Anterhaltungsblatt des Horwärts Skr. 93. Dienstag, den 24. Mai. 1910 lRachdritck verboten.) 36] Die Hrcna. Roman von Vicente BlaSco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Und als wenn ihm daran gelegen war, sich Donna Sol angenehm zu machen, erging er sich in den größten Lobsprüchen über ihre Familie. Der Marquis de.Moraima sei einer der Männer, die er von allen in der Welt am meisten schätzte. „Wenn alle Reichen so wären, wie er, es gäbe keine Räu- ber. Mein Vater arbeitete für ihn und erzählte uns oft von feiner Mildtätigkeit. Einmal war ich fieberkrank und befand mich in einer Dchäfcrhütte auf einer seiner Besitzungen. Er erfuhr es und sagte nichts. Auf seinen Gütern hat er be- fohlen, mir zu verabreichen, was ich verlange, und mich in Frieden ziehen zu lassen. Solche Dinge vergißt man nie. Es gibt so viele reiche Schelme auf der Welt!... Man trifft ihn unversehens an, auf einem Pferde sitzend wie ein Jüng- ling, als ob ihm die Jahre nichts anhaben könnten.„Gott behüte Sie, Herr Marquis!"„Gesundheit, mein Bursche!" Er kennt mich nicht und vermutet nicht, wer ich bin, da ich meinen Gefährten(er zeigte auf seine Büchse) unter dem Mantel trage. Und ich habe die beste Lust, ihn anzuhalten und um seine Hand zu bitten, nicht um sie zu schütteln, nein — wie soll ein so gütiger Herr mir die seinige reichen?— mir, der ich so viele Totschläge und Missetaten auf dem Ge- wissen habe!— sondern um sie zu küssen, als wäre er mein Vater, und um mich ihm zu Füßen zu werfen, um ihm für seine Wohltaten zu danken." Die Ueberschwänglichkeit, mit der er von seiner Dankbar- keit sprach, imponierte der schönen Frau nicht sonderlich. Das war also der berüchtigte Plumitas! Ein armer Teufel, ein gewöhnlicher Feldhase, den alle, vom Hörensagen getäuscht, für einen Wolf hielten. „Es gibt sehr böse Reiche," fuhr der Bandit fort.„Wie sie die armen Leute drangsalieren!-.. Nahe bei meinem Dorf ist einer, der Geld auf Zinsen verleiht und schlimmer ist als Judas . Ich ließ ihm sagen, er solle die Leute nicht so hartherzig behandeln, und anstatt auf mich zu achten, benach- richtigte der Bösewicht die Gendarmen, um mich verfolgen zu lassen. Kurzum, ich zündete ihm eine Scheune an, und fügte ihm anderes Uebel zu, so daß er schon mehr als ein halbes Jahr nicht nach Sevilla gekommen ist und das Dorf nicht verläßt, aus Furcht, den Plumitas anzutreffen. Ein anderes Mal wollte er eine arme alte Frau auf die Straße werfen, weil sie seit einem Jahre die Miete ihrer ärmlichen Wohnung, die sie seit den Zeiten ihrer Eltern inne hat, nicht bezahlen konnte. Ich ging bei anbrechender Nacht zum Herrn, der sich gerade mit seiner Familie zum Abendessen an den Tisch setzte. „Mein Herr, ich bin der Plumitas und brauche hundert Duros." Er verabfolgte sie mir und ich eilte mit ihnen zur Alten.„Da, nehmt, Großmutter, bezahlt diesen Juden und, was übrig bleibt, behaltet für Euch und verzehrt es in Ge- sundkeit!" Donna Sol betrachtete den Räuber mit steigendem Interesse. „Und Tote?" frug sie.„Wie viele Menschen habt Ihr getötet?" „Senora, sprechen wir nicht davon," sagte der Bandit ernst.„Sie würden mich verabscheuen, und ich bin weiter nichts als ein armer Schlucker, ein Unglücklicher, den man von allen Seiten umstellt, und der sich verteidigt, wie er kann." Ein langes Stillschweigen trat ein. „Sie haben keine Ahnung, Frau Marquise, wie ich existiere," fuhr er fort.„Die wilden Bestien haben es besser als ich. Ich schlafe, wo ich kann, oder auch gar nicht. Ich erwache an einem Ende der Provinz, und am andern Ende lege ich mich nieder. Man muß die Augen weit offen halten und hartherzig sein, um respektiert und nicht verraten zu werden. Die Armen sind im allgemeinen gute Leute, aber das Elend ist ein schlimmer Ratgeber. Wäre ich nicht ge- fürchtet, schon längst hätte man mich den Gendarmen über- geben. Außer meinem Pferde und diesem hier(er zeigte wiederum auf sein Gewehr) habe ich keine wirklichen Freunds Manchmal erfaßt mich plötzlich die Sehnsucht nach meiner Frau und meinen Kleinen, und wenn ich nachts in mein Dors komme, drücken die Einwohner, die mich achten, ein Auge zu, Aber eines Tages wird alles ein böses Ende nehmen..» Zuweilen werde ich der Einsamkeit überdrüssig und muh unter die Leute gehen. Ich wollte schon längst nach La Rin- conanda kommen. Warum sollte ich nicht Herrn Juan Gallardo aus der Nähe bgrüßen, ich, der ich ihn kenne und ihm oft Beifall geklatscht habe. Jedesmal aber sah ich Si« mit vielen Bekannten, oder Ihre Frau und Ihre Mutter waren nebst Kindern im Landhause. Beim Anblick des Plu- mitas wären sie zu Tode erschrocken. Jetzt ist es etwa? anderes. Jetzt seid Ihr mit der Frau Marquise gekommen/ und ich sagte mir:„Wohlan, begrüßen wir die Herrschaften und plaudern wir einen Augenblick zusammen/' Das feine Lächeln, mit dem er diese Worte begleitete, wollte den Unterschied zwischen der Familie.des Stierfechters und jener Dame ausdrücken; er gab zu verstehen, daß die Be- Ziehungen Gallardos zu Donna Sol für ihn kein Geheimnis waren. In seinem bäuerlichen Gemüt lebte die Ehrfurcht vor der unverbrüchlichen Gesetzlichkeit der Ehe fort, und gegenüber der aristokratischen Freundin des Stierfechters glaubte er sich mehr Freiheiten gestatten zu können, als vor den Frauen, die zu dessen Faznilie gehörten. Donna Sol schenkte diesen Worten keine Beachtung und bestürmte den Räuber mit Fragen, indem sie zu erfahren wünschte, wie er zu seinem jetzigen Handwerk gekommen sei. „Durch nichts anderes, Frau Marquise, als durch eine Ungerechtigkeit, ein Unglück, wie solches uns armen Leuten zuzustoßen pflegt. Ich war einer der Aufgewecktesten in meinem Dorfe, und die Arbeiter wählten mich stets zu ihrem Sprecher, wenn von den Reichen.etwas zu verlangen war. Ich kann lesen und schreiben; als Jüngling war ich Küster, und man nannte mich Plumitas, Federlein, weil ich hinter den Gänsen her war und ihnen' Federn zu meinen Schrei- bereien ausriß." Ein Schlag Potages mit der Hand unterbrach ihn. „Gevatter, dacht ich mirs doch, seit ich Euch sah. daß Ihr eine Kirchenmaus oder so'was Aehnliches sein müßtet." Der National, der zu derartigen Vertraulichkeiten den Mut nicht hatte, verhielt sich schweigend, lächelte aber leise. Ein Küster in einen Banditen verwandelt! Was werde Don Jcselito sagen, wenn er ihm dies alles erzählte!... „Ich heiratete meine Frau, und wir bekommen das erste Kind. In einer Nacht klopfen ein paar Gendarmen an meine Wohnung und führen mich zum Dorf hinaus, wo das Korn gedroschen wird. Vor der Tür eines Reichen waren einige Schüsse gefallen, und die guten Leute behaupteten steif und fest, ich sei der Täter gewesen.... Ich leugnete, und sie schlugen mich mit den Gewehren— ich leugnete wieder und erhielt neue Schläge. �Kurzum, sie behielten mich bis Morgenanbruch und schlugen meinen ganzen Leib wund, einige Male mit den Ladestöcken, andere Male mit dem Kolben, bis sie es müde wurden und ich besinnungslos am Boden liegen blieb. Ich war an Händen und Füßen ge- fesselt, und sie schlugen auf mich wie auf einen Ballen ein. Außerdem sagten sie zu mir:„Bist Du nicht der Tapferste im Dorfe? Setz' Dich zu Wehr; laß sehen, was Du kannst." Das war es, was mich am meisten wurmte, der Spott. Mein armes Weib pflegte sich, so gut sie konnte, aber ich fand meine Ruhe nicht wieder und konnte den Gedanken an die Schläge und den Spott nicht loswerden. Um mich kurz zu fassen, eines Tages fand man einen der Gendarmen tot auf dem Korn- platz, und ich, um der Gefahr zu entrinnen, floh in die Berge ... und so ging es weiter." „Bursche, eine sichere Hand hast Du," sagte Potage be- wundernd.„Und der Andere?" „Ich weiß es nicht; er scheint in der Welt herumzu- fahren. Er verließ das Dorf, bat, bei all seinem Mut, um Verätzung; aber ich verpasse ihn nicht. Ich habe ibm eine Mitteilung zu machen. Einmal vernehme ich zufällig, er sei am andern Ende Spaniens ; ich reise hin, und wenn es in der Hölle wäre. Ich übergebe die Stute und den Karabiner irgendeinem Freunde zum Aufbewahren und nehme htv
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27 (24/05/1910) 98
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