Zlnterhaltmigsblatt des Horwärts Nr. 43. Mittwoch� den 2 März. 1910 (NaSdrua verboten.) 43] Im JVamen des Gefctzce. Von Hans Hyan . 27. Der Grüne hatte eine langsam dahinschleichende Droschke herangerufen und Georg, dessen Gedanken wie in einem Wirbel brodelten, während sein Körper einfach dem fremden Willen nachgab, zuerst einsteigen lassen. Dann sagte er, noch draußen stehend, dem Kutscher eine Adresse, die Hellwig nicht verstand, stieg selbst ein und befahl dem anderen, sich auf den Rücksitz zu setzen. «Ick habe keene Lust, mir ooch die Sachen voll zu schmieren l". sagte er mürrisch,vor allen Dingen is et not- wendig, daß Du ne andere Kluft ankriegst... in die Schals wirste alle, so wie de uff die Straße trittst... Wir fahren jetzt bei mir und holen eenen Anzug... wenn er Dir ooch «ich janz jenau paßt, det macht nischtl... Det alte Zeich kommt in't Feuer.. Georg dachte, daß es doch richtiger wäre, wenn er einen von seinen eigenen Anzügen nähme, denn er hatte noch gute Garderobe... aber die war ja bei seiner früheren Wirtin, Frau Wiemer... Nein, das ging nicht, da kamen die Greifer zuerst hin. Uebrigens war ihm alles recht... er hätte wie ein Kind den widersinnigsten Anordnungen gehorcht, sein Intellekt war nicht imstande, selbst Entschlüsse zu fassen oder irgend einen Widerstand zu leisten... Er hoffte nur, der Grüne würde weiterreden, würde etwas sagen, das ihm selbst einen Halt gäbe in dieser greulichen Wirrnis. Doch der schwieg und starrte zum Fenster hinaus in den aufdämmernden Tag. Die Straßen des Ostens, durch die der Wagen gemächlich fuhr, waren ganz verödet. Und die Stille dieser ersten Frühstunden durchbrach nur das Rollen der Räder, das Klappern der Pferdehufe auf dem Asphalt... Mit jeder Minute wurde es heller. Der Mann, der wie zusammengebogen von seiner Seelenlast, auf dem Rücksitz der Droschke hockte, sah mit geheimem Schauder das wachsende Licht zwischen den schlummernden Häusern... Als jetzt eine Gesellschaft angezechter, singender Burschen heranzog, war es ihm wohl, Menschenstimmen zu hören... Die Fahrt dauerte lange. Nie hatte der grüne Heinrich seinem Kumpan verraten, wo er wohnte...«Ick tu det nicht" sagte er stets,eener muß von andern so unabhängig sind... und wat eener nicht weß, det kann er ooch nicht weitersagen!" Ein paarmal sah der frühere Knopfdrücker in einer Art von blödem Interesse nach den Straßennamen auf den blauen Emailleschildern an den Ecken, aber dann versank er wieder in sein dumpfes Brüten... bis die Droschke hielt. Nu wartste hier," sagte der Grüne,bis ick oben bin un pfeife, denn kommste ruff... die Haustür laß ick offen... muß doch erscht sehn, ob oben bei mir die Lust ooch reene ist" Die Hand hatte er während dieser Worte schon auf der Klinke. Und ehe noch Georg, dessen Entschlußstärke und Willensmacht vollkommen gelähmt waren, etwas dagegen ein- wenden konnte, war der grüne Heinrich aus der Droschke und verschwand raschen Schrittes, mit der kleinen Tasche in der Hand über das Trottoir eilend, in dem offenbar unver- schlossenen Hause... Eine brennende Angst, deren Ursache er sich vorläufig noch gar nicht eingestehen wollte, durchbebte Georgs Herz... Viel rascher, als er seit jener gräßlichen Tat irgend etwas an- gefangen hatte, ließ er das Fenster herab, um ja den Pfiff, mit dem ihm der andere herausrufen wollte, nicht zu über- hören... Und er wartete. Minuten vergingen. Die Sekunden hätte Georg, der gar nicht auf seine Uhr zu sehen wagte, an den fieberhaften Schlägen seines Herzens zählen können... Eine Viertelstunde tvar es sicher schont Warum pfiff denn der nicht? Wer konnte denn so früh da oben schon auf sein? Und schließlich war der Grütte doch nicht so ängstlich, der konnte sich doch Raum schaffen!... Das war doch lange nicht so gefährlich, als den Komplicen hier in der vorm Hause wartenden Droschke sitzen zu lassen... Aber... aber... der Grüne... Georg Hellwig stöhnte auf wie ein Schwerverwundeter... der wollte ihn doch nicht etwa sitzen lassen in dieser schrecklichen Lage?I Der große starke Mensch fing an zu weinen wie ein Kind... Er stierte auf das Haustor, durch das der grüne Heinrich verschwunden war: und jetzt, wo das Tageslicht, noch sonnenlos, aber schon klarweiß alles erkennen ließ, sah er deutlich durch seine Tränen: die Haustür war nur ange- lehnt... Er öffnete so geräuschlos wie möglich den Droschken- schlag. Aber dem Kutscher, dem das lange Warten um diese Zeit wohl bereits auffiel, sah argwöhnisch den Fahrgast an, wie dieser nun ebenfalls da hinein wollte. Sie," sagte er,wollen Se mir nich lieber erst be- zahlen?" Ich fahre weiter," meinte Georg furchtsam, nur den Kopf wendend, damit der Mann auf dem Bock die Blutflecke vorn auf seinen Kleidern nicht sehen sollte... Ja det is aber'n Eckhaus, lieber Herr, und wahrschein- lich jeht nach die andere Straße noch'n Ausjangt..." Georg zitterte am ganzen Leibe, er drehte sich rasch nach rechts, stieg wieder in die Droschke und sagte flehend: Ach, vielleicht sehn Sie selber mal nach... bitte ja?" Der Kutscher brummte, zog die Zügel an und fuhr um die Ecke... dort war eine Bäckerei im Hause, durch die Keller- fenster sah man in die erleuchtete Backstube. Der Kutscher stieg ab, ging dicht an den Keller heran und sprach mit den Bäckergesellen. Zurückkommend lachte er.Na sehn Se, der hat Ihnen ne Reese jedreht... Det Haus hat nach die Seite'n Aus- jang un nach die andre ooch noch eenen l Ja ja, sonne Leitet... Na, wo soll ick denn nu hinfahren?..." So furchtbar Georg Hellwig diese Gewißheit traf und so wenig er noch darauf rechnen durste, glücklich davonzu- kommen für den Augenblick beherrschte ihn doch nur die tödliche Verlegenheit I Wovon wirst Du die Droschke be- zahlen? Er hatte nur wenige Groschen in der Tasche und der Fahrpreisanzeiger des Taxameters verlangte schon etliche Mark... Da fiel dem völlig Ratlosen seine Schwester ein. Hedemannstraße 67," sagte er aufatmend... Aber wenn Ella nun nicht zu Hause war, oder wenn er sie nicht allein traf? Ach, diese Zweifel konnten ihn jetzt nicht schrecken: es war, als sei mit der Erinnerung an diesen einzigen Menschen, der ihm nahe stand, die Nacht der Verzweiflung gewichen, in der sein ganzes Wesen unterzugehen drohte... Vorläufig hatte er die Fahrt vor sich, wenn sie doch noch recht lange, lange dauern wolltet... Und dann war er bei Ella... die half ihm!... sichert... Vielleicht war's ganz gut für ihn, daß dieser Lump ihn hatte sitzen lassen.. son Mensch, der schon überall als Verbrecher bekannt ist!... Bei ihm, wer sollte denn da so was denken?... Und daß die Ge- Heimen bei seiner Wirtin gewesen waren, seinetwegen ach, vielleicht hatten sie ihn irgend etwas fragen wollen, über irgendeinen, den er kannte und mit dem er verkehrte... Das waren doch lauter solche Leute!... Natürlich'n Anzug. den mußte er haben!... Die alten Sachen, die kamen ins Feuer, oder nein, noch besser ins Wassert'n ordentlicher Stein reinjepackt und fest zusammenjebunden und denn rein!... Ja, das ginge alles ganz leicht... und den Anzug, den mußte Ella ihm besorgen.... natürlich, das tat sie auch!... bloß, was sagte er ihr? Erzählen, ihr die ganze Geschichte erzählen?...Nee, vorläufig nicht!... Später, so nach und nach, wenn erste'ne Zeit drüber hingegangen war, denn jat... Er mußte ihr natürlich erklären, wie dies ge- kommen war. selbstverständlich! Daß er eigentlich gar keine Schuld hatte... der Grüne, ja, der, der hatte ihm ja daS Messer förmlich in die Hand gepreßt... Georg lief es kalt über den Rücken, es frer ihn plötzlich und er fühlte einen Ge- schmack im Munde Blut... In dem kalten M /rgenlicht sah er den Weißen Körper der großen entkleideten Frau wieder vor sich liegen... In den Hals, gerade über den schmalen Knochen machte das Messer den Stich... aha, das Blut! Wie es sprudelte und gurgelnd