Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 62.

7]

Donnerstag den 31. März.

( Nachdruck berboten.)

Mutters Hände.

Zwei Bilder von Björnstjerne Björnson , ( Schluß.)

1910

seine Weise. Wieviel wir auch weinen, es nüßt nichts. Er geht wie er geht, und er hält nicht inne, der schwere Weg gum Meere

-

-

Durch die Sprache der Natur flüsterte die Erinnerung an sein trauriges Ende. Es erzählte sich düster ihnen beiden, daß er sich nach der Mahlzeit in einem Bade abkühlen wollte, daß alle ihm abrieten, daß es nicht nüße, daß er von der höchsten Höhe hinabsprang, weiter und immer weiter ausgriff, Mutter, Mutter, wie war es zu Hause? Als ihr zu als wolle er gleich nach Hause schwimmnen, einen Krampf sammenfamt, meine ich. Ach die Herrlichkeit! Es muß bekam und untersank. doch das Erhabenste gewesen sein, was je auf Erden gelebt Mutter Du bist's mir noch schuldig zu sagen, wurde?- Mutter, mein ganzes Leben muß ich Dir dank- wie ihr zusammen lebtet?" Wieder nach einer Weile: Mutter, bar dafür sein, daß Du mir das bis jetzt aufgespart hattest! Früher hätte ich es nicht verstanden."

" Nicht wahr? Dergleichen fann man unmöglich einem Kinde oder einer Halberwachsenen erzählen. Aber ich erzähle nicht nur, um zu erzählen. Wie wir zusammen lebten, fragst Du. Zuerst denk ihn Dir! Eine Natur der Hingebung, die sehr wenig verstanden wurde. Wohl von einigen wenigen und auf gewisse Weise, aber nicht so, daß es einen selbst freute. Die Folge davon war, daß, wenn er Widerball zu finden glaubte, er sich hin­gab, so daß er zum Narren wurde. War er in einer Gesell­schaft, so betrant er sich, oder besser gesagt, er wurde betrunken gemacht, und dann ließ er seiner unbändigen Natur die Bügel schießen. Weißt Du, ja, ich will es Dir erzählen! In einer Gesellschaft schmeichelte eine Dame ihm ( fie ist jetzt hier mit dem Kapitän verheiratet), sie schmeichelte sich bei ihm ein, um die andern zu amüsieren. Sie war sehr munter, ziemlich wißig, fie tat, als sei sie ganz weg in ihn, so daß er sie gar nicht genug hören, nicht genug fragen fönne, und zugleich praktizierte sie immer mehr Wein in fein Glas, sie trank ihm zu, beranlaßte, daß alle die andern mit ihm tranten."

< 511

Gott, Mutter."

-

-

Weißt Du, wie das endete? Im Viehstall. Sie sperrten ihn in den Biehstall ein. Vor Wut bekam er einen Schlag­anfall. Das war die, die er durchs Fenster fab, als er auf der Rednertribüne stand. Dadurch wurde er nüchtern." Mutter und Tochter gingen schweigend weiter. ,, Davon wußtest Du damals nichts, Mutter? Erst später!"

,, Nein. Hätte ich es gewußt, so glaube ich, daß ich geradenwegs zu ihm gegangen wäre, ihm die Hand gegeben und ihn herzlich begrüßt hätte, als ich ihn zum ersten Male sah."

Ich auch, Mutter!"

Nach dem Leben mit ihm habe ich so viel gedacht. Weißt Du, ich glaube, Genies haben dies Treuherzige und Unbändige. Es kommt daher allzuviel auf Menschen und Verhältnisse an, wie es ihnen geht.

Karl Mander hatte die Gewohnheit angenommen, allein zu reden; ihm war am wohlsten unter Bauern, sie störten ihn am wenigsten. Die Bücher und das Denken und die Landwirtschaft und die Bäder... und dann und wann eine Orgie, eine Rede, am liebsten beides nacheinander,- das war sein Leben bis dahin."

,, Aber er trank doch nicht, Mutter? Es war ihm kein Bedürfnis zu trinken, nicht wahr?"

Nicht mehr als Dir und mir! Es war einzig und allein ein Ausbruch der Lebenswonne, des fonzentrierten Sehnens. So das letzte Mal..

"

Ja, das- 1 O Gott, weshall warst Du nicht dabei-?" ,, Damals warst Du ja gekommen, Kind, ich konnte nicht. Ich hatte Dich an der Brust. Es wäre lles gut gegengen, wenn jemand nach der Versammlung beim gemeinsamen Mahl so unvorsichtig gewesen wäre, meine Gesundheit aus zubringen! Da ließ er sich die Zügel schießen! Das war der Gegenstand aller Gegenstände! Und den hatte er noch mit feinem erschöpfen können! Es soll gercesen sein, tie wenn man das größte Freudenfeuer anzündet, er hielt den über wenigstens zwanzig Eigenschaften von mir, un über die Ehe und die Waterfreude, er..."

