Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 71. Mittwoch, den 13 April. 1910 lvaSyma tttfpten.) »] Die Hrena. � Roman von Vicente Blasco Zbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. AlS der fünfte Stier, der für ihn bestimmt war, an die Reihe kam, stürzte Gallardo sich in die Arena, begierig, das Publikum wieder durch Heldentaten zu verblüffen. Kaum stürzte ein Picador, so war auch er schon da, um den Stier bis ans andere Ende des Ringes abzulenken, indem er ihn durch fortwährendes Mantelschwenken verwirrte, bis daS Tier unbeweglich stehen blieb. Dann setzte Gallardo ihm einen Fuß aufS Maul oder nahm die Montera ab und setzte sie auf die Stirne des Ungetüms. Ein anderes Mal benutzte er die Verwirrung des Stiers und hielt ihm in heraus- fordernder Keckheit den Bauch vor, oder kniete nahe vor ihm nieder, wobei wenig dazu fehlte, daß er sich vor dem Maul der Bestie auf den Boden ausgestreckt hätte. Die alten Aficionados protestierten unwillig. Alles Posienreißereien das! Hanswurstereien, die in früheren Zeiten nicht gelitten worden wären I Aber ihr Einspruch wurde von dem donnernden Beifall des Publikums über- dröhnt. Als die Trompete das Zeichen zum Banderillasheften schmetterte, stieg die Erwartung deS Publikums ins Unge- heure: denn Gallardo hatte dem Nacional die Stäbe aus der Hand genommen und ging dann auf den Stier los. ES entstand ein allgemeiner Protest. Er und Banderillas- heften!... Es wußte doch jedermann, daß er gerade hierin schwach war. Dieser Gang war nur für diejenigen, die schrittweise ihre Karriere gemacht, die lange Jahre hindurch Banderillas unter ihren Meistern gewesen, bevor sie zu Matadoren vorgerückt waren, und Gallardo war nicht in diesem Fall: er hafte am Ende angefangen und Stiere ge- tötet von dem Augenblick an, wo er in der Arena auf- getreten war. „Laß das sein! Laß das sein!" schrie die Menge. Doktor Ruiz fuchtelte hinter der Barriere in der Luft yerum und rief: „Das ist nicht? für Dich, mein Sohn, Du verstehst nur die großen Coups, den Todesstich." Aber Gallardo verschmähte diese Winke und hörte nicht auf Proteste, wenn ihn der Wagemut packte. Inmitten deS wüsten Lärms ying er schnurstracks auf den Stier zu und paff! bohrte er rhm die Banderillas in den Hals. Beide Stäube staken am unrechten Platz und hafteten lose, so daß einer auf den Boden fiel, als das Tier eine Bewegung mit dem Kopfe machte. Aber das war einerlei. Die Volksmenge ist ihren Abgöttern gegenüber nachsichtig und rechtfertigt sogar deren Mängel. So klatschte denn das Publikum zu Gallardos verwegener Leistung. Das machte ihn immer kecker. Er erfaßte ein weiteres Paar Banderillas und brachte sie an, ohne auf die Proteste der Leute zu achten, die für sein Leben fürchteten. Hierauf wiederholte er den Gang zum dritten Male, stets ungeschickt, aber mit solchem Wage- mut, daß, was bei andern ausgezischt worden wäre, ihm tosende Ausbrüche der Bewunderung einbrachte. Welch ein Mann! Me half das Glück diesem Mutigen! Der Stier behielt nur vier Banderillas von sechs, die Gallardo gehestet, und die vier saßen so lose, daß die Bestie sie kaum als lästig zu empfinden schien. „Er ist noch gar nicht ermattet." schrien die Aficionados mit Bezug auf den Stier, während Gallardo den Degen und die Mulcta ergriff, sich die Montera aufsetzte und ihn los- ging, stolz und gefaßt, vertrauend auf seinen guten Stern. „Hinweg mit allen!" rief er wieder. Als er merkte, daß jemand in seiner Nähe stehen geblieben und seinem Befehl nicht nachgekommen war, wandte er den Kopf und blickte zurück. Fuentes stand da in kurzer Ent- fernung. Er war ihm mit dem Mantel auf dem Arm gefolgt und heuchelte Zerstreutheit, aber im Grunde paßte er auf, um ihm im geeigneten Augenblick beizuspringen, da er ein Unglück ahnte. „Laß mich allein, Antonio," sagte Gallardo mit einem zugleich unwilligen aber respektvollen Ausdruck, als spräche er zu einem älteren Bruder. Und seine Geberde war so energisch, daß Fuentes die Achseln zuckte, als lehnte er jede Verantwortlichkeit ab; er kehrte ihm