Nnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 60. Freitag den 25 März. 1910 MaSdruS versolnl.1 *] JVIuttcra Hände. Zwei Bilder von Björn st jerne Björnson. Sie sagen von uns Frauen, daß wir die, die wir lieben, nicht charakterisieren, sondern nur abstrakt lobpreisen können. Aber er hatte einen Freund, sein bester Freund, der konnte charakterisieren, der Dichter—*). Der war mit auf Karl Manders letzter Versammlung, und er kam von dort zu mir. als Dein Vater tot war. Wir sprachen zusammen von allem, so viel ich da konnte. Er schrieb das Schönste über ihn, was geschrieben worden ist. Ich kann alles auswendig. was mit Hochherzigkeit über Deinen Vater geschrieben worden ist. „Wißt ihr. was er war?" schrieb er.„Wenn die Land- schaft, die ich um mich her sehe, etwas auf Menschenweise sagen wollte; wenn die dunkle, hohe Waldhöhe sich austäte, um dem Strom da draußen zu antworten, und die beiden an- fingen, miteinander über die Häupter des Gestrüpps fort- zureden, so würde das sein, wie der Eindruck, den man emp- fing, wenn Karl Mander so lange gesprochen hatte, daß das Brausen seiner tiefen Stimme und die Gedanken, die sie ausführte, eins geworden waren. Stoßweise und nicht leicht, gleichsam wie tief von innen heraus, unbeholfen, so daß er oft die Worte änderte, kam er von allen Seiten zu demselben. Der Gedanke wurde zuletzt so durchsichtig, wie ein feines Birkenblatt gegen die Sonne." „War es so?" „Nein, unterbrich mich nicht!— Karl Mander erschien mir oft so unähnlich allen andern, als gehörte er nicht der- selben Ordnung an. Er war gewisiermaßen kein einzelner Mann, sondern ein Stück Volk. Er ging an einem vorbei wie der Strom. Je nach Gelegenheit und Landschaft, aber ununterbrochen. Sowohl im Leben wie im Sprechen. Die Stimme war ebenfalls nicht persönlich, sie hatte etwas wie Brausen. Ein melancholisch berückender Wohllaut, aber ein- förmig, unaufhörlich." „Das ist ja der Eindruck des Meeres, Mutter!" Die Mutter war so ganz in ihre Erinnerungen verloren, so eifrig in ihren Bewegungen, so lebhaft in Tonfall und Augen, wie ein junges Mädchen. Jetzt hielt sie inne. „Wie das Meer, sayst Du? Nein, nein. nein, nicht wie das Meer! Das Meer ist ja nur Auge. Nein, liebes Kind, nicht das Meer! Tiefen und heimliche Stellen voll Behagen, die hat das Meer doch nickst. Traulich und warm war es bei ihm; die allergrößte Hingebung war die seine. Hör Wetter:„Karl Mander sei gewählt," schrieb er,„gewählt zum Vorboten, bevor das Volk selbst kommen könne. Gewählt, weil er gut und unschuldig sei; die Sache an die Zukunft lag nickst als unreiner Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele."— „Das ist schön gesagt." „Kind, kannst Du fassen, wie ich mitgerissen wurde! Ich, die ich unklare Empfindungen gehabt hatte, daß das, was mich umgab, unecht sei. Hier war etwas, das echt war! Und er selbst! Wir Frauen lieben das, was hochgeboren ist. nicht nur, weil es hochgeboren ist. Nein, es muß zugleich schwach sein, und es muß etwas haben, dem wir abhelfen können. Wir müssen eine Mission sehen. Und Du kannst Dir nicht denken, wie mächtig er war und wie ohnmächtig." „In welcher Beziehung ohnmächtig. Mutter?" „Nrur,— betrunken dorthin zu kommen— l" „Ja. natürlich!" „Und die Ausdruckswcise? Er fand ja nicht gleich die rechten Worte, änderte mitten im Redestrom!— Hatte er indessen etwas in die Hand bekommen, so hielt er es fest. War es das Wasserglas, und meistens war es das Wasserglas, so hielt er es mit vollem, festem Griff und hielt die Hand des Glases wegen eine Viertelstunde lang unbeweglich. Sein Wesen war so ganz und gar rührend einfältig, oder wie soll ich es nennen? Er war ein Seher, er war kein Ver- künder.