Anterhattungsblalt des vorwärts Nr. 96. Freitag, den 20 Mai. 1910 Machdrua ccrsoten.j 841 Die Hrena. Roman vonVicenteBlaSco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julro Brouta. Wenige Augenblicke später kehrte der Tagelöhner zurück, nachdem er mit dem Reiter parlamentiert hatte. Der Nacional, dem dieses Kommen und Gehen auffiel, empfing ihn am Fuße der Treppe. Er sagt, er müsie den Herrn sehen", stieß der Arbeiter hastig hervor.Er scheint einer zu sein, der nicht viel Spaß verstcht. Er sagte, der Herr solle sofort herunterkommen, er habe ihm eine Mitteilung zu machen." Der Banderilla klopfte sofort von neuem an die Tür des Matadors, ohne dessen Einwendungen zu beachten. Er solle aufstehen: für das Land sei es schon eine vor- gerückte Stunde, und jener Mann könne ihm etwas Wichtiges zu sagen haben. Ich komme gleicht" antwortete Gallardo schlecht ge- launt, ohne sich vom Bette zu bewegen. Der Nacional trat wieder ans Fenster und sah, wie der Reiter auf dem Wege zur Wohnung näher kam. Der Arbeiter ging ihm mit der Antwort entgegen. Der arme Mann schien unruhig zu sein, und in seinem Gespräch mit'dem Banderilla stotterte er mit krankhaftem und un- sicherem Ausdruck, indem er sich nicht getraute, seine Gedanken zu offenbaren. Als er mit dem Reiter zusammentraf, horte er ihn einige Augenblicke an und kam dann den Weg, diesmal in größerer Eile, wieder zurück. Der Nacional hörte, wie er mit nicht geringer Schnellig» keit die Treppe heraufstürzte, bis er bleich und zitternd vor ihm stand. Es ist Plumitas, Herr Sebastian! Er sagt, er sei Plu- mitas und müsse mit dem Herrn sprechen.., Ich dachte es mir doch gleich, als ich ihn sah." Plumitas!..." Die Stimme des Tagelöhners, ob- schon stotternd und keuchend, schien sich beim Nennen dieses Namens plötzlich durch alle Zimmer zu verbreiten. Der Ban- derillero blieb vor Erstaunen sprachlos. AuS dem Zimmer dos Matadors wurden einige mit dem Herumwerfen von Klei- dern vermischte Flüche hörbar, und das Geräusch eines schnell aus dem Bette fahrenden Körpers. In dem für Donna Sol bestimmten Gemach vernahm man ebenfalls eine gewisse Be- wegung, die anscheinend ebenfalls mit der verblüffenden An- Meldung im Zusammenhang stand. Verdammt auch! Was will dieser Mensch von mir? Weshalb kommt er hierher? Und gerade jetzt!..." Es war Gallardo, der in größter Eile, nur mit schnell über seine Unterkleider geworfener Hose und Jacke angetan, aus seinem Zimmer herausgestürmt kam. Er lief hastig an dem Banderillero vorüber, in der blinden Hast seines im- pulsiven Wesens und, mehr als gehend, flog er, vom Na- cional gefolgt, die Treppe hinunter. Am Eingang des Wohnhauses stieg der Reiter vom Pferde ab. Ein Arbeiter hielt die Zügel des Tieres, und die übrigen bildeten in kurzer Entfernung eine Gruppe, die den Ankömmling mit Neugierde und Ehrfurcht betrachtete. Er war ein Mann von mittlerer Größe, eher untersetzt als hochgewachsen, mit vollem Gesicht, heller Hautfarbe und kurzen, starken Gliedern. Er trug eine graue, schwarz- gesäumte Bluse, kurze, dunkle und abgetragene, vielfach ge- flickte Hosen und lederne, von der Sonne, dem Regen und Schmutz rissig gewordene Gamaschen. Unter der Bluse er- schien der Leib wie aufgedunsen von einem dicken Hüftentuch und einem mit Patronen besetzten Gürtel, wozu noch ein Revolver kam und ein Messer, beides durch den Gürtel ge- steckt. In der Rechten trug er ein Repetiergewehr. Seinen Kopf bedeckte ein Hut von ehemals weißer Farbe mit herunter. hängender, von Wind und Wetter zerrissener Krempe. Ein rotes, am Halse mit einem Knoten befestigtes Tuch war der auffallendste Schmuck seiner Persönlichkeit. Sein breites, ge- rundetes Gesicht hatte die heitere Ruhe des Vollmondes. Auf den Wangen, deren Weiß unter dem Edelrost des Sonnen» brands noch erkenntlich war, sproßten die roten Stoppeln eines schon lange nicht rasierten Bartes hervor, die unter dem einfallenden Licht die Durchsichtigkeit des Goldschaums an» nahmen. Die Augen waren das einzig Unruhige an diesem gutmütigen Dorfküstergesicht: klein, dreieckig, in Fettpolster gebettet, geschlitzt, erinnerten sie an die des Schweines, und ihr dunkelblauer Stern hatte einen bösartigen Ausdruck. Als er Gallardos in der Tür des Wohnhauses ansichtig wurde, erkannte er ihn sogleich und lüftete den Hut auf seinem runden Kopf.Gott gebe uns einen guten Tag, Herr Juan", sagte er mit der ernsten Höflichkeit des andalusischen Land- manns. Guten Tag!" Ist die Familie wohl, Sennor Juan?" Ja, ich danke. Und die Eure?" fragte der Stierfechter automatisch, in der gewohnten Fragenreihe. Die beiden Männer hatten sich einander genähert und betrachteten sich gegenseitig mit scheinbarer Unbefangenheit, als wären sie zwei auf freiem Felde sich begegnende Wanderer, Der Stierfechter war etwas bleich und biß sich auf die Lippen, um seine Bewegung zu verbergen. Ob der Wegelagerer wohl glaubte, ihn einzuschüchtern!... Unter anderen Um- ständen hätte ihm dieser Besuch wohl Furcht eingeflößt: aber jetzt, wo er da oben jene hatte, fühlte er sich im Stande, mit ihm wie mit einem Stier zu kämpfen, sobald er böse Absichten kundgeben sollte. Einige Augenblicke vergingen unter Schweigen. Alle Männer des Gehöfts, die nicht zu den Feldarbeiten ausge- zogen waren, mehr als ein Dutzend, betrachteten mit fast kind- lichem Erstaunen diesen Schreckensmenschen, durch den un» heimlichen Ruf seines Namens gebannt. Erlaubt Ihr, daß mein Pferd im Stalle ein wenig aus« ruhe?" fragte der Bandit. Gallardo gab ein Zeichen, worauf ein Knecht das Tier am Zügel faßte und abführte. Pflege es gut," sagte Plumitas,bedenke, es ist das Beste, was ich auf der Welt habe, und es ist mir teurer, als Weib und Kind." Eine neue Persönlichkeit gesellte sich zum Stierfechter und dem Banditen, die mitten unter den verblüfften Knechten standen. Es war Potage, der Picador, der mit offenem Hals- kragen heraustrat und seine ungeschlachten Athletenglieder träge reckte. Er rieb sich die stets rötlichen, vom Mißbrauch der Getränke entzündeten Augen und ließ, indem er dem Räuber nahe trat, mit gesuchter Vertraulichkeit eine seiner Riesenhände auf dessen Schulter fallen, als ob es ihm Spaß machte, ihn unter der Wucht seiner Tatze zusammenfahren zu sehen, wobei er ihm zugleich seine Sympathie bezeugen wollte. Wie gehts Plumitas?" Es war das erstemal, daß er den Räuber zu sehen bekam. Plumitas duckte sich, als wollte er unter dieser rauhen und ungeziemenden Liebkosung zum Sprunge ausholen, und seine Rechte erhob die Büchse. Aber die kleinen, blauen, auf den Picador gerichteten Augen schienen ihn plötzlich zu erkennen. Du bist Potage, wenn ich mich nicht täusche. Ich habe Dich beim letzten Jahrmarkt in Sevilla Stiere stacheln sehen. Teufel noch'mal, was waren das für Stürze vom Pferde I. Du bist ein Stück Vieh, und Deine Knochen sind von Schmiede- eisen!" Und als wollte er ihm den Gruß erwidern, faßte er mit seiner schwieligen Hand einen Arm des Picadors, indem er dessen Muskeln mit bewunderndem Lächeln drückte. Beide betrachteten sich mit freundlichem Lächeln. Der Picador brach in ein schallendes Gelächter aus. Hahaha! Ich hielt Dich für höher gewachsen, Plu- mitas!... Schadet aber nichts. Du bist immerhin ein stattlicher Kerl." f.. Der Räuber wandte sich zum Matador.Kann ich hier frühstücken?" Gallardo sagte im Tone eines großen Herrn:Niemand, der nach La Rinconada kommt, geht von dannen, ohne gespeist zu haben."