Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 33.
Mittwoch den 16 Februar.
( Nachdruck verboten.)
83] Im Namen des Gesetzes.
23.
Es war eben Mittag, als Georg Hellwig die Sanitätswache verließ, wo man über ein paar Hautrisse und Schmarren Streifen von englischem Pflaster geklebt und nach längerem Befühlen und Gelentbiegen festgestellt hatte, daß wenigstens nichts gebrochen sei. Auch innerlich sei wohl faum etwas verlegt, und die heftigen Schmerzen, die der Geschlagene empfand, würden sich bald verlieren. Er fönne von Glück sagen; wahr scheinlich hätte er früher viel mit schwerem Gewicht gearbeitet oder trainiert, sonst hätten besonders die Bauchmuskeln den Tritten und Hieben nicht so standgehalten!.
Georg antwortete nur mit einem rauhen Lachen. Da war der Athletensport doch zu was nüze gewesen! Aber im Grunde wär's besser, so schien es ihm, wenn sie ihn totgeschlagen hätten!... Er hatte doch fein Glück auf der Welt!.
Der junge Arzt, dem schon dieser ungewöhnlich bemusfelte Körper aufgefallen war, intereffierte sich, wie er den jetzt mehr traurigen als wütenden Ausdruck des harten Gesichtes fah, auch für den Menschen, dessen elende, nun auch noch überall zerriffene Kleidung ihm des Trägers Not verriet. Er fragte ihn nach seinem Handwerk, erhielt aber so einfilbige und widerwillige Antwort, daß er den Versuch aufgab, diesem mürrischen Sinn näher zu kommen.
Es hätte vielleicht auch nur noch weniger Worte und einer fleinen Hilfe bedurft, um diesen Mißhandelten zu trösten, um ihn nicht gar so tief in die Dornen seines Haffes hineingeraten zu lassen. So ging der ehemals so freudige, lebens- und arbeitslustige Mensch von dannen, mit einem ihn fast erstickenden Grimm in der Brust.... Die einzige Liebe, die ihm die Sonne gegeben hatte, war in einem Krankenhauszimmer am Erlöschen. Von allen Seiten starrte ihm Gleichgültigkeit, Berachtung und Haß entgegen; er fam sich vor wie ein Tier, das alle verfolgen und das nirgends Schutz findet. Und bei dieser Empfindung knirschte der Troß in ihm. Seine Wunden und Schmerzen konnten das Gefühl seiner förperlichen Ueberlegenheit nicht unterdrücken; er fühlte sich start genug, den Kampf aufzunehmenden Stampf gegen die Gesellschaft.
Aber vorläufig war er ratlos, er irrte in den Straßen hin und her und fand schließlich nichts anderes, als nach dem Norden hinauszupilgern, wo er in Schlafstelle lag bei einer Witwe, die selbst nichts hatte.
Mit Schrecken sah sie, wie man ihren Mieter zugerichtet hatte. Sie bedauerte ihn, flickte seine ärmlichen Kleider und wagte gar nicht, ihn zu fragen, wie es denn nun mit den sechs Mark Schlafgeld werden sollte, die er ihr schuldete.
Georg selbst hatte seine Schuld nicht eine Minute vergeffen.
,, Vermieten Se man morgen anderweitig, Frau Wiemer!" sagte er ,,, wenn ich heute das Geld nicht kriege, komm ich nicht wieder her!"
..Aber, Herr Hellwig, Sie wern mir schon bezahlen!. Da hab ich keine Angst!... wo Se doch auch nicht fönn' wie Se mechten!.. Nee, da komm' Se man ruhig und schlafen hier!... Natürlich janz umsonst, dis kann ich ja ooch nich! Aber Sie wer'n schon! Sind doch' n kräftiger Mann un wenn Se nun ooch mal Bech jehatt ham!...
Ja, ja," unterbrach sie Georg, der das lange Herumreden von Menschen, die im Grunde anders denken, nie hatte Teiden mögen ,,, auf Wiedersehen, Frau Wiemer!... hoffent Tich heute abend!... Atjöh!"
Und er ging, obwohl er wütenden Hunger hatte und die Frau am liebsten um ein Stück Brot und ein bißchen Kaffee gebeten hätte.
Wo er aber hinwollte, das war ihm neklar.
1910
Doch der Hunger ist bitter und aufreizend. Und der einzige Gegengrund, den er anerkennt, heißt Essen!
Es war nach drei. Um diese Beit saßen die Brüder zumeist in einem kleinen Café in der Müllerstraße, das den Namen„ Lustige Sieben", wenn auch nidt auf dem Firmenschild, führte und ihn durchaus verdiente.
feite auf und nieder, ehe er den Mut hatte, einzutreten. Georg ging lange auf der gegenüberliegenden Straßent.
gezogen waren, faßen in dem schmalen, sich tief nach hinten In der Nähe des Fensters, deffen gelbe Borhänge zu ziehenden Raum der„ bayerische Franz"," Fliegenfuß" und noch einer, den Georg nicht fannte. Georg sah wohl, wie ihn die Zuhälter, die sich übrigens recht taftvoll seiner Armut gegenüber benahmen, verstohlen musterten; er hätte vor Scham in die Erde sinken mögen. Aber er war doch froh, daß er wenigstens das Schwerste überwunden und sich hereingewagt hatte.
Gesell mit dunkelblizenden Augen, wo warst denn solange?" No," meinte der Bayer, ein schwarzhaariger, hagerer Och," sagte Georg, ich ich habe jearbeit!" Da lächelten die drei: wenn die Arbeit nicht mehr einnicht, erst damit anzufangen! brachte, wie solch ein Aussehen, dann lohnte sich's wahrlich
ab, indem er den Kellner rief: Aber Fliegenfuß brach die für Georg peinliche Situation
Freind und... jefriehstückt haste wohl ooch nich, Jeorch?... ,, Du, Theo, bring mal' n Jlas Bier her für unsern ooch fleich die Speisekarte, Theo!"
Nach kurzer Zeit hatte Georg ein Beafsteak vor sich, in dessen Sauce er ein Brötchen nach dem andern eintunkte, bis Fliegenfuß und die beiden anderen lachend sagten, er solle sich doch gar nicht genieren und so viel essen, wie nur in ihn reinginge! Denn daß er schrecklich in Bruch wäre, das sähe doch jeder;' s wär ja Unfinn, sich gegenseitig was vormachen zu wollen! Dazu existierte ja der Klub gerade, um einem, der ins Schlamassel geraten wäre, wieder auf die Beine zu helfen! Und im übrigen fäm's auch gar nicht so drauf an: Der grüne Heinrich bezahlte heute sowieso alles!..
Da sab sich Georg den ihm zur Linken Sißenden erst richtig an... der grüne Heinrich? Er dachte angestrengt nach: Der grüne Heinrich?... wo und wann hatte er doch den Namen schon mal gehört?...
Der grüne Heinrich hielt die Hand über den Mund, daß die breite, eingedrückte Nase hervortrat und sah den Nachbar aus fleinen, lauernden Augen scharf an. Die graue Farbe gab diesem Gesicht, dessen Haar in furzer Bürste über den runden Stopf stand, nichts Anheimelndes, und wie der Grüne jetzt die Hand vom Mund nahm, sah Georg einen sich brutal borschiebenden Unterkiefer mit stopplig blondem Vollbart.
,, Eintlich müßt ick Dir ja böse sin!" sagte der Grüne, nach seinem Bierglas langend, aber schließlich, wat kannst Du'n davor un haben tuste ihr ja ooch nich mehr.
"
Ganz betroffen starrte ihn Hellwig an. Der meinte doch nicht etwa die Emma?... Ach, nun fiel es ihm ein. Der grüne Heinrich), das war damals Emmas Bräutigam gewesen, damals, ehe er sie noch kannte... Und eine Flut von Gedanken stürmte auf ihn ein... Jener falte Oftobertag lebte wieder auf in seiner Erinnerung, wo er aus Tegel fam, aus dem grünen Baum, wo er seine erste ungerechte Strafe erlitten hatte... Sein Auge brannte und die Lippen preßten sich hart aufeinander.
Der andere hatte ihn nicht aus dem Auge gelassen, die Veränderung in Georgs Zügen konnte ihm nicht entgehen. ,, Biste am Ende noch wietend uff mir?" Der Mann mit dem starken Stopf, der ein wenig vornüber auf einem massigen Genic saß, lachte kurz auf, ick mißte doch eigentlich ärgerlich sein! Wenn de se mir nich weggeschnappt hättst, denn hätte ick jet' mein Spinde( Liebste) un brauchte nich erst uff Flanell spannen*)... aber wer weeß, ob ich mir det nicht übahaupt een für allemal cbjewehne... vor mein Geschäft paßt det nich recht mehr..."
zu.
Die einzigen Bekannten, an die er denken durfte, waren die Brüder im Klub. Und vor dene: hatte er eine große er Scheu. Es war, als stemme sich in ihm zu guter Lezt noch etwas mit zäher Hartnädigkeit gegen sein Verderben....
Georg verstand den Mann nicht. Er hörte auch nur halb Seine Gedanken weilten bei der franken Emma. Aber fab sie jest gesund und in der vollen brennenden Blüte *) Was Weibliches fachen.