— ja, das habe ich Dir wohl schon einmal gesagt. •), Sie nannte natürlich den.Rainen. Aber das sind ganz andre Leute, die Seher. Sie wissen über sich selbst nicht so gut Bescheid, sie sind absolut nicht eitel. Gott , welche Lust ich hatte, zu ihm zu gehen und ihm die Manschetten abzunehmen! Man sah, er war nicht daran gewöhnt. Manschetten zu tragen. Jemand muß ihm gesagt haben, es gehe nicht an. von einem Katheder herab ohne Manschetten zu reden. Nun hatte er sie ganz zerknittert, sie waren losgegangen oder waren gar nicht befesttgt gewesen, sie waren ihm über die Hände gerutscht. Sie machten ihm zu schaffen. Mit seiner Weste war ebenfalls etwas nicht iu Ordnung: schief zugeknöpft, glaube ich, sie schlug an der einen Seite Falten und ließ einen Hosenträger sehen— wenigstens sah ich ihn. denn ich sah Deinen Vater von der Seite, und das Licht fiel auf ihn. Und dieser starke Mann mit dem gebeugten Haupte... Du, mir traten Tränen in die Augen. Denn, von wem hätte er sich nicht mit fortschleppen lasten? So stark, wie man es nur fühlen konnte, fühlte ich, daß ihm geholfen werden mußte- Es war mir nicht klar, daß ich ihm lielfen müsse; ich kam nur so weit, daß man ihn lieben und ihm helfen müsse." Hier stürmten die Erinnerungen so gewaltig auf sie ein, daß sie nicht fortfahren konnte, sondern sich abwenden mußte. Für ihre Tochter war die Mutter eine neue geworden. Das war nickst die. welche zu Hause wirkte und schaffte» nicht die, welche ihr kluge Briefe in ruhigen, wohlerwognen Worten sandte. Welch eine Leidenschaft, und wie schön sie sie machte! „Wie erging es Dir, liebe Mutter?" „So, daß ich nicht von mir wußte. Tags darauf reisten wir ab, und dort, wohin wir kamen, lagen seine beiden Höfe. Soviel verstand ich aber noch, daß ich, da einige von uns auf den Nachbarhöfen schlafen mußten, denjenigen für mich erwählte, der dem seinen am nächsten lag. Und da ich dem Sturm in mir nicht länger Widerstand leisten konnte, schrieb ich ohne Namensunterschrift an ihn. Ich bat ihn um eine Unterredung. Er möge mich auf dem Wege zwischen seinem Hofe und uns erwarten: der führte durch seinen Wald. Den Brief warf ich selbst in seinen Briefkasten am Wege- Du kannst Dir vorstellen, wie ich war. wenn Du hörst. daß ich die Zeit um zehn Uhr abends festsetzte, weil ich glaubte, daß es dann dunkel sei! Ich hatte nicht bedacht. daß es noch hell sei, da wir jetzt so weit nordwärts ge- kommen waren! Die Folge war, daß ich nicht vor elf aus- zugehen wagte und überzeugt war, daß ich niemand mehr treffen würde. Aber da ging er! Schwer und vornübergebeugt, in der Hand den Hut, den er aufgerollt hatte wie einen Ball, kam er so ruckweise, verlegen freundlich und linkisch daher.„Ich wußte, daß Sie es seien," sagte er." „O Gott, Mutter, und was tatest Du?" „Ich begriff mit einem Male nicht, woher ich den Mut genommen hatte! Ja, ich wußte nicht, was ich von ihm wollte! Als ich ihn sah, hätte ich umkehren, davonlaufen mögen. Aber sein seltsamer Gang, diese sichern, langen Schritte, den Hut in der Hand und der krause Kopf,... ich mußte doch hinsehen. Und so sonderbar, daß er sagte:„Ich wußte, daß Sie es seien!" Wie konnte er das wissen? Ich kann mich nicht erinnern, ob ich fragte oder ob er nur meine Verwunderung sah; aber er erzählte, daß er mich gesehen habe, als wir vom Vortrag heimgegangen wären; er habe gehört, wer ich sei. Es war seltsam, jene tiefe Stimme, die für mich das Ungewöhnliche bedeutete, gleichsam aus ferner Zukunft herein, verlegene Entschuldigungen dafür vor» bringen zu hören, daß er gesagt l>abe, was mich beleidigen könne.(Ehe er dazu kam,„Sie beleidigen, Fräulein." sagt, er:„die Königin beleidigen,— ich wollte sagen: die Königir und ihre Damen beleidigen.— ich wollte sagen: Sie be- leidigen, Fräulein!") Er habe so manchen andern Stoff ge- habt, den er hätte wählen können, sagte er, und so viele andere Wege, um dahin zu gelangen- Er hätte so viel Gutes von der Königin sagen können, was er wirklich kannte: nun habe er es vergessen. So fuhr er fort, die Augen dickst vor den meinen. Treuherzige, aber starke Augen, die mich in sich hineinzogen. Wie Brauser durch den stillen Wald ging
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27 (25.3.1910) 60
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