Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 61. Mittwoch den 30 März. 1910 �Nachdruck scrtcienj, 6J JVIuttcra r>ände. Mer Bilder von Björn st jerne Björnsott- Aber Magne legte sich ins Gras neben die Mutter. Mutter. Du weißt nicht, wie glücklich Du mich heute ge- »nacht hast!" Ich sehe es, liebes Kind. Ich tat recht, als ich wartete! Es hat mich viel gekostet, das kannst Du glauben: aber ich tat recht." ..Mutter, liebe Mutter! Laß uns wieder heim in unfern Wald ziehen, über die Straße durch unfern Wald! Laß mich mehr hören! Dort war es also! Mutter, erzähle! Wie erging es Dir, süße Mutter! Gott , wie schön Du bist! In Dir entdeckt man doch beständig etwas Neues." Die Mutter strich ihr übers Haar und wurde still. Mutter, ich kenne den Waldweg in der Sommernacht. Laura ging ihn mit mir, als sie sich verlobt hatte und erzählte, wie es gekommen sei. Die Fischer ruderten auch damals vorüber, gerade als wir an eine Oeffnung kamen. Wir versteckten uns hinter einem großen Stein. Und die Singdrossel begann zu zwitschern und eine Menge anderer Vögel: was mich aber am meisten bezauberte, war der Duft-" Nicht wahr? Und daher war es wohl, daß es mir später beständig schien, als dufte Karl nach Wald. Nein. ich muß Dir erzählen, wieunbewußt" er war, ja, welches andre Wort soll ich brauchen? Wir standen still und sahen über die See hinaus.O. welche Sehnsucht das weckt." sagte ich.Ja, nach dem Baden, nicht wahr?" sagte er." Magne brach in das hellste Gelächter aus: die Mutter lächelte.Jetzt ist es mir nicht mehr so wunderlich. Für ihn war das Wasser mehr als für uns. Ins Bad stürzte er sich zu den unvernünftigsten Zeiten: wenn er nicht auf den Feldern oder im Bureau war, so war er dort. Für ihn war es das stärkste Naturgefühl: er wolle sich kalt fühlen durch die Umarmung der Erde, sagte er." Du kannst Dir übrigens denken, daß er selbst lachte. Ja, wir lachten, daß es ein Konzert wurde-" Aber Mutter, wie wurde es dann? Jetzt kann ich nicht länger warten!" Ich kam nach Hause, als die Leute aufstehen wollten. Und wie in dieser Nacht auch in der nächsten und dann in der nächstfolgenden. Während einer Nacht regnete es, wir gingen zusammen unter einem Regenschirm. Das war es wohl, was dann den Ausschlag gab." Den Ausschlag? Wie das?" Freilich, wir waren nun einmal Arm in Arm gegangen, und da blieb es dann später beim Arm im Arm gehn." Aber die andern, Mutter? Habt ihr den die andern nicht gefürchtet?" Nein, die andern eristierten nicht für uns. Was ich sonst erlebte, weiß ich nicht mehr. Es kam so, daß wir uns eines Nachts hingesetzt hatten.. Ach, jetzt kommt es!" vIch bat, mich setzen zu dürfen: ich konnte gleichsam nicht mehr- Die Nacht war herrlich, die Stille, und wir beide er sprach mir beständig gerade in die Augen, und er wußte selbst nicht, wie diese Augen nun vor Glück strahlten. Ich hatte keine Worte, zuletzt keinen Atem mehr, ich mußte ausruhen. Und es vergingen nicht viele Stunden, da saß ich auf seinem Schöße." War er es, derV Daran erinnre ich mich nicht genau: ich besinne mich nur noch, wie ich das erstemal die Arme um seinen Hals geschlungen und das Gesicht an seinen Bart geschmiegt hatte ... die Wollust, etwas absolut Neues, selig bis ins innerste Innre. Diese Riesenarme um mich zu fühlen, ich wurde weit, weit fortgetragen. Aber wir saßen auf dem Stein." Warst Du wie außer Dir?" Ja, sieh, das ist es! Man nennt es nämlich so: aber ihn Gegenteil, es ist das, daß man