den Rücken und entfernte sich langsam in der Ueberzeugung, daß im nächsten Augenblick seine Hilfe not« wendig sein würde. Gallardo hielt das scharlachrote Tuch dem Stier vor die Augen, und dieser stach mit Wut danach, wobei der Stier, fechter leicht auswich. Ol6l— riefen die Aficionados. Abev fofort machte der Stier Kehrt und rannte auf den Matador los, indem er die furchtbaren Hörner in die Höhe warf und ihm den Degen und die Muleta aus den Händen riß. AI » der Matador sich entwaffnet und angegriffen sah, lief er auf die Barriere zu, aber schon hatte der Mantel FuentaS' das Tier abgelenkt. Gallardo erriet auf seiner Flucht den plötzlichen Stillstand des Stiers und sprang nicht über die Barriere, er setzte sich auf den Tritt unten und schaute ruhig nach dem nur wenige Schrftte von ihm entfernten Stier hin. Die Niederlage endigte mit einem Applaus wegen dieser zur Schau getragenen Kaltblütigkeit. Der Matador hob Degen und Muleta vom Boden auf, entfaltete sorgfältig den bunten Lappen und stellte sich wieder vor die Hörner des Stiers, aber weniger gefaßt, mit verbissener Wut und heißer Begierde, jenes Vieh zu töten, das ihn zur Flucht gezwungen vor den Augen von Tausenden seiner Bewunderer. Nachdem er den Stier ein wenig geneckt hatte, hielt er den entscheidenden Augenblick für gekommen. Er holte zum Stoß aus, indem er zuerst unbeweglich blieb, die Muleta gegen den Boden gesenkt und den Griff des nach vorn go» richteten Degens dicht vor den Augen. Das Publikum protestierte wiederum, indem es für sein Leben bangte. „Stoße nicht zu!... Ach Gott !.. Ein Schreckensruf erscholl durch den ganzen ZirkuS, alles stand entsetzt auf und starrte sprachlos hinab, während die Frauen das Geficht mit den Händen bedeckten oder sich krampf- Haft an den Arm des nächsten Nachbarn klammerten. Als der Matador zugestoßen hatte, war der Degen gegen einen Knochen abgeprallt, und da er nicht schnell genug zurück- zog, war er von einem der Hörner erfaßt worden. Gallardo blieb hängen, in der Mitte des Körpers erfaßt, und jener starke, hochgewachsene, fchivere Mann wurde geschüttelt wie eine ausgeftopste Puppe, bis das gewaltige Tler durch eine Bewegung des Kopfes ihn einige Meter weit von sich fchleu- derte. Wuchtig fiel der Torero auf den Sand nieder und blieb mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Bauch liegen, wie ein in Seide und Gold gekleideter Frosch. „Er ist tot. mausetot! Mftten durch den Bauch auf- gespießt!" schrien sie im Zuschauerraum. Aber Gallardo erhob sich zwischen den tuchschwenkenden Männern, die zu seiner Rettung herbeigesprungen. Er lächelle, befühlte sich den Körper und hob dann die Schultern in die Höhe, um dem Publikum anzuzeigen, daß ihm nicht» geschehen war. Ein Puff! Weiter nichts! Nur sein Hüften- tuch war kaput. Das Horn war durch diese starke Seiden- hülle gedrungen, ohne den Leib zu beschädigen. Er ergriff von neuem den Degen, aber niemand hatte mehr Sitzleder, denn man ahnte, daß die nächste Szene kurz und schrecklich sein werde. Gallardo ging mit blinder Wut auf das Tier zu. als ob er nicht mehr an die Gewalt seiner Hörner glaubte, seitdem er unversehrt davongekommen war. Er war entschlossen, zu töten oder zu sterben, aber sofort, ohne weiteren Aufschub. Entweder er oder der Stier! Er sah alles in roter Farbe, als ob seine Augen blutunterlaufen feien. Er hörte, wie einen fernen, aus einer anderen Welt kommenden Ton das Geschrei der Menge, die ihn zur Vorsicht mahnte. Bloß zweimal ließ er den Stier gegen die Muleta an- rennen, wobei ihm ein an seiner Seite stehender Mantel- Werfer behilflich war, und dann auf einmal, urplötzlich, blitz- artig, wie eine losgelassene Sprungfeder stürzte er auf den Stier los und senkte ihm den Degen bis an den Griff in den Nacken. Dabei beugte er sich so sehr über das Tier, daß eines der Hörner ihn streifte und unsanft zur Seite stieß. Aber er blieb auf den Beinen, und der Stier, nachdem
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27 (13.4.1910) 71
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