Zlnterhaltungsölatt des'Vorwärts Nr. 21. Sonnabend den 29 Januar. 1910 lNaSdrua oertoten.) au Im JVamen cles Gcfetzes. Von Hans Hyan . Kurt hatte heute bei seiner Arbeit auch nicht die rechte Sammlung. Er mußte zuviel an sein trauriges Mädchen und den Grund ihres Schmerzes denken... Schließlich, wie er alles so immer von neuem überlegte, kam er auch auf den Rechtsanwalt Zander und die Begegnung neulich im Restaurant. Und wiewohl er sich den Zusammenhang nicht recht denken konnte, wurde es seinem spürenden Verstände und mehr noch seinem Gefühl immer mehr zur Gewißheit, daß bei Ellas Vorladung dieser Zander seine Hände im Spiel habe. Klar und gerade, wie er stets handelte und dachte, nahm er sich vor, gleich nach Beendigung seines Dienstes— er war jetzt beim Landgericht II tätig— zu dem Manne hinzugehen und mit ihm zu reden. Sobald er frei war. erkundigte er sich im Zimmer der Rechtsanwälte nach Zander, und während noch der Bureau- diener nach jenem suchte, kam der Anwalt selbst, in der Ab- ficht, eben fortzugehen. Der Referendar trat, seinen Hut lüftend, auf ihn zu und sagte, er hätte den Wunsch, über eine Angelegenheit mit ihm zu konferieren. „In Praxi?" fragte der Anwalt, wobei sein unsympa- thisches Gesicht förmlich triumphierte. „Das auch... vielleicht könnten wir gemeinsam nach Hause fahren?" „Ich esse in der Stadt, aber ich lade Sie ein, mein Gast zu sein!" Er sagte das sicher nur deshalb, weil er wußte, wie wenig angenehm seine Einladung Kurt sein würde... Er war sich ja keinen Augenblick unklar über die Beweggründe, die Kurt von Solfershausen ihn aufsuchen ließen. Kurt entschuldigte sich, er habe schon gegessen und nippte auch kaum an dem Wein, den jener ihm einschenkte, als sie eine halbe Stunde später in einem künstlerisch eingerichteten Weinlokal der Friedrichstadt einander gegenüber saßen. Der kleine, mit geschliffenem Messing und alten Kupfer- stichen dekorierte Raum gehörte ihnen, da keine Gäste sonst hier saßen, ganz allein. Kurt ging gerade auf sein Ziel los: „Sie wissen. Herr Rechtsanwalt, daß ich mit Ella Hellwig zusammenlebe, nicht wahr?" Zander tat, als fiele er aus den Wolken: „Aber nein, was Sie sagen!... Daö ist das erste, was ich höret..." Mit einem verächtlichen Gesicht erwiderte der Referendar: „Dann wundert es mich aber doch, Herr Rechtsanwalt, daß<Äe dem Gericht zu irgend welchen Zwecken meine Adresse als die des Fräuleins angegeben haben..." „Ach so ja", Zander legte die Hand an die Stirn,„das stimmt I... bei dieser Fülle der Geschäfte vergißt man zu leicht solche Lappalien... und sehen Sie, Herr Referendar — übrigens Hab' ich Ihnen ja noch gar nicht dazu gratuliert, lieber Freund!" „Danke, danke!" wehrte Kurt ab. „Ja, sehen Sie, mein lieber Herr von Solfershausen, „nun wüßt' ich doch die Adresse des Fräuleins nicht, wohin sollt' ich denn da adressieren!... Schließlich kam ich auf die gute Idee, das Schriftstück per Adresse an Sie, verehrter Herr, gehen zu lasten!... Sie, sagte ich mir. würden die Zustellung schon in die rechten Hände befördern..." „Das ist geschehen!"... entgegnete jwrt sehr ernst,„aber darf ich Sie nun vielleicht fragen, was der Zweck dieser Ladung ist, Herr Rechtsanwalt!..." „Ja, das ist eigentlich Amtsgeheimnis!... aber..." er machte eine chevalereske Handbewegung,„unter so guten Bekannten wird es schließlich weiter nichts auf sich haben!... Ich habe nämlich... ich wollte... das heißt, die Dame, ich meine Fräulein Hellwig ist eine Freundin meiner Klientin. Fräulein Blankenstein...." Kurt zuckte die Achseln: „Bedaure... mir gänzlich unbekannt!" „Nun, da verlieren Sie auch nicht sehr viel", meinte Zander, der sich jetzt