Zlnterhaltungsblatt des Horwärls
Nr. 114.
Mittwoch, den 15. Juni.
1910
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Die Hrena.
Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von V u l i o B r o u t a. Gallardo horte stillschweigend zu. Nach seinem Unfall hatte xr den Banditen nicht wieder gesehen, aber er bewahrte ihm eine freundliche Erinnerung. Als er noch in Gefahr schwebte. hatte sich der Mann zweimal in La Rinconada nach seinem Befinden erkundigt, und später, als Gallardo auf dem Gute seine Familie bei sich hatte, erzählten ihm verschiedene Male Arbeiter und Tagelöhner geheimnisvoll von Plumitas, den sie öfters auf dem Felde angetroffen hatten und der ihnen Grüße an Sennor Juan mitgegeben hatte. — Armer Kerll— Gallardo bedauerte ihn und er- innerte sich wehmütig seiner Voraussagungm. Nicht die Gendarmen hatten ihn getötet. Man hatte ihn während des (Schlafes ermordet. Er war gefallen durch die Hand seiner eigenen Leute, umgebracht von irgendeinem Nebenbuhler, der begierig war, ihn auszustechen. Der Gang zur Arena am Sonntag gestaltete sich Pein- licher als je. Carmen wandte alle ihre Kräfte an, um sich gefaßt zu zeigen, und ließ es sich selbst nicht nehmen, an- wesend zu sein, als Garabato seinen Maestro kleidete. Sie lächelte schmerzlich: sie heuchelte Heiterkeit und glaubte auf dem Gesicht ihres Mannes zu sehen, daß er mit gezwunge- ner Freude seine wahren Gefühle verbarg. Die Sennora Angustias machte sich in der Nähe des Zimmers zu schaffen, um immer wieder.nach ihrem Juanillo zu blicken, als ob er ihr genommen werden sollte. Als Gallardo zum Patio hinausschritt, den Mantel über die Schulter geworfen, umklammerte sie seinen Hals und weinte bitterlich. Sie sprach kein Wort, aber die keuchenden Atemzüge offenbarten grausam ihre Gefühle. Wie schrecklich, zum erstenmal nach seinem Unglücksfall wieder kämpfen zu müssen, in derselben Arena, wo er von dem wütenden Stier erfaßt worden war! Ihr Aberglaube einer Frau aus dem Wolke lehnte sich gegen eine solche Ungerechtigkeit auf. Ach, wann werde er sich von dem verfluchten Handwerk zurück- ziehen? Besaß er denn nicht schon genug Geld? Aber der Schwager, in Ausübung seiner Autorität als Familienrat, trat dazwischen. „Na, na, Mutter, so schlimm ist die Sache am Ende doch nicht. Ein Stiergefecht wie jedes andere. Das Beste ist, Juan in Ruhe zu lassen und ihn nicht mit dieser Wcinerei zu verstimmen, jetzt, wo er gerade zur Arena geht." Carmen zeigte sich ruhiger. Sie weinte nicht und be- gleitete ihren Mann bis zur Tür. Sie wollte ihm Mut machen. Da durch die Einwirkung des Unfalls in beider Herzen die Liebe neu erwacht war und sie und Juan sich nun wieder vertrugen, glaubte sie außerdem nicht, daß ein neues Unheil ihr Glück stören könnte. Juans Unfall war ein Werk Gottes gewesen, der oft das Uebel zur Wohltat wer- den läßt und der sie durch eine schmerzliche Prüfung aufs neue hatte vereinigen wollen. Juan werde schon wie gewöhn- lich seine Stiere erlegen und dann wohlbehalten wieder nach Hause kommen.—„Ich wünsche Dir gutes Glück!" Und sie schaute mit liebevollen Augen dem Wagen nach, der sich entfernte, von einem Rudel Straßenjungen gefolgt, die neidisch und begeistert auf das Flittergold der Stier- fechterkostüme schauten. Als das Fuhrwerk ihren Blicken ent- schwunden war, ging die arme Frau in ihr Schlafzimmer hin- . auf und zündete die Kerzen an vor dem Bildnis der heiligen Jungfrau der Hoffnung. Der Nacional saß in der Kutsche neben seinem Meister, mit zusammengezogenen Augenbrauen und düsterer Miene. Heute war Wahltag, aber seine Kameraden wußten nichts davon. Niemand sprach von etwas anderem, als von dem Tode des Plumitas und dem Stiergefecht. Ter Banderilla war den ganzen Vormittag mit seinen Parteigenossen tätig gewesen, um„für die Idee" zu arbeiten. Verdammtes Stiergefecht, das nun dazwischen kam und ihn hinderte, seine Bürgerpflichten zu erfüllen und alle die zur
