Mnlerhalwngsblatt des vorwärts Nr. 67._ Donnerstag den 7. Aprll. 1910 (Nachdruck verdotea.) b] Die Hrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Nun begann er sich langsam auf den Fersen herumzu- drehen, so daß die straffgespannte Binde sich enganliegend um seinen Leib wand. Mehrmals unterbrach der Torero seine Kreisbewegung, um nach der Tür zurückzupirouettieren und unerwünschte Lagerungen der Binde zu berichtigen, wobei er es an Schimpfworten und Verwünschungen gegen Garabato nicht fehlen ließ. Schließlich saß das Hüftentuch wie ange- gössen, der Diener vernähte und befestigte es mit zahlreichen Stecknadeln. Wiederum sehte sich Gallardo, und Garabato machte sich wieder mit dem Zopf zu schaffen, aus dem er die Haarnadeln entfernte, und befestigte daran die sogenannte Mona, eine Art Kokarde mit falschem Zopf. Der Meister griff wieder zu seiner Zigarre, die er auf dem Nachttisch hatte liegen lassen. und zog das Ankleiden so sehr wie möglich in die Länge. Alle Uhren schienen ihm vorzulaufen. Aber ein Kellner klopfte an und teilte ihm mit, daß die Mannschaft, die Cuadrilla, unten auf ihn wartete. Eine lveitere Verzögerung war nicht statt- hast. Ueber das Hüftentuch zog er die mit goldenen Borten besetzte Weste, und über diese die Chaquetilla, das Jäckchen. ein kostbares Kleidungsstück, schwer wie eine Rüstung, fun- kelnd wie ein Goldhelm. Das braune Seidenzeug war nur noch an der Innenfläche der Aermel und an den Schulter- blättern sichtbar, den ganzen Rest überwucherten vielverfchlun- gene, mit Perlen und farbigen Steinen besäte Goldstickereien. Die Achselstücke bestanden aus wuchtigen goldenen Raupen mit herabhängenden goldenen Lappen. Aus den goldgestick- ten Brusttaschen hervor lugten die Zipfel zweier feuerroter seidener Schnupftücher. „Wo bleibt die Montera." Garabato entnahm einer oOalförmigen Schachtel die charakteristische Kopfbedeckung der Toreros, eine Art zottiger Mütze von schwarzem Tuch, mit bauschigen Rundungen über den Ohren. Gallardo setzte sich die Montera auf, indem er Acht darauf gab, daß die Mona unverdeckt blieb. „Schnell, den Capote Herl" Garabato ergriff den auf einem Stuhl liegenden Mantel, in den sich die Stierfechter drapieren. Es war ein schwarz- seidenes, mit Goldstickereien überdecktes Gewand. Gallardo warf sich diesen prachtvollen Mantel um und beschaute sich im Spiegel. Nun konnte es losgehen. Auf zum Stierzirkus! Seine beiden Freunde empfahlen sich schleunig, um eine Droschke zu nehmen und ihm zu folgen. Garabato nahm unter den Arm ein großes Bündel roten Tuches, aus welchem die Griffe und Ohrbänder verschiedener Degen hervorlugten. Als Gallardo hinunter in den Hausflur kam, sah er die Straße mit einer lärmenden und wimmelnden Menge ange- füllt. Lautes Stimmengewirr drang durch die Haustier herein. Der Wirt und seine ganze Familie kamen herbei und reichten ihm die Hände, als nähmen sie Abschied von einem, der eine weite Reise unternimmt. „Viel Glück. Don Juan, daß es Ihnen wohlergehe." Auch die Dienerschaft nahm sich unter dem Einfluß der Begeisterung und der Rührung heraus, ihm die Hand zu drücken. „Hoffentlich läuft alles gut aus, Don Juan." Er grüßte lächelnd nach allen Seiten hin, ohne sich an die erschreckten Mienen der Damen des Hauses zu kehren. „Besten Dank. Auf Wiedersehen." Er war wie umgewandelt. Seitdem er sich seinen gleißen- den Mantel über die Schulter geworfen, erleuchtete ein sorg- loses Lächeln sein Gesicht. Stolz Wiegte er sich im Gehen und zog in großen Zügen an der Zigarre, die er in der linken Hand hielt. „Bitte, Eabbaleros(meine Herren). Platz machen. So, besten Dank." Dabei bestrebte er sich, sein Kostüm vor schmutzigen Be- rührungen zu bewahren, indem er sich vorsichtig Bahn brach zwischen den armseligsten seiner Bewunderer. Diese hatten kein Geld, um die Corrida zu besuchen, aber sie wollten die Gelegenheit benützen, um wenigstens dem berühmten