auf den guten Kerl aufspielte,„Fräulein Marie, oder, wie man in Berlin O. sagt: Mieze Blankenstein soll nämlich einem jungen Menschen, offenbar einem ihrer vielen Verehrer, die Uhr geklemmt haben..." Kurt nahm die Unterlippe Mischen die Zähne, er war blaß geworden: „Und das soll die Freundin von... von Fräulein Hell- wig sein, sagen Sie?" „Ja, ganz recht... so sagte ich... und so ist es auch!" „Sie wollen sagen," erwiderte Kurt mit einem hoch- mütigen Zusammenziehen seiner Weißen, hohen Stirne,„daß dies von Ihrer Klientin behauptet wird?" „Nein, Fräulein Hellwig hat es mir selber auch gesagt." Kurt sah vor sich nieder, als habe er einen Schlag be- kommen. Er zweiselte kaum an der Wahrheit dessen, was Zander behauptete. „Ja," sagte er mit einer Stimme, die ihm selber fremd vorkam,„sie wohnte damals bei dieser... bei diesem Fräu- lein Blankenstein...." „Ganz recht!... und sie sollen gesehen haben," fuhr der Rechtsanwalt hämisch fort,„wie die Blankenstein von einem jungen Menschen namens Meyer die fragliche Uhr als Pfand erhalten hat... während von der gegnerischen Seite be- hauptet wird, die Blankenstein habe dem Meyer einfach die Uhr aus der Tasche gerissen, als dieser den Bettzins nicht entrichten konnte...." „Und deshalb haben Sie die Ladung des Fräulein Hell- wig beantragt?" fragte Kurt, der sich bemühte, kalt und ruhig zu bleiben und der mit einem harten Entschluß rang. Er blickte vor sich hin, aber plötzlich fuhr sein Auge empor, mit einem Aufblitzen hinein in die grinsende Fratze des Rechts- anwalts. Und sich erhebend, sagte der Referendar: „Sie sind der gemeinste Mensch, der mir je vorgekommen ist! Wenn ich nicht fürchten müßte, mich zu beschmutzen, würde ich Sie hier vor allen Leuten ins Gesicht schlagen!..." Martin Zanders graue Gesichtsfarbe bekam einen Stich ins Grünliche, seine flackernden Augen wurden groß, und die unangenehmen Lippen unter dem schütteren Schnurrbart kramptten sich nach innen. „Nehmen Sie das zurück!" sagte er fast weinend. Kurt sah ihn fest an und sagte langsam, mit halblauker Stimme: „Ich wiederhole, Sie find das ordinärste Subjekt, das mir je vorgekommen ist!... Ich..." „Und trotzdem," geiferte der andere daMischen,„trotz- dem hat mich..." Aber er kam nicht weiter, die neue Schändlichkeit er- starrte auf seinen Lippen vor dem erschreckenden Gesichtsaus- druck des jungen Mannes, dessen Geduld am Ende schien. und der aussah, als wollte er sich im nächsten Augenblick auf Zander stürzen, um ihn zu erwürgen. Der Rechtsanwalt drehte sich plötzlich zur Seite, rief: „Kellner zahlen!" und beglich, als der Kellner, der, offenbar schon neugierig geworden, unweit Posto gefaßt hatte und jetzt schnell herbeikam, seine Zeche. Dann, schon im Abgehen, drehte er sich noch einmal um und stieß mit einem wütenden Zucken seines widerwärtigen Gesichtes die Worte hervor: „Das vergesse ich Ihnen nicht!... Sie!... Das..." Kurt verstand das übrige nicht. Er sagte zwischen die Worte des Anwalts hinein: „Ich bin jederzeit zu finden!... und ich wiederhole, was ich gesagt Habel..." Es war, als wollte sich Zander noch zu einer Erwiderung umdrehen, aber er ging weiter. Gleich nach ihm ver- ließ Kurt v. Solfershausen das Lokal. 14. Es war. wie wenn unausgesetzt ein schweres Gewitter über dem kleinen trauliche« Nest stünde, das Kurt Solfers- Hausen und die blonde Ella sonst von früh bis spät mit ihrer verliebten Zärtlichkeit erfüllt hatten.... Die Tage bis zum 27. November wurden für beide zur endlosen Pein. Und wie der Morgen herankam, an dem Ella fortmußte, nach Moabit zur Verhandlung, da ebnete ihr Geliebter der Blon-
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