Wahlurne zu schleppen, die nun faul daheim blieben und nicht wählten, weil er sie nicht abholte. Es waren allein die „Anhänger der Idee", die zur Wahlurne eilten, sonst schien die ganze Stadt nichts von der Wahl zu wissen. Wohl gab es in den Straßen große Ansammlungen, aber das Gespräch drehte sich nur um das Stiergefecht. Was für ein Volk war das doch! Der Nacional erinnerte sich wütend der Hinterlist* und Gewaltakte der von dieser Desertion begünstigten Gegner. Don Joselito, der mit feuriger Beredtsamkeit dagegen pro». testiert hatte, war mit anderen Freunden zusammen ins Go fängnis geworfen worden, und er, der gewünscht hätte, ihr Märtyrertum zu teilen, mußte davon Abstand nehmen, um sich für die Arena anzukleiden und seinen Maestro abzuholen. Sollte diese Gewalttätigkeit ungestraft bleiben?, Würde sich das Volk nicht auflehnen? Als die Kutsche in der Nähe der Campana war, sahen die Stierfechter einen Haufen Volk zusammengerottet, in auf» rührerischer Haltung schreiend und lärmend und Stöcke schwingend. Die Polizei drängte ihn mit Säbelhieben zurück, wobei sie manchen Stockhieb bekam. Der Nacional erhob sich von seinem Sitz und wollte auS dem Wagen springen. Ha, endlich, endlich ging es losl Die Revolution! Jetzt ist der große Krach da! Aber sein Maestro zog ihn unter Lächeln und Aergep heftig auf seinen Platz zurück. „Was fällt Dir ein, Sebastian? Du siehst überall Re- Volutionen und nimmst Deine verrückten Hirngespinste für Wirklichkeiten." Die Stierfechter lächelten alle, weil sie die Wahrheit er- rieten. Es war das edle Volk, das aus Wut, weil es kein Billett mehr für das Stiergefecht an dem Schalter in de? Campana gab, diesen erstürmen und in Brand stecken wollte, wobei es von der Stadtpolizei zurückgetrieben wurde. Der Nacional senkte betrübt das Haupt. „Rückschritt! Rückschritt überall! Das kommt davon, daß die Leute weder lesen noch schreiben können!" Sie erreichten die Arena. Eine rauschende Ovation empfing sie, ein nicht endenwollendes Händeklatschen begrüßte ihr Erscheinen in der Arena. Der ganze Beifall war für Gallardo. Das Publikum freute sich ob seines Wiederaus» trctens. Das Gesprächsthema des ganzen Landes war ja monatelang jener furchtbare Unfall gewesen. Als der Augenblick kam, wo Gallardo seinen ersten Stier zu töten hatte, wiederholte sich der Beifallssturm. Die Frauen, mit weißen Mantillen geschmückt, folgten allen seinen Bewegungen von ihren Logen aus mit Operngläsern, von den Sonne - wie von den Schattenplätzen her wurde ihm zugejauchzt: selbst seine Feinde fühlten sich mitgerissen durch diese Woge der Sympathie. Armer Kerl! Er hatte ja soviel gelitten! Die ganze Arena stand auf seiner Seite. Niemals hatte Gallardo ein Publikum gesehen, das ihm so zugetan war wie heute. Er lüftete seine Montera unter der Loge des Präsidiums, um zu sprechen. In seiner Ansprache sagte er unverständ- liches Zeug. Niemand hatte ein Wort davon verstanden, aber es mußte etwas Apartes gewesen sein. Ein fortdauern- des Bravo erfüllte die Luft, und alle waren hochbegeistert.. Der Applaus verstummte erst, als Gallardo sich gegen den Stier wandte. Er breitete den Stab mit dem Scharlachtuch aus und stellte sich vor der Bestie auf, in gewisser Entfernung, nicht in unmittelbarer Nähe wie sonst, wo er alles hinriß, wenn er die Muleta dem Stier fast in das Maul hielt. Aus dem Stillschweigen, das herrschte, merkte man die Betroffenheit der Menge deutlich heraus, aber niemand sagte etwas. Ver» schiedenemal stieß Gallardo mit dem Fuß heftig auf den Boden, um das Tier zu reizen, und dieses ging endlich matt zum Angriff vor, streifte aber kaum das rote Tuch, denn der Torero sprang in sichtlicher Uebereilung zurück. Viele schauten sich verwundert an. Was war das? Gallardo sah an seiner Seite den Nacional, und einige Schritte weiter einen anderen aus seiner Cuadrilla, aber nicht wie sonst ertönte heute sein Ruf:„Laßt mich allein, hinaus mit allen!" Auf den Stufen des Zuschauerraumes erhob sich ein