Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 85. Dienstag den 3. Mai 1910 (Nachdruck oerdotca.) 231 Die Hrena« Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Die Gewandtheit, mit der der Stierzüchter das Wagnis ausführte, rief hinter den Palisaden einen Beifallssturm hervor. Die Alten hochl Niemand wußte mit den Stieren umzugehen, wie der Marquis. Er behandelte sie, wie wenn es sich um seine eigenen Kinder gehandelt hätte, er begleitete sie von ihrer Geburt an bis zu ihrem letzten Gang, als wären sie Helden, die das beste Los verdienten. Verschiedene andere Reiter wollten heransprengen und sich den Beifall der Menge erobern, aber de Maroima erhob Einspruch dagegen und gab seiner Nichte den Vorzug. Da sie ja doch gesonnen war, ein Wagestück auszuführen, so sei es besser, sie sofort ans Werk gehen zu lassen, bevor die Tiere durch die fortwährenden Verfolgungen wilder würden. Donna Sol spornte ihr Pferd, das durch die Gegenwart der Stiere beängstigt sich in einem fort bäumte. Der Mar- quis wünschte sie auf ihrem Ritt zu begleiten, sie schlug es aber aus und zog Gallardo, weil er ein Stierfechter war, vor. Wo aber steckte Gallardo? Der Matador, über seine Unbeholfenheit immer noch beschämt, begab sich an die Seite der Dame, ohne ein Wort zu sagen. Beide sprengten im Galopp an die dichte Schar der Stiere heran. Das Pferd der Reiterin hob sich zu wieder- holten Malen aus die Hinterfüße, den Leib fast senkrecht aufgerichtet, aber die geschickte Amazone zwang es immer wieder, weiter vorzurücken. Gallardo schwenkte seine Lanze und stieß Schreie aus, die ein wirkliches Stiergebrllll waren, wie er es in der Arena tat, wenn er die Tiere zum Angriff reizen wollte. Er brauchte keine großen Anstrengungen zu machen, damit ein Tier sich von den übrigen absonderte. Es war von weißer Farbe mit zimmtbraunen Flecken, riesigem, herabhängendem Hals und auf das feinste zuge- spitzten Hörnern. ES trabte dem Hintergrunde der Ein- friedigung zu, als ob ein gewisses Etwas unwiderstehlich dorthin gezogen hätte. Donna Sol galoppierte hinter ihm drein, gefolgt vom Matador. Aufgepaßt, Sennoral" schrie Gallardo.Es ist ein alter Stier, mit dem ist nicht zu spaßen!... Haben Sie Acht, daß er nicht umkehrt." Richtig so kam es. Als Donna Sol dasselbe Kunststück wie ihr Onkel ausführen wollte, und das Pferd auf die Seite lenkte, um die Lanze in die Schwanzwurzel der Bestie zu bohren, machte der Stier, die Gefahr witternd, plötzlich Kehrt und stellte sich drohend seinen Verfolgern. Das Pferd flog vor dem Stiere vorbei, ohne daß Donna Sol es in seiner Geschwindikeit aufhalten konnte, und die verfolgte Bestie, die nun die Rolle des Verfolgers übernahm, hinter ihm drein. Die Dame dachte nicht daran zu fliehen. Viele Tau- sende von Zuschauern folgten ihr mit den Blicken; sie fürchtete den Spott der Freundinnen und das Mitleid der Männer, hielt den Lauf ihres Pferdes an und bot dem Stier die Stirn. Die Lanze im Arm, wie ein Picador, hielt sie fest stand, und bohrte sie in den Hals des Tieres, das brüllend mit gesenkten Hörnern herankam. Ein Strom hervorquellen- den Blutes rötete den riesigen Bug des Ungetüms, das in seiner zunehmenden Versolgungswut nicht fühlte, daß die Wunde immer größer wurde, bis es schließlich die Hörner dem Pferde von unten in den Leib stieß, es schüttelte und sein ganzes Gewicht vom Boden aufhob. Die Reiterin wurde vom Pferde geworfen, und ein gellender Schrei der Erregung aus der Brust vieler Hunderte ertönte von kern. Das von den Hörnern freigewordene Pferd sprang mit blutbefleckter Brust und zerrissenem Bauchriemen wie toll umher, den losgeschnallten Sattel auf seinem Rücken hin- und herwerfend. Der Stier machte sich daran, es weiter zu verfolgen, aber etwas anderes erregte in nächster Nähe seine Aufmerk- samkeit. Es war Donna Sol, die, stat. unbeweglich am Boden liegen zu bleiben, sich soeben wieder ausgerichtet hatte, ihr« Lanze aufhob und mutig wieder unter den Arm nahm, um die Bestie aufs Neue herauszufordern: ein wahnsinniges Bs- ginnen, mit Rücksicht auf die Zuschauer, ein tödlicher Zwei- kämpf, unternommen, um der Lächerlichkeit zu entgehen. Kein Ausruf wurde mehr hinter der Einzäunung ver- nommen. Die Menge verhielt sich regungslos, in schrecklichem Schweigen. Alle Reiter sprengten in gestrecktem Galopp heran, aber die Hilfe schien zu spät zu kommen. Der Stier scharrte mit den Vorderfüßen den Boden und senkte den Kopf, um die kühne, kleine Gestalt, die ihn mit der Lanz« bedrohte, anzugreifen. Ein einfacher Hornstoß, und sie war weggefegt. In demselben Augenblick jedoch lenkte ein wildes Ge- brüll die Aufmerksamkeit des Stieres ab und ein roter Gegenstand glitt vor seinen Blick vorüber wie eine Feuer» flamme. Es war Gallardo, der von seinem Pferd gesprungen war. die Lanze weggeworfen und die kurze Jacke, die auf dem Sattelknopf lag, ergriffen hatte. Heran... Nur heran!" Der Stier drang vor und sprang nach dem roten Lappen, von diesem seiner würdigen Gegner angezogen, indem er von der Gestalt im schwarzen Reitkleid abließ, die im Anblick der Gefahr regungslos, die Lanze unterm Arm, immer noch dastand. Fürchten Sie nichts, Donna Sol; jetzt hat er es mit mir zu tun," schrie der Stierfechter noch bleich vor Erregung, aber lächelnd im Vertrauen auf seine Gewandheit. Mit der Jacke als einzigem Kampfmittel hielt er den Stier in Schach und entfernte ihn von der Dame, wobei er seinen wütenden Anfällen durch graziöse Seitensprünge ent» ging. Die Zuschauer vergaßen den empfundenen Schrecken und fingen an, stürmischen Beifall zu zollen. Was sie für ein Glück hatten! Sie waren zu einem einfachen Treiben her- gekommen und fanden ein förmliches Stiergefecht vor; sie sahen obendrein umsonst den Gallardo auftreten. Der Matador, angefeuert von der Wucht des vorwärts- stürmenden Tieres, vergaß Donna Sol und und die übrigen. Wütend sprang der Stier von einer Seite zu andern, als er sah, wie sein Gegner unverwundet seinen Hörnern ent- schlüpfte, und er stürzte immer von neuem auf ihn los, um immer wieder nur die flatternde rote Jacke zu treffen. Endlich überkam ihn Müdigkeit, und mit schäum- bedecktem Maul, gesenktem Nacken und zitternden Beinen stand er unbeweglich da. Gallardo benutzte diesen Augenblick, wo das Tier erschöpft und überwältigt war, nahm seinen Hut ab und schmückte damit den Kopf des Stieres. Ein un- geheurer Ausbruch hinter der Einzäunung belohnte dieses Bravourstück. Hinter dem Rücken Gallardos ertönten Zurufe, läuteten die Kuhglocken der zahmen Stiere, die, von den Aufsehern geführt, die Bestie von allen Seiten umringten, um sie schließ- lich langsam mit sich fortzuziehen. Gallardo suchte sein Pferd wieder auf, das, an die Nähe der Stiere gewöhnt, sich nicht von der Stelle gerührt hatte. Er hob seine Lanze auf, schwang sich in den Sattel und ritt in leichtem Trab nach der Einfriedigung. Sein langsames Vorrücken verlängerte den lauten Beifall der Menge. Die Reiter, die Donna Sol zurückgeführt hatten, zollten dem Matador ihre lebhafte Bewunderung. Der Verwalter zwinkerte ihm mit den Augen zu und sagte ihm im geheimen: Junge, Du bist nicht faul gewesen. Famos, ausge- zeichnet! Ich sage Dir, Du hast sie erobert." Außerhalb der Palisaden, in einem Landauer der Töchter des Marquis befand sich Donna Sol. Ihre Cousinen um- gaben sie mit angswollen Blicken und befühlten sie, um die durch den Sturz möglicherweise entstandenen Verletzungen aufzufinden. Sie reichten ihr mit Manzanillawein gefüllte Gläser, um ihr den Schrecken auszutreiben, und sie nahm lächelnd, mit einem Ausdruck der Ueberlegenheit, diese Aeußerungcn weiblicher Gefühle entgegen. Beim Anblick Gallardos, der zu Pferde die Reihen der