Sie konnte nicht mehr. Sie setzte sich, und die T chter sette fich neben sie. Beide weinten. Das Brausen des Flusses strich mit harter Hand über sie fort, tr stete sie aber auf

das mußt Du mir auch noch geben! Du hast es ja erzählt. ja, so ungeheuer viel davon erzählt. Afer das noch nicht, was ich jest wissen will! Die Liebe, Mutter, die Hingebung zwischen Euch beiden! Mutter, die muß ja gewesen sein, so daß wir andern nicht darüber schlafen könnten." ,, Ueber alle Begriffe, Kind! Ueber alle Begriffe! Und weißt Du, die Verleumdung über uns, besonders die schmutzigen, anonymen Briefe, die Niederträchtigkeit, die half nach! Denn jedesmal schmiegten wir uns dichter ineinander! Er hatte nicht so feine Haut wie ich. Er Fegriff es erst durch mich. Die, welche dieses kleine Volk in gesell­schaftlicher Beziehung leiten, sind nicht die Abkommen von Norwegern, sondern von Eingewanderten. So einer wie er konnte niemals mit ihnen auf gleichen Fuß kommen. Aber ich war eine von ihnen, und durch die Wirkung auf mich begriff er! Wurde er erst auf die Spur gebracht, ja dann fannst Du glauben-! Von Natur war er ein Entdecker. und als er nun erst richtig herausfand, welchen Dingen ich mich ausgesetzt hatte, indem ich ihn wählte. nun, das spornte!

Ja, hat es Lohn auf Erden gegeben, so gab er ihn! Nacht und Tag, den ganzen Sommer, den ganzen Herbst, den ganzen Winter, den ganzen Frühling gingen wir nicht voneinander. Unser Leben war eine Flucht in ein Paradies hinein. Er schlug alle Einladungen aus, er hatte kaum Zeit, mit den Leuten zu reden, die zu uns famen; er wollte sie nicht hier haben. Er und ich und ich und er in den großen Zimmern und den kleinen Kammern, er bei mir, oder ich bei ihm. Und auf der Landstraße, auf den Feldern, auf der Alm, auf der See, auf dem Eise, bei der Arbeit, bei der Aufsicht zusammen, zusammen, oder, wenn fort voneinander, dann nur, um so schnell wie möglich wieder zusammen­zukommen. Aber je mehr wir zusammen waren, desto reicher wurde er. Das Größte für mich war nicht der Gedanken. strom, sondern der Mann. Einen Blick in seine Aufrichtigkeit zu tun, die klar bis auf den Grund war, das waren für mich die herrlichsten Stunden, die ich erlebt habe. Seine Hingabe an mich, oder wie ich es nennen soll, das sammelt sich in einem einzigen Bilde: sein großer Kopf auf meinem Schoß! Dorthin legte er ihn oft und sagte jedesmal: hier ist gut sein!" Und nun legte die Tochter ihren Kopf in den Schoß der Mutter und schluchzte.

Es begann zu regnen, fie erhoben sich und mußten wieder umkehren. Die kleine Gruppe von Häusern oben an der Station lag im Regen ferner, wurde aber vertrauter. Auch die Lundschaft bekam mehr gemeinsame Färbung und Freund­lichkeit; die Birke duftete dreifach.

", nun, mein Kind, glaube ich, Dir etwas von seinem Sehnen gegeben zu haben. Nicht wahr?" Sie beugte sich ihrem Antlig hinüber.

zu

Statt der Antiport schmiegte die Tochter sich an sie. Es auerte eine Weile, bevor sie wieder ging.n.

,, Du hattest das Sehnen; das ist ererbt, und ich habe es in Dir gesteigert. Große Ziele, edle Männer und Frauen habe ich vor Dir aufgestellt. Das tat er. In hochherzigen Gedanken habe ich Dich gebadet, wie er sich in der Natur badet., um die seinen zu fühlen.

Ich wußte, als ich Dich hinausschickte, daß ich in seinem Geist handelte. Aber ich selbst kannte die Rüstung, die Du trugft, am besten. Sie war von ihm. Und doch Magne." Unwillkürlich löste die Tochter ihren Arm aus dem der Mutter ud blieb stehen. Sie stützte sich gleichsam auf sich selbst.

Ja, ich ehe es. Das ist heute das dritte Mal. Du