Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 63.

1]

Freitag den 1. April.

( Nachbruc verboten.)

Die Arena.

banez.

Roman von Vicente Blasco Autorisierte Uebersehung von Julio Brouta.

1.

Wie jedesmal, wenn eine Corrida( Stiergefecht) bebor stand, hatte Juan Gallardo heute frühzeitig zu Mittag ge­speist. Seine einfache Mahlzeit hatte aus einem Stück Braten bestanden. Keinen Tropfen Wein hatte er dazu genoffen, und die vor ihm auf dem Tisch stehende Flasche hatte er nicht einmal angerührt. Es hieß eben in solchen Fällen ruhig Blut und hellen Stopf behalten. Er schlürfte zwei Tassen Starken, schwarzen Kaffee und zündete eine Dufe- Bigarre an, stüßte sodann die Ellbogen auf den Tisch und besab sich mit berträumten Augen die nach und nach in den Speisesaal ein­tretenden Gäste.

Seit einigen Jahren schon, seitdem er auf dem Madrider Ring, der Plaza de Toros, die Alternativa, d. i. den Mata­dorentitel erlangt hatte, pflegte er im selben Gasthof der Calle de Alcala, der größten und breitesten Straße der spani­ schen Hauptstadt, abzusteigen. Hier wurde er vom Wirt wie ein Mitglied der Familie behandelt, und die Kellner, Bfört ner, Küchenjungen und Stubenmädchen verehrten ihn wie einen Ruhm des Hauses. Hier hatte er auch einmal infolge einer auf der Arena erlittenen Verwundung lange Tage auf feinem Schmerzenlager verbracht, in Lappen gewidelt, in einer von Tabaksrauch und Jodoform geschwängerten Atmo­sphäre: aber die Erinnerung daran focht ihn nicht weiter an. Als abergläubischer Südländer, dem tägliche Gefahren dro­hen, stellte er sich vor, daß dieser Gasthof glückbringend sei, und nichts Böses ihm zustoßen könne, so lange er hier wohne. Allerdings blieb er stets gefaßt auf die kleinen Gefahren, die das Metier mit sich brachte, wie Verrenkungen und Fleisch­wunden, aber nie fiel ihm ein, daß er einmal auf der Arena das Leben lassen könne, wie es manchem Berufsgenossen er­gangen, an die er oft mit Wehmut zurückdachte.

An Corridatagen liebte er es, nach dem Mittagsmahl im Speisesaal figen zu bleiben und das Kommen und Gehen der Hotelgäste zu betrachten. Es waren gewöhnlich Aus­länder oder Provinzler, die gleichgültig an ihm vorüber gingen, ohne ihn anzubliden, bis zu dem Augenblid, wo sie bon der Dienerschaft erfuhren, daß jener stattliche, glatt rafierte, schwarzäugige Bursche der berühmte Torero( Stier­tämpfer) Juan Gallardo war. Ihre gaffende Neugierde kannte aber dann feine Grenzen mehr. Die ihn umgebende Bewunderung half ihm einigermaßen über die peinliche Frist hinweg, die ihn noch vom Beginn des Schauspiels trennte. Wie träge doch die Zeit dahinrann! Diese Stunden der Un­gewißheit, in denen unbestimmte Angstzustände sich seiner bemächtigten und ihm mitunter jedes Selbstvertrauen raub­ten, waren gerade die bittersten seines Berufes. Er hatte feine Luft, hinaus auf die Straße zu gehen, denn im Hin­blid auf die Strapazen des Stiergefechts hieß es jede Er­müdung vermeiden, und auch den Freuden des Tisches durfte er sich nicht hingeben, denn wie hätte er die Plaza mit vollem Magen betreten können?

So sáß er am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt und durch eine Rauchwolke verhüllt. Sie und da schielte er nach den Damen, die den berühmten Stierfechter mit Spannung betrachteten. Als Abgott der Menge nahm er dieses Interesse als selbstverständliche Verehrung entgegen. Er bezweifelte nicht, daß man ihn hübsch und flott fand. Seine Besorgnisse waren plötzlich wie weggeweht, und in der Gewohnheit, vor dem Publikum eine stolze Pose anzunehmen, recte und brüstete er sich, stäubte sich mit den Fingernägeln die auf die Aermel gefallene Zigarrenasche ab und drehte an dem Ring, bessen baselnußgroßer Brillant in wunderbarem Glanze funkelte.

1910

gem Schimmer sein braunes Gesicht zu beleuchten schien, und die juchtenledernen Schuhe, aus denen unter den aufgestülp. ten Beinkleidern seidene, durchbrochene Socken hervorlugten.

