Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 73. Freitag � den 15 April. 1910 lSiachdrutk tertoten.) 111 Die Hrcna. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Ein Capal Ha. einen Kampfmantcl sein Eigen nennen und ihn nicht mehr von andern entlehnen müssen I Das war sein sehnender Traum... In einer Ecke bei ihm zu Haus lag, unbeachtet und vergessen, eine alte, leere Matratze. Die Wolle der Füllung war von der Seüora Angustias, bei Ge- legenheit einer Geldklemme, veräußert worden. Das„Schuster- lein" blieb eines Tages mehrere Stunden hindurch zu Hause, die Abwesenheit seiner Mutter benützend, die damals gerade in der Wohnung eines Domherrn beschäftigt war. Mit dem er- finderischen Fleiß des Schiffbrüchigen, der, auf eine wüste Insel verschlagen und seiner eigenen Initiative überlassen, alles aus sich selbst verfertigen muß, schnitt er einen Kampf- mantel aus der feuchten und fadenscheinigen Leinwand. Da- rauf ließ er eine Hand voll roten Anilins, die er beim Drogen- Händler erstanden, in einem Topf Wasser aufkochen und tot den alten Lappen in die Farbe hinein. Juanillo bewunderte sein Werk. Er hatte einen Kampfmantel von schönstem Scharlachrot erzieltl Mit dem wollte er in den Dorfcorridas Staat machen! Jetzt hieß es noch, ihn trocknen zu lassen, und er hing ihn an einem Fenster auf nach dem Jnnenhof, wo die Nachbarinnen ihre weiße Wäsche ebenfalls aufgehängt hatten. Der Wind bewegte den triefenden Lappen hin und her. wo- durch von der herabtröpfelnden Farbe das darunter hängende Weißzeug ganz befleckt wurde, und auf einmal hörte er ein wirres Zetergeschrei, Drohungen und Verwünschungen, die es ihm rätlich erscheinen ließen, den glorreichen Mantel eilig zu- rückzuziehen und aus dem Hause zu fliehen, Gesicht und Hände rot gefärbt, als habe er soeben einen Mord begangen. Die Seüora Angustias, eine starkbeleibte und schnurr- bärtige Person, die sich nicht vor Männern fürchtete und den Weibern durch ihre energischen Entschlüsse imponierte, war gegenüber ihrem Sohne mutlos und schwach. Was sollte sie auch mit ihm anfangen? Sie hotte ihn hundertmal Windel- weich gehauen, Dutzende von Besenstiele zerschlagen, ohne irgendwelchen Erfolg. Der verdammte Bube hatte, wie sie sagte, Hundefleisch. Er war daran gewöhnt, draußen von den Stieren, Ochsen und Kühen furchtbare Kopfstöße und Püffe oder von den Viehtreibern und Schlächtern Stockschläge und Ohrfeigen, Fußtritte und Rippenstöße einzuheimsen, sodaß die Hiebe der Mutter ihm als etwas Selbstverständliches vor- kamen, als eine Fortsetzung des Lebens innerhalb des Hauses, und er nahm sie ohne jeden Vorsatz zur Besserung hin. wie einen Zoll, den er entrichten mußte für seinen Unterhalt. Während die mütterlichen Verwünschungen und Faustschläge auf seinen Rücken hagelten, kaute er mit gierigen Kinnbacken an dem harten Brot, das die Grundlage aller Mahlzeiten bildete. Kaum hatte er seinen Hunger gestillt, so war er auch schon wieder fort, indem er die Freiheit benutzte, die die Abwesenheit der außerhalb arbeitenden Mutter ihm bot. Auf der Cam- pana, dem ehrwürdigen Marktplatz des Stierkampfes, wo auf das Schauspiel bezügliche Nachrichten immer zuerst bekannt waren, erfuhr er durch seine Gefährten von den bevorstehenden Corridas. Was waren aber diese Corridas? Die Dörfer der Pro- vinz begingen das Fest ihres heiligen Schutzpatrons, indem sie an dem Tage eine sogenannte Capea veranstalteten, die wesentlich darin besteht, daß Stiere mit bunten Tüchern ge- neckt werden. Dahin zogen die kleinen Toreros, in der Hoff- nung, bei der Rückkehr berichten zu können, daß sie in der Arena von Aznaleollar, Bolullos, Abairena und anderen ebenso weltberühmten Orten aufgetreten waren. Sie machten sich gewöhnlich bei einbrechender Stacht auf den Weg, die Capa über eine Schulter geschlagen, wenn es Sommer, und in sie gehüllt, wenn es Winter tvar, mit leerem Magen und von nichts anderm redend, als von Stieren. Wenn der Marsch mehrere Tagereisen dauerte, so schliefen sie auf freiem Feld oder erhielten aus Mitlseid Obdach in der Scheune eines Bauernhauses. Wehe den Trauben, den Me- Ionen und den Feigen, mit denen sie im Vorüberziehen wäh- rend der guten Jahreszeit zusammenstießen!... Der einzige Gedanke, der sie beunruhigte, war der, daß