Nnterhalwngsblatt des vorwärts SK. 80. Dienstag den 26 April. 1910 �Nachdruck bectotcs.) 18] Die Hrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Wenn er die Auslassungen des Nacional nicht mit feinde lichem Schweigen und grimmigen Blicken aufnahm, versuchte er, ihn zu reizen, indem er die Ansicht verteidigte, daß alle, die die Schundblätter im Volk verbreiteten, sofort erschossen werden sollten. Der Nacional war zehn Jahre älter als sein Maestro. Als dieser anfing, an den Capeas teilzunehmen, war er schon Banderillero im weitesten Sinne des Wortes, und er war aus Amerika gekommen, wo er in Lima als Matador aufgetreten war. Beim Beginn seiner Laufbahn war er beim Publikum wegen seiner jugendlichen Gewandtheit beliebt gewesen. Auch er hatte während einer kurzen Zeit zu den berufenen Stier- fechtern gezählt, und die Sevillaner Enthusiasten erwarteten, daß er die Matadore der anderen Provinzen in den Schatten stellen würde. Das dauerte aber nicht lange. Bei seiner Rückkehr von der überseeischen Reise umgab ihn der Nimbus unbestimmter ferner Taten, und das Volk drängte sich in die Arena von Sevilla , um ihn Stiere abfertigen zu sehen. Tausende blieben ohne Platz, aber in dem entscheidenden Augenblick versagte ihm das Hcr�. Er brachte die Banderillas mit Festigkeit an, wie ein gewissenhafter, ernster Arbeiter, der seine Pflicht erfüllt, aber ohne Schwung, und im Moment des Tötens war der Selbsterhaltungstrieb stärker als fein Wille, hielt ihn vom Stiere entfernt, ohne daß er die Vor- teile seiner hohen Statur und seines starken Armes aus- genützt hätte. Der Nacional verzichtete auf den höchsten Ruhm der Stierfechterei: ihm genügte es, ein Banderillero zu sein, ein Tagelöhner seines Berufs, und er ergab sich darin, jüngeren Leuten zu dienen, um als Gehilfe einen armseligen Sold zu beziehen, mit dem er seine Familie erhalten und einen be- scheidenen Nebenerwerb gründen konnte. Seine Herzensgüte und seine reine Lebensführung waren unter den Kollegen sprichwörtlich. Die Frau seines Matadors war ihm sehr zugetan: sie sah in ihm eine Art Schutzengel ihres Mannes. Im Sommer, wenn Gallardo in einer Provinzialstadt nach getaner Arbeit sich in Vergnügungen zerstreute und in irgend- einem Tingeltangel amüsierte, blieb der Nacional inmitten der leichtgekleideten und geschminkten Sängerinnen stumm und ernst, wie ein Einsiedler der Wüste zwischen den Hetären Alexandriens. Er äußerte keinen Unwillen, er wurde nur traurig in Gedanken an Frau und Kinder, die ihn in Sevilla erwarteten. Alle Verderbnis dieser Welt war für ihn die Folge einer mangelhaften Schulbildung. Sicher konnten diese armen Weiber weder lesen noch schreiben. Ihm selbst ging es ebenso, und da er in diesem Mangel die Ursache seiner yeisti- gen Armut erblickte, schrieb er ihr alles Elend und Unheil der Welt zu. „Ich weiß," sagte er als alter Genosse,„daß diese Stier- asfären reaktionär... etwas wie aus den Zeiten der In- quisition sind, vielleicht drücke ich mich nicht richtig aus. Das Volk braucht, ebenso wie das tägliche Brot, Lesen und Schreiben, und es tut nicht recht daran, sein Geld für uns auszugeben, während noch so großer Mangel an Schulen herrscht. So sagen die Zeitungen, die von Madrid kommen. Aber die Genossen wisien mich zu schätzen, und das Komitee hat nach einer Aussprache Don Joselitos beschlossen, daß ich der Partei auch ferner angehören darf." Sein ruhiger Ernst, der jedem Spott der Tafelrunde Widerstand, nahm einen stolzen Ausdruck an wegen der Aus- nähme, durch die ihn seine Parteigenossen ausgezeichnet hatten. Wenn Don Joso und andere Freunde des Maestros beim Nachtisch die Lehren des armen Nacional mit spöttischen Ein- würfen bekämpften, fiel er in Nachdenken und kratzte sich die Sfirn. „Ihr seid Herren und habt studiert, und ich kann weder lesen noch schreiben. Deswegen sind wir, die wir der unteren Klasse angehören, eine Herde Schafe. Wie schade, daß unse» Don Joselito nicht hier ist, um Euch Rede zu stehen! Beim Leben der blauen Taube