Gal» lardo die Hand zu drücken oder auch nur das Kleid zu be- rühren. Hart am Bürgersteig hielt ein von vier Mauleseln ge- zogencr Wagen, deren prächtiges Geschirr mit Troddeln und Glöckchen behangen war. Garabato hatte sich bereits mit seinem Bündel auf den Bock geschwungen: hinten saßen drei Toreros mit der Capa(Mantel) über die Knie. Ihre bunten Anzüge waren ebenso reich gestickt, wie der des Meisters, aber mit Silber- anstatt mit Goldfäden. Gallardo wand sich mühsam durch die gaffenden Gruppen hindurch und erreichte den Wagentritt, wo Dutzende von mehr oder weniger unsauberen Händen ihm beim Einsteigen be- hilflich sein wollten und ihn, nicht immer sanft, in den Wagen hineinschoben. „Guten Tag. Caballeros", sagte er einfach zu den Leuten der Cuadrilla. Er nahm den hintersten Sitz ein, nahe dem Wagentritt, damit man ihn gut sehen könnte, und lächelte nickend in Er- widerung auf die Vivatrufe einiger lumpiger Weiber und Zeitungsverkäufer. Der Wagen setzte sich in Beivegung und erfüllte die Straße mit lustigem Schellengeläute. Die Volksmenge wich links und rechts aus, um dem Gespann Platz zu machen, aber viele Leute stürzten sich auf den Wagen, als ob sie absichtlich sich überfahren lassen wollten. Hüte slogen in die Luft, Stöcke wurden geschwungen, und es lief durch die tausendköpfi�e Menschenschar ein Beben der Begeisterung, eine jener psychi- schen Schwingungen, die sich von einem zun« andern fort- pflanzen und in gewissen Augenblicken die Massen unzurech, nungsfähig machen. „Die Tapferkeit lebe hoch! Vivat Spanien!" Gallardo, bleich und lächelnd, grüßte, indem er wieder „danke, danke" stammelte. Die Volksbegeisterung erschütterte ihn und er fühlte sich stolz darauf, daß sein Name mit dem des Vaterlandes verbunden wurde. Eine Schar von Straßenbuben und Mädchen mit zer« zausten Haaren wogte, so schnell ihre Beine sie tragen konnte. hinter dem Wagen her, als ob am Ende des tollen Rennens irgend ein außerordentlicher Lohn winkte. Schon seit einer Stunde durchzog die Calla de Alcala, die Hauptverkehrsader Madrids , ein Riesenstrom von Fuhrwer- ken, der zwischen zwei Ufern von dicht zusammengedrängten Fußgängern lief, hinaus nach der Plaza. Alle möglichen Fuhrwerke, alte und neue, Waren in dieser vorübergehenden Völkerwanderung zu sehen, von der ehrwürdigen, wie ein rollender Anacknonismus ans Licht gezogenen Postkutsche bis zum modernen Automobil. Die Tramwagen waren vollge- pfropft, und ganze Menschenknäuel besetzten die Trittbretter. Die Omnibusse an der Ecke der Calle de Sevilla füllten sich in einem Nu nrit Fahrgästen, während die Führer mit betäuben- den Rufen:„A la Plaza! A la Plaza!" zum Einsteigen einluden. Offene Wagen, in denen geschmückte Frauen mit der Mantille und grellfarbigen Blumen saßen, würden von buntbetroddelten, schellenrasselnden Maultieren gezogen. Jeden Augenblick ertönte ein Schreckensruf, wenn irgend ein Bube, der von einem Trottoir zum andern lief, durch ein Wahres Wunder mit heiler Haut davonkam. Die Hörncr der Kraftwagen erdröhnten, die Kutscher johlten und brüllten, die Zeitungsjungen riefen mit durchdringender Stimme die Extrablätter aus, die das Bild und die Biographie der be- rühmten Stierfechter sowie die genaue Beschreibung der zu opfernden Stiere brachten. Zwischen den schvarzgelleideten Stadtpolizistcn ritten auf dürren, armseligen.Kleppern breit- schultrige Männer, die goldgestickte Jäckchen und breitkrem- pige, mit einer dicken Quaste geschmückte Filzhüte trugen, und deren' Beine zwischen Eiscnschienen in gelben Lederhosen staken. Es waren Picadores, die das Stiergefeckst eröffnen. Die Cuadrillas fuhren im offenen Wagen vorbei, und die Goldstickereien ihrer Kostüme, die in der Sonne funkelten. schienen eine-faszinierende Kraft auf die Volksmasse auszu- üben, die Begeisterung ins Ungeheure zu steigern.
Ausgabe
27 (7.4.1910) 67
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