vielleicht eine andere Gruppe, eine andere Cuadrilla in derselben Absicht nach dem betreffenden Dorf hingezogen sei, und daß es zu einem harten. Wettbewerb kommen werde. Wenn sie staubbedeckt, abgemagert und fußlahm das Ziel ihrer Reise erreichten, stellten sie sich zunächst beim Alkalden vor, und der Mundfertigste von ihnen, der als Leiter der Truppe fungierte, strich die Verdienste seiner Leute heraus und alle schätzten sich glücklich, wenn die Großmut der Ge- meindeverwaltung so»veit ging, sie im Viehstall der Dorf- Herberge einzuquartieren und ihnen obendrein einen großen Topf voll Erbsen mit Speck vorsetzen ließ, welche Leckerbissen selbstredend in einem Nu vertilgt wurden. Auf dem mit Planken und Karren eingezäunten Platz vor dem Gemeinde- Haus wurden alle Stiere losgelassen, wahre Fleischberge voller Schorfe und Narben, mit riesigen, splitterigen Hörnern, Tiere, die schon seit langen Jahren bei allen Festen der Gegend Ver- Wendung fanden,„alte Herren", die sogar Latein verstanden. so groß war ihre Tücke: denn, an ein fortwährendes Hetzspiel gewöhnt, kannten sie alle Schliche des Zirkuskampfes. Die Dorfburschen stachen den Stier mit spitzen Stäben von sicherem Orte aus. und das rohe Bauerupublikum be- lustigte sich besonders beim Anblick der Püffe und Stöße, die die aus Sevilla gekommenen„Toreros" sich holten. Diese hatten infolge des reichlichen Mahles Courage gekriegt und warfen unbedenklich dem Stier den Mantel zu, aber flog einer infolge eines gewaltigen Hornhiebs in die Luft, so lmtte er jedesmal einen ungeheueren Lacherfolg beim Publikum. Wenn ein Kämpfer, von plötzlichem Schrecken erfaßt, sich hinter die Schranken retten wollte, wurde er von den Bauernlümmeln mit Schmähungen empfangen; Stockhiebe hagelten auf die an die Planken geklammerten Hände oder auf den Rücken des Unglücklichen, um ihn wieder hinunter zu nötigen in den Ring. „Mach, daß Du wieder hinabkommst. Du Lausbub! Was sind das für Zicken? Jetzt heißt es, dem Stier entgegentreten. Reißausnehmen gilt nicht!" Also wieder hinab in die Arena. Und wenn der Vieh- treiber keinen weiteren Stier mehr hatte und die Dunkelheit hereinbrach, ergriffen zwei Mitglieder der Cuadrilla den besten Mantel, den man besaß, und ihn an den Zipfeln haltend, machten sie die Runde um die Schranken, um Beiträge zu sammeln. Auf das rote Tuch fielen die Kupfermünzen, je nachdem die Leistungen der fremden„Künstler" gefallen hatten, und nachdem die Corrida zu Ende war, unternahmen sie sofort die Rückkehr nach Sevilla , da sie wohl wußten, wie beschränkt ihr Kredit in der Herberge war. Oft kam es unter- Wegs zu Streitigkeiten wegen der Verteilung des in einem Schnupftuch aufbewahrten Kupfergeldes. Hierauf erzählten sie eine Woche lang von ihren Helden- taten vor den neidisch staunenden Kameraden, die nicht an der Erpedition teilgenommen hatten. Dabei gebrauchten sie die technischen Ausdrücke des Metiers und ahmten das ganze Ge- baren der wirklichen Berufstoreros nach, die einige Schritte weiter sich über ihre Beschäftigungslosigkeit durch allerhand Prahlereien und Lügen zu trösten suchten. Einst war es vorgekommen, daß die Senora Angustias länger als eine Woche nichts von ihrem Sohne hörte. Schließ. lich erfuhr sie, daß er bei einer Capea im Dorfe Colina ver- wundet worden war. Gütiger Gott! Wo lag dieses Dorf? Wie dorthin gelangen?... Sie glaubte schon, er sei ge- starben, sie trauerte um ihn, aber trotzdem wollte sie hinreisen. Als sie jedoch im Begriff war sich aufzumachen, sah sie ihren Juanillo ankommen, bleich, sckfivach, aber mit mannhaftem Stolz von seinem Unfall berichtend. Es war nicht so schlimm: ein Hornhieb in eine Hinterbacke, eine mehrere Zentimeter tiefe Wunde. Und in seinem schäm- losen Hochgefühl wollte er den Nachbarn die wunde Stelle zeigen, mdem er behauptete, daß er einen Finger hineinstecken könnte, ohne das Ende zu erreichen. Er bildete sich etwas ein auf den Jodoformgestank, den er ausströmte, und wußte viel zu erzählen von der liebevollen Behandlung, die ihm zu teil geworden war in jenem Dorfe, dem in Spanien kein anderes gleichkam. Die begütertsten Einwohner des Ortes hatten sich
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27 (15.4.1910) 73
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