l Wenn Ihr ihn hören würdet wenn er seine Zunge wie ein Engel löst!.. Der stärkste Haß dieses simplen Freigeistes galt der Geist- lichkeit, die das Volk im Zustand der Verdummung ließ. Di« Pferdeburschen, die Picadores, verrichteten ihre Gebete in der Kapelle neben dem Zirkus, sie traten dann in die Arena mit der stillen Hoffnung, durch die in ihre Kleider eingenähten Talismane vor Gefahren behütet zu werden. Hatte der Nacional einen wilden Stier von kraftvollem Bau, starkem Nacken und schwarzer Farbe Banderillas anzu- setzen, so stellte er sich mit ausgebreiteten Armen, die spitzen Stäbe in den Händen, in kurzer Entfernung vor ihm auf und rief ihm Schimpfworte zu:„Heran, du Pfaffe I" Wütend kam das Tier herangeschnaubt, und beim Vor- beirennen stieß der Nacional ihm die Banderillas mit voller Kraft ins Widerrist, dabei wie nach einem gewonnenen Sieg« ausrufend:„Nimm hin, für die Schwarzkutten!" Gallardo mußte schließlich selbst über die seltsamen Ein- fälle des Nacional lachen.„Du machst mich noch lächerlich; die Leute werden auf die Cuadrilla aufmerksam und si« schreien uns noch als Ketzerbande aus. Dabei weißt Du ganz gut, daß das in gewissen Kreisen Anstoß erregt. Der Stier- fechter soll nnr an den Kampf denken." Bei alledem»var er dem Banderillero von Herzen zu- getan, und er erinnerte sich seiner Anhänglichkeit, die manch- mal der Aufopferung gleichkam. Es war dem Nacional glcictwültig. ausgepfiffen zu werden, wenn er besonders ge- fährlichcn Stieren die Banderillas auf irgendeine Weise bei- brachte, nur darauf bedacht, je eher je lieber fertig zu wer- den. Auf Ruhm ging er nicht aus, und er arbeitete nur um des Lohnes willen. Aber sobald Gallardo, den Stoßdegen in der Hand, einem bösartigen Stier entgegenging, blieb der Banderillero in seiner Nähe, bereit, ihm mit seinem schweren Mantel und seinem kräftigen Arm beizuspringen. Zweimal war es schon vorgekommen, daß Gallardo in den Sand rollte und sich nahe daran sah, aufgespießt zu werden, als der Nacional sich dem Ungetüm entgegenwarf, Frau und Kinder, Schenke, alles vergessend, nur vom Wunsche beseelt, zu sterben, um den Maestro zu retten Beim Eintritt in das Eßzimmer Gallardos wurde er wie zur Familie gehörig empfangen. Die Sennora Angustias fah ihn gern, mit jener Zuneigung der Niederen, die sich in besserer Gesellschaft zu ihresgleichen hingezogen fühlen. „Setze Dich her zu mir, Sebastian. Wünschest Du wirk- lich nichts? Erzähle mir, wie das Geschäft geht. Teresa und die Kinder sind hoffentlich wohl auf." Nun erzählte der Nacional der Reihe nach, was in den vergangenen Tagen verzapft worden war an Litern Wein und Branntwein, in und außer dem Hause; und die Alte hörte ihm mit der Aufmerksamkeit einer Frau zu, die selbst die Armut kennt und den Wert des pfennigweise erworbenen Geldes schätzt. Danach erzählte Sebastian von den Aussichten seine» Geschäfts. Ein Tabakverschleiß in der Schankwirtschaft war sein sehnlichster Wunsch. Der Maestro würde es sicher für ihn erreichen können, bei seinen Beziehungen zu einflußreichen Leuten, immerhin aber quälten ihn einige Skrupel, und er wußte nicht, ob er diese Begünstigung ohne weiteres akzep- tieren durfte. „Ihr seht, Sennora Angustias, die Vergebung von Trafiken ist Sache der Regierung, und ich habe hierin meine eigenen Grundsätze: ich bin Sozialist, gehöre der Partei und obendrein dem Komitee an. Was würden die Genossen dazu sagen?..." Die Alte wurde über diese Bedenken unwillig. Seine Pflicht sei, für die Seinigcn soviel wie möglich zu verdienen. Die arme Teresa, mit so viel Kindern! „Sebastian, sei kein Narr und schlag Dir diese Hirn- gespinste aus dem Kopf. Schweig still und fang nicht wieder mit Deinen Brandreden an. Bedenke, daß ich morgen nach der Macarena zur Messe gehe." Gallardo und Don Jose, die an der anderen Seite des Tisches vor einigen Kognakgläsern saßen und rauchten, woll-
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27 (26.4.1910) 80
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