mit seinem ganzen Ver- stand in eine höhre Ordnung kommt. Bei ihm war ich doppelt -ich selbst. Das ist die Liebe, alles andre ist nicht Liebe-" Mutter. Mutter, so warst Du es, die sich auf seinen Schoß setzte? Du warst es!" Ich fürchte, ich war es. Cr war gewiß zu bescheiden und scheu zu einem solchen Beginnen. Ich war es gewiß. Ja, eigentlich weiß ich, daß ich es gewesen bin. Denn sein Leben muß man bergen. Und weniger galt es nicht. Ihm helfen dürfen, ihm folgen, ihn anbeten, mich ihm ganz hingeben, das oder nichts mehr. Ich glaube sicher, daß ich etwas Derartiges sagte, wenn ich ein einziges Wort sprach." Ah, Du weißt, daß Du es gesagt hast!" Ich glaube, ich habe es gesagt. Aber aus solchen Stunden weiß man nicht zu unterscheiden, was man sagt/ und was man fühlt." Sie blickte hin über den langen Talweg- Sie stand dch wie jemand, der im Begriff ist, zu singen. Mit empor- gehobnem Kopf, offnem Mund, auf die Töne lauschend, bevor sie kommen. Aber dem war nicht so: sie hörte die Töne wieder, die verklungen. Bald darauf sagte sie ganz leise die Tochter mußte näher an sie herantreten, das Stromesbrausen trug einzelne Worte fort:Jetzt sollst Du etwas erfahren, Magne,-- Du hast es nie von mir gehört, und andre haben es Die wohl auch nicht gesagt--" Was ist es, Mutter? Du machst mir beinahe Angst." Als ich damals Deinem Vater begegnete,-- war ich verlobt." Was sagst Du? Du, Mutter?" Verlobt und sollte heiraten: ja, es war mein letzter Monat bei der Königin. Die Verlobung war geschehen und sollte unter höchster Protektion vollzogen werden." Mit wem?" Das ist es!-- Habe ich Dir vorhin gesagt, daß ich mich, als ich damals Deinen Vater traf, eigentlich selbst aufgegeben hatte?" Du, Mutter? Nein." Ich glaube nicht, daß das Leben etwas zu bieten, oder das ich etwas zu erwarten habe. Die meisten Mädchen, die achtundzwanzig Jahre alt werden, ohne daß etwas geschieht, ja, daß etwas geschieht, was wert ist, daß man sich darum ermannt, die glauben, es sei alles gleich- Jenes Alter, oder die Jahre um jenes Alter her, sind die gefährlichsten." Was sagst Du?" Da geben die meisten Mädchen es auf." Sie nahm den Arm der Tochter, drückte ihn, und dann gingen sie. Ich muß es Dir also gestehen." Wer darauf schwieg sie. Wer war es, Mutter?" Sie sagte es so leise, daß die Mutter es nicht hörte, aber sie wußte, was es galt. Es war einer, vor dem Du wenig Achtung hegst, mein Kind. Und mit Recht." Onkel!"-- Wie kommst Du darauf?" Ich weiß nicht. Doch, war er es?" Er war es. Ja, ich sehe. Du begreifst es nicht. Ich selbst habe es auch niemals begriffen. Denk nur, Dein Vater und er! Und ungefähr gleichzeitig! Was dünkt Dir von mir? Aber nimm Dich in acht, mein Kind!" Mutter!" Nun, nun, Du hast eine Mutter: die hatte ich nicht. Und dann war ich bei Hofe. Und in dem gefährlichen Alter: das sagte ich Dir. Da einem so ungefähr alles gleichgültig geworden ist. Ich hatte ja auch das Spiel gespielt, dem wir heule zugesehen haben. Nicht mit Deinen Anlagen. Ja, wende Dich ab! Ich hatte auch viel Ekel im Leben empfunden, unter anderm vor mir selbst. Und ging dann umher und verschmähte, bis es spät am Tage wurde." Aber mit Onkel!" rief Magne wieder aus. Damals sahen wir ihn mit andern Augen an. Aber ich mag es jetzt nicht aufwühlen: ich gebe nur zu, daß es widerlich war. Nun magst Du darüber denken, was Du willst: ich meine über den Grund, daß es dazu kam." Die Tochter ließ den Arm der Mutter los und blickte sie an.