Ein zarter, feiner Duft von reichlich aufgetragenen eng. lischen Parfüms entströmte seinen Kleidern und seinem schwarzen gewellten Haar, das in zierlichen Locken über die Schläfen herabhing. Selbstvergnügt lächelte er vor sich hin und blinzelte hinüber nach der Tischgesellschaft, besonders nach den Damen, als wollte er sagen:" Habt ihr je einen schmuckeren Mann gesehen?"

Aber plötzlich stürmten die bangen Gedanken wieder auf ihn ein, der Glanz seiner Augen erlosch, und von neuem ver grub er das Kinn in die geballten Hände, indem er frampf­haft an der Zigarre fog und wie abwesend den Rauchringeln nachblickte. Schmerzlich sehnte er sich nach dem Feierabend, nach dem seligen Augenblick, wo er müde und schweißbedeckt den Birkus verließ im Frohgefühl der überstandenen Gefahr und in Erwartung der harrenden Genüsse, denen er sich jetzt in aller Sicherheit mehrere Tage hingeben konnte. Wenn ihm Gott wie gewöhnlich beschüßte, würde er abends mit dem fräftigen Appetit seiner früheren Hungerjahre über das Essen herfallen, auch ein wenig über den Durst trinken und gleich die Sache mit dem feschen Mädel ins Reine bringen, das in einem Tingel- Tangel sang, denn bei seinem bewegten Leben mußte immer alles Hals über Kopf gemacht werden.... Jetzt kamen ins Speisezimmer nach und nach verschiedene Freunde und Bewunderer, die noch vor dem Mittagessen dem Stierfechter einen Besuch abstatten wollten. Es waren alte Stammgäste der Plaza, sogenannte Aficionados( begeisterte Anhänger des Stierkampfes), begierig, einer Partei anzu­gehören und einem Gößen zu huldigen, die im jugendlichen Gallardo ihren" Matador erblickten und ihm weise Rat­schläge erteilten. Sie duzten den Espada( wörtlich Degen; Hauptstierkämpfer) mit gönnerhafter Vertraulichkeit; er hin­gegen siegte sie und ließ ihrem Namen stets das ehrerbietige Don vorangehen. Denn noch immer besteht zwischen dem Torero aus den untersten Volksklassen und seinen Bewunde rern ein gewisser sozialer Abstand. Sodann gefielen diese Leute sich darin, vergleichsweise immer wieder ihre Erinne­rungen aufzutischen und den jungen Helden die Ueberlegen­heit der Jahre und der Erfahrung fühlen zu lassen. Sie fprachen beständig von der alten Madrider Plaza, wo nur wirkliche" Stiere und Stierfechter auftraten, und kamen dann immer mit einer vor Erregung zitternden Stimme auf Dieser Schwarze" war den Schwarzen" zu reden. Fraseuelo.

"

Wenn Du das gesehen hättest, mein Lieber!... Aber damals warst Du noch an der Mutterbruft oder noch nicht geboren."

Den Speisesaal betraten noch andere Verehrer, die ziem lich fadenscheinig und ausgehungert aussahen. Es waren obffure Berichterstatter von Weltblättern, von deren Bestehen bloß die Artisten, die gelobt oder heruntergemacht wurden, eine Ahnung hatten; und sodann ein Haufen von Leuten rätselhaften Berufs, die immer auftauchten, sobald die Nach richt vom Eintreffen Gallardos sich verbreitete, die ihn mit Lobhudeleien überschütteten und um Freibillets anbettelten. Die gemeinsame Begeisterung verwischte alle Rangunter­schiede, und die echten Aficionados, Großkaufleute oder hohe Beamte, stritten über Angelegenheiten der Stierfechterkunst ebenso gut mit jenen nichts weniger als salonfähigen Mens schen wie mit ihresgleichen.

Sobald sie den Espada erreicht hatten, drückten ihm alle die Hand und umarmten ihn, unter vielen Fragen und Aus. rufen.

gut,

Juanillo, wie geht es der Carmen?" ,, Ausgezeichnet, danke."

Und der Mutter, Senora Angustias?"

Sehr gut, ich danke. Sie weilt jetzt auf meinem Land der Rinconada."

,, Und Deiner Schwester und ihren Kindern?"

,, Alles beim alten, ich danfe."

,, und dem Windbeutel von Schwager?" Auch gut. Ist noch immer derselbe."

Sein Blick schweifte selbstgefällig über seine eigene Er­scheinung; er bewunderte seinen eleganten Anzug, die auf einem nahen Stuhl liegende schmucke Müße, die feine goldene Uhrkette, die über dem oberen Teil der Weste sich von Tasche zu Tasche spannte, die Perle der Busennadel, die mit milchi- schaft?"

Und wie steht's mit den Aussichten auf Nachkommen.