Hlnterhalwngsblatt des vorwärts ?kr. 64. Donnerstag den 17. März. 1910 (Nachdruck verbal«».) 81 Cm Hag. Bon M. Arzybaschew. Deutsch von AdolfHeß. Untersteht Euch nicht, zuzuhauen 1" schrie der große Mensch weiter. Plötzlich stürzten dicke, schwarze Menschen, lauter riesige, massive Gestalten in Polizeimäntelnt geschickt hinter den Pferden hervor, und ehe Arsenjew etwas begreifen konnte, traf ihn ein schwerer, stumpfer Schlag ins Gesicht und warf ihn nieder. Vor seinen Augen schwammen gelbe Feuerkreise. Was tust Du?" rief er kurz, schlug mit dem Hinterkopf gegen die feste Wand und setzte sich auf den Schnee. Er sah schon nichts mehr, weil eine rote, kalte, nasse Fahne ihm über den Kopf schlug. Arsenjew wußte später nicht, wie und wann er wieder auf die Beine gekommen war: er erinnerte sich aber an ein schreckliches Geschrei, kurzes Pfeifen und Schneiden und einen über und über blutigen Kopf, mit dem er zusammenstieß. Ueber sei eigenes Gesicht rann Blut, die Kinnlade juckte schmerzhaft, und der Kops war schwer wie Stein. Er befand sich in einer kalten Oede, vor ihm dehnte sich der ebene, weiße, mit Mützen, Lumpen und Galoschen besäte Straßenraum. Weit vorne, dicht an der Wand des hohen, gelben Palais schimmerten unbeweglich zusammengeballte kleine Haufen, deren Bedeutung Arsenjew begriff. Ah, ah, ahl" schrien unzählige heisere Stimmen, die vor Wut barsten. Was ist das nur? Warum?..." drehte sich alles in Arsenjews Kopf. Seine Lippen zuckten kraftlos, iiber die Wangen flössen Tränen und Blut: er beschmierte sich hilflos mit seinen nassen, zitternden Händen. Halt, Leute, nicht bange sein!" ertönte eine Stimme aus dem allgemeinen Wirrwarr, und anfangs einzeln, dann in dichten Massen kamen wieder Menschen an Arsenjew vorüber- gerannt, die ihn mit fortrisien. Scharfe Wut packte Arsenjew: ihm war unerträglich weh, er wollte schreien und vorwärtslaufen. Weit vorne stand quer auf der Straße, schwarz auf dem bläulichen Schnee schimmernd, ein unbeweglicher Streifen von Feinden. Brüder, schießt nicht, Brüder I... Ihr gehört doch zu uns!" schrien die Leute, die vor Arsenjew voraufliefen, durchdringend und ermunternd, und dann stockte alles so plötzlich, daß Arsenjew auf einen breiten, schwarzen Rücken hinaufflog. Gleich wird geschossen," sagte jemand neben ihm ganz ruhig. Arsenjew wandte sein blutbeflecktes, entsetztes Gesicht um und wollte etwas erwidern so sonderbar und abge- schmackt kam ihm diese Bemerkung vor ober in diesem Augenblick zerriß ein trockenes, mächtiges Knattern die Lust. Irgendwo vorne zuckten lange, gelbe Blitze auf und nicht in den Ohren, sondern gleichsam im Herzen ertönten sonderbare Töne, als wenn etwas mit Klatschen und Pfeifen wirbelnd über den Köpfen dahinflog. Vielstimmiges wüstes, erstauntes Geschrei ertönte, dann folgte langgcdehntes, lautes, müh- sames Stöhnen. Der große Mensch im Paletot mit Lammfellkragen, der neben Arsenjew stand, zuckte sonderbar mit beiden Schultern und setzte sich plötzlich schwer in den Schnee. Seine Mütze rollte Arsenjew unter die Füße. Hinter ihm packte jemand kurz und fest seinen Arm. ließ ihn los und fiel dann schwer und stöhnend nieder. Vorne schlug ein Weib erstaunt die Hände zusammen und fiel dann der Länge nach vorn über. Ringsum wurde mit einemmal alles licht und senkte sich unförmlich und schrecklich nieder. Alle diese Eindrücke schnitten mit unerträglicher Ge- schwindigkeit in Arsenjews Hirn, als wenn ihm jemand ein scharfes Melier in den Kopf stieße und. darin umdrehte. Aber da war noch etwas, offenbar die Hauprtsache, die er nicht der- stand. Das war so unsinnig schrecklich und abscheulich, daß es nicht in das Bewußtsein hineinwollte. Und das war das Ent- setzlichstc. Vor den Augen schwankte ein qualvoll roter Nebel. Sofort wurde die Luft zum zweiten- und drittenmal von betäubendem Krachen zerrisien, vorn zuckten wieder gelbe Blitze auf, jemand ergriff Arsenjew an der Hand, warf sich mst dem Gesicht auf die Erde und riß ihn ebenfalls nieder. Arsenjew fiel mit dem Kops auf den Schnee und verlor wahr- scheinlich lange das Bewußtsein. Sein Gehör registrierte im Gedächtnis noch schwach ein entferntes Krachen, Pfeifen, Schreien und Niederfallen. Dann trat kalte, öde Stille ein... Als Arsenjew den Kopf erhob, sah er gerade vor sich eine große, rote Blutlache und ein klebriges, blutiges Knäuel, aus dem Haar und Knochen hervorragten. Ringsum herrschte Leere. Einzelne schwarze Gestalten liefen noch schreiend und mit den Armen fuchtelnd irgend wo hin. man konnte aber schon nicht mehr unterscheiden, ob sie vor- oder rückwärts liefen: Arsenjew hatte den Eindruck, als wären sie verrückt. Ueberall war festgestampfter weißer Schnee, unbewegliche schwarze Flecke und Blut. Hier stöhnte jemand abgerissen und schrecklich: dort kroch jemand, zerfetzt und zusammengeballt, wie eine zerquetschte Fliege, die einen blutigen Schmutzstreifen hinterläßt, über den Schnee. Was weiter, vorne und rückwärts war, sah Arsenjew nicht. Tödlicher Schrecken und entsetzlicher Jammer ergriffen ihn. Mit krampfhafter Anstrengung stürzte er dem Menschen nach, der iiber den Schnee kroch, holte ihn ein, packte ihn unter die Achseln und begann ihn aufzurichten. Jetzt kamen von allen Seiten andere Leute gelaufen, und einer von ihnen begann, Schulter an Schulter mit Arsenjew, den Verwundeten zu stützen und fortzuschleppen. Der zer- schlagene, blutüberströmte Mensch stöhnte leise, zuckte fort- während zusammen und sah sie schon mit ganz sinnlosen Blicken an. Arsenjew wußte nicht, ob die Menge sich ihnen entgegenbewegte, oder ob sie zur Menge gingen, aber in der nächsten Minute faßten schon viele, hilfsbereite Hände zu, und der Verwundere wurde als eine schwere gewichtige Masse auf einen kleinen kurzen Droschkenschlitten gelegt. Der ist tot," sagte jemand. Arsenjew ließ die Hand des Menschen fahren, sie sank hilflos herab und blieb unbeweglich. Gleich verliere ich den Verstand!" wuchs in seinem Ge- Hirn ein kristallklarer, warnender Gedanke, und gleichzeitig fühlte Arsenjew. daß in der Tiefe seiner Seele etwas Riesiges, Ewiges, Festes entstand, nachdem etwas anders für immer gestorben war. Heiliger Gott , heiliger Starker, heiliger Unsterblicher!" hörte er. Und sofort ertönten zahlreiche, heisere, rohe, schreckliche Stimmen, die ihren feierlichen, verzweifelten Kummer immer höher und höher in die Luft sandten. Der Schlitten kroch langsam über den weißen Schnee, und der bläuliche Totenkopf mit zugeklebten, trüben Augen schwankte ernst und traurig, während ringsum der disharmo- nische, halb lächerliche, halb unaussprechlich schreckliche viel- stimmige Gesang erscholl:Heiliger Gott , heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!..." Ein schreckliches, unverständliches Gefühl schnürte Arsen- jew die Kehle zusammen: er konnte nicht mit all den andern gehen und lehnte sich schwankend gegen die Wand. Schon brach die Dämmerung herein, die schwarze Menge wogte langsam von ihm fort, floß mit der traurigen blauen Dämmerung zusammen, und durch die Abendluft hallte über der unabsehbaren wirbelnden Menge der drohende, geheimnis- voll traurige Gesang... Arsenjew ging nach Hause. Er ging ohne Mütze, murmelte etwas vor sich hin, schritt ungleichmäßig, langsam vorwärts. Licht blitzte auf, Menschen rannten schreiend und trampelnd vorüber, wandten ihm ihr blasses, erschrecktes Gesicht zu und verschwanden in der Abenddämmerung. II. Nachts fuhr Arsenjew in einem Schlitten, der schnell iiber den unebenen Schneeboden dahinglitt, wieder durch die Straßen der lautlosen Stadt. Die gelben Laternen zogen sich als goldene Kette in eine unbekannte Ferne, und die Finsternis hing dicht über ihnen. Hinter Arsenjew blieb das öde. dunkle Stadtviertel, in