Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 120.
58]
Die Arena.
Donnerstag den 23 Juni.
Kachbruck perboten.)
Roman von Vicente Blasco Ibanez . Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Als der Junge die Arena verließ, erschien der Vater an der Spize einer lärmenden Schar Straßenjungen. Er hatte alle aufgetrommelt, die in der Umgebung der Arena herumTungerten, ferner alle, die die Wachsamkeit der Türsteher getäuscht und sich hineingeschmuggelt hatten. In seinen Geschäften war der Schenkwirt solid; 50 Centimes sollte jeder bekommen, dafür aber waren sie verpflichtet, mit Aufgebot ihrer ganzen Lungenkraft und bis zum Heiserwerden zu schreien:„ Es lebe Manitas!" und den glorreichen Novillero auf die Schultern zu heben, sobald er aus dem Ring herausgetreten war.
Manitas, noch zitternd von den soeben überstandenen Gefahren, sah sich umdrängt, gestoßen, geschoben, in die Höhe gehoben von dem schreienden Gesindel, und in dieser Weise wurde er im Triumph von der Arena weg nach den Ventas getragen, ans Ende der Calle de Alcala, mit neugierigen Blicken verfolgt von den Leuten, die in den Straßenbahnwagen fuhren.
Der Vater marschierte den dicken Knüppel unterm Arm stolz und zufrieden mit dem Zug. Er tat, als ob ihn die Begeisterung nichts anginge, aber wenn das Vivatgeschrei nachließ, bergaß er jede Vorsicht, lief zur Spiße der Gruppe und schrie mit der Wut eines Schacherers, der für sein gutes Geld schlechte Ware erhält:„ Viva, viva Manitas!" Und die Ovation schwoll wieder an mit tobendem Gebrüll.
Schon viele Monate waren seitdem vergangen, und der Wirt erinnerte sich gern noch des großen Ereignisses.
,, Denken Sie sich mal, Sennor Juan, auf den Schultern getragen brachte man ihn mir nach Haus, geradeso wie man Sie vielmals getragen, wenn ich mir den Vergleich gestatten darf. Sie sehen also, daß der Junge Gutