Nnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 42. Dienstag, den 1. März. 1910 KKaAbnut McDotes.! 421 Im JVamen cles Gefctzcd. Von HanS Hyan . Vor Georgs schreckhast erweiterten Pupillen lag die sehr große Frau fast nackt. In den konvulsivischen Zuckungen, die bei ihrer großen Widerstandskraft vorangegangen sein mußten, hatte sie Decken und Hemd fortgeschoben: ihre starken Beine und die schön gemeißelten Arme waren, wie in einer Extase gekrümmt und so von der betäubenden Kraft festgehalten. Das elektrische Licht fiel voll auf diesen schamlosen Körper, der wie ein Bild des Lasters selbst dalag und dessen Gesicht, bleich und umschattet, gleichsam in einem frechen Grinsen das blanke Gebiß zeigte... „Na haste sie da nu jenuch anjekiekt?" fragte der Grüne den Genossen, der noch wie erstarrt vor diesem zügellosen Bilde stand. „Wir haben keene Zeit, Dul... Hier!..." Er drückte ihm das Heft eines langen, scharfgeschliffenen Messers in die Hand, das Georg vorher nicht bei ihm gesehen hatte.„Im Fall det se ustwachtl Denn zeigste ihr det solange, bis ick vorn bin... Ick drück ihr denn schon wieder das Pflaster uff die Reese l" Georgs ratloser Blick irrte zum Stuhl hin, der neben dem Bett stand: dort lagen über Korsett, Unterröcken und Frauenhosen zwei lange buntgeringelte Strümpfe... und darauf ein Weißes, zusammengefaltetes Tuch... Ah! davon ging der scharfe Geruch aus, der das ganze Zimmer mit be» täubender Wvlke füllte...„Aether," hatte der Grüne vorhin gesagt... Wie fest die Frau schlief und wie die kolossalen Brüste zur Seite fielen, gleich überreichen Früchten... Georgs Augen glitten darüber hin... Eine furchtbare körperliche Erregung bemächtigte sich seiner, die es ihm schwer machte, hier Wache zu halten. Er sah, wie von einem schnell sich steigernden Rausch be- fangen, so teilnahmslos, als sei er selbst daran gar nicht be- teiligt, wie der Grüne sich an der unterm Bett hervorgezogenen eisernen Kasiette zu schaffen machte. Er hörte jenen unver- ständliche Worte brummen, während er mit den aus der Hand- tasche genommenen Instrumenten an dem Eisenbehälter bohrte, bog und brach... Aber das interessierte den Großen mit dem krampfhast gespannten Gesicht kaum. Mit schmerzenden Leib- und Len- denmuskeln stand er am Kopfende des Bettes, hielt krampf- Haft das lange, glänzende Messer stoßbereit in der Rechten und sog diese lasterhafte Nacktheit, obwohl sie ihn abstieß, mtt gierigen Atemzügen ein... Allmählich aber, während es neben ihm am Boden klirrte, klapperte und krachte, hoben sich aus dem Chaos der rein sinnlichen Vorstellungen in Georgs Innern klar bewußt die Gedanken... Lag da nicht das Mensch, auf dessen Veranlassung er damals wie ein Hund ge- schlagen worden war? Hatte sie nicht die Ella auf dem Ge- wissen, die ein so gutes reines Kind gewesen, auf die er so stolz gewesen war als Junge?... Das war ja kein Weib, das war eine Bestie, die um Geld zu verdienen, sich nicht einen Augenblick bedachte, die Ehre und selbst das Leben der anderen zu verkaufen... Die verdient doch kein Mitleid... Ah, sie sollte nur aufwachen... Abscheu und Wut, aus verhaltener Begier geboren, machten, daß Georgs harte Augen zu lodern begannen und seine Faust den Griff des Messers noch fester umklammerte... Am Boden fluchte der Grüne, die Kassette hielt seinen mangelhaften Instrumenten immer noch Stand, er schaffte nichts. Und noch scheute er sich, des enormen Krachs wegen, der dabei nicht zu vermeiden war, den Deckel mit Hebelkraft nach außen zu sprengen... „Hahl" machte Georg. Der Grüne war empor. „Was denn?" „Dal..." Der Busen des Weibes hob sich unmerklich, dann lag sie wieder wie eine Tote. Sie starrten beide darauf hin, die Männer.. � Der grüne Heinrich machte eine ärgerliche Bewegung.- h „Ach, die schläft!... paß man uff!..." Georg tat der Arm weh, dessen Hand das Messer hielt, er ließ ihn ein bißchen sinken... Da knallte eine zurückspringend« Feder wie ein Pistolenschuß unter der Faust des Grünen. Georg mußte hinsehen... Und als er zurückblickte, schaute er in die weitgeöffneten Augen der Frau... Er sagte nichts, nur seine Kinnlade schob sich vor und die Zähne preßten wie Eisen aufeinander. Ein Seufzer kam aus der Brust der Liegenden, der Mund» öffnete sich in qualvollem Entsetzen, die Todesangst riß die Lieder noch weiter auf und die weißen Glieder schienen zitternd zu erwachen... Georg hielt den Atem an, seine Augen glühten, er kam nicht dazu, den Grünen anzurufen, ihn zu warnen... Ihre Totenstarre hatte die Frau beschützt. Nun sie zu leben an- fing, erwachte das Tier in dem Manne und hob in sinnlosem Haß, in lüsterner Grausamkeit die niörderischen Klauen Da gellte sie auf. „Haaaah.. Der Schrei zerbrach an dem Messer, das wie ein Blitz ihr ins Leben schnitt... Schluchzendes Gurgeln, aus den Arterien aufsprudelndes Blut, Hände, die in letzter Wehe nach dem Mörder krallten... Der weiße Bauch ging, einer Woge gleich hin und her, die Beine mit den aufgestützten Knien ebbten zu links und zu rechts und bei jedem Stoß, den das starke Herz der Frau noch tat, spie die Wunde, in der der Stahl noch steckte, rote gräßliche Wellen... „Ziehs Messer raus," sagte dumpf der Grüne, der hinter Georg stand... Von dessen Lippen kam ein blöder, dumpfer Laut... Mit losen Händen, vorgerecktem Kopf, in dem der Mund breit offen war, starrte er auf sein Opfer. „Ziehs Messer raus!" sagte der grüne Heinrich nochmal, „wir müssen wech!..." Da sah sich Georg um. „Ta... ta... ta..." keine Worte kamen, nur haltlose Silben,„... ich... ich.. „Ja Du.. sagte der Grüne,„nette Sachen machstel Aber nu laß man... Um det olle Aas is nich schade... bloß... zieh doch erst's Messer raus, Mensch... Dis kann doch nich hier bleiben!.. Er drängte den anderen wieder ans Bett heran. Und Georg, in dem der eigene Wille mit dieser grauenvollen Tat wie vernichtet schien, griff hin, besudelte sich tastend mit dem Blut der Ermordeten und faßte nach dem Messer. Wie die Klinge hervorkam, folgte von neuem dickes schwarzes Blut, das schon überall Bett und Kissen färbte.... „Du siehst nett aus!" murrte der Grüne, der Georgs rat- losen Augen, in denen es feucht schimmerte, auswich.„Nette Nummer!... Wenn de mir dis vorher jesagt hättest!..." „Ja," sagte Georg schwer schluckend----„ja"... „Na die Hauptsache is, daß nichts hierbleibt!... Ich mach schon... und Du...1 Da is Wasser! Mach da sauba!... janz waschen!... Ja, aber ja kerne Handabdrücke in't Handtuch, sonst haben se Dir jleich wech!... So... na ja, mach doch, Mensch! Wat stehste'n da, wie son Affe!... Denkste, ick wer ma die Hände ooch noch rot machen!... Man bloß los!..." Georg ging schwerfällig an das große Waschbecken, dessen Blumenmuster er genau betrachtete. Dann wusch er sich sehr gründlich, mit einem müden gleichgültigen Ausdruck auf den schlaffen, farblosen Zügen.— Und als ihn der Grüne er- mahnte:„Nochmall is noch nich jenug!" Da wiederholte er die Prozedur genau in der automatenhaften Weise, ehe er sich die Hände und das Gesicht am Handtuch trocknete... Der grüne Heinrich suchte wieder und wieder das Ge- mach ab, er suchte auf allen Möbeln, auf dem Teppich und selbst in den Dielenritzen nach irgend einem noch so kleinen Gegenstand, der hier liegen geblieben sein könnte. Nur um das Bett beschrieb er jedesmal einen großen Bogen, offenbar von der größten Scheu erfüllt, es könnte ein Tropfen jenes gefährlichen, verräterischen roten Saftes an seine Kleider kommen, mit dem der Frauenleichnam dort so verschwende- risch alles färbte, was in seine Nähe kam. Die fiel Georg, der mitten im Zimmer wie geistesgestört stand, etwas ein.
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27 (1.3.1910) 42
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