommen. Der Sekt, den Ella leidenschaftlich gern trank, perlte längst in den Gläsern, aber die beiden waren noch immer wie ztvei, die eines Zufalls Laune in einem Separee znsammengeweht hat und die fühlen, daß sie nicht zusammen dahinein gehören... Schließlich bekam Ella Furcht, er zürne ihr innerlich und. aus Angst, ihn am Ende gar zu verlieren, erniedrigte sie sich vor sich selber und wollte ihm eben irgend was sagen. wenngleich sie die Dinge so, wie sie geschehen waren, ja nie iiber die Lippen gebracht hätte... Da kam der Kellner und brachte auf silbernem Tellerchen eine Karte... ob der Herr vielleicht für einen Moment zu sprechen wäre? Ella fing an zu zittern... S» hatte rasch hingesehen auf den Teller und den Namen Zander erkannt. Kurt lächelte ihr lieb zu, dann sagte er: Wollen Sie die Freundlichkeit haben und den Herrn hierher bitten!" Der Kellner verschwand, sowie er draußen war, nahm Kurt Ellas Hand, küßte sie und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen, als wollte er sagen:Fürchte Dich nicht!" Gleich darauf trat der Rechtsanwalt Martin Zander ein, mit seinem glattesten Lächeln: Verzeihen Sie, wenn ich störe, lieber Freund!" Er streckte dem jungen Rechtsbeflissenen, der vor kurzem seinen Referendar gemacht hatte, die mit einem funkelnden Solitär geschmückte Rechte entgegen,.... guten Abend, gnädiges Fräulein!... Aber ich sah im Vorbeigehen zufällig herein und da dacht' ich, Du mußt doch mal sehen, ob Du Dich nicht getäuscht hast..." Inwiefern?" fragte Kurt, der aufgestanden war und sich, um nickst den Anwalt damit etwa zum Bleiben auf- zufordern, auch vorläufig nicht wieder niederließ,meinten Sie hinsichtlich meines Beisammenseins mit Fräulein Hcllwig?" Er blitzte dabei den Anwalt aus seinen großen, schwarzen Sternen so eindringlich forschend an. daß dieser siebenmal Gesiebte es schwer hatte, seinen Gleichmut zu beivahren. Aber nicht doch!... ich bitte... Wenn man sich so lange nicht gesehen hat!... Das sind ja doch schon Monate, daß wir den hübschen Abend bei Ihrem Vetter zusammen mitmachten, nicht wahr?..." Allerdings!" sagte Kurt, immer mit seiner forcierten Lustigkeit in der Stimme, die den andern ganz nervös zu machen schien. Waren Sie in der Zwischenzeit verreist... in Ihrer Heimat?.... fragte Zander mit krampfhafter Höflich- keit.... Nein, ich war in Berlin ." Nun, dann werden wir uns ja hoffentlich in diesem Winter wieder hier und dort begegnen!" Kurt zuckte die Achseln. «Schon möglich, Herr Rechtsanwalt... adieu!" Er legte flüchtig seine Hand in die des Anwalts, der sich mit einer utriert tiefen Verbeugung vor Ella entfernte. Jetzt hast Du ihn Dir zum Feinde gemacht," klagte die Blonde leise, wie er gegangen war. Na. und wenn!..." Solfershausen lachte hell auf. Aber er ward gleich wieder ernst und nach einer Weile fragte er leise: War's nicht der Zander, von dem Du Dich an dem Abend hast nach Hause bringen lassen?" Ella nickte nur, ihre Lippen zitterten. In seinem Automobil, nickst wahr?" fragte Kurt noch. Und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu bejahen. Kurt steckte sich eine Zigarette an, dann schenkte er sich und der Geliebten das Glas voll, und sie tranken beide hastig und tranken wieder, mit flackernden Blicken und be- bcnden Lippen, als könnten sie das Weh in ihrer Brnst damit betäuben.... 13 Zwei Tage später bekam Kurt von Solfershausen früh- morgens beim Empfange der Post eine anFräulein Ella Hellwig, per Adresse Herr Kurt von Solfershausen, Refe� rendar" adressierte Zustellungsurkunde in die Hand. Sehr befremdet und voller Unruhe fertigte er den Post« boten ab und gab die Zustellung seiner Geliebten. Es war ein Jainmer, mit anzusehen, wie dieses gelbe. in der bekannten Manier zusammengefaltete Papierblatt auf das arme Kind wirkte... Erst bekam sie's gar nicht aus» einander mit ihren zitternden Händen... Kurt verließ das Zimmer, aus Zartgefühl; das war gut, er brauchte so nicht Ellas an eine Ohnmacht grenzendes Erschrecken beim Lesen zu sehen... aber el war auch nicht gut, daß er hinausging ... vielleicht wäre es sonst jetzt zu einer Aussprache zwischen ihnen beiden gekommen und dann wäre später alles wohl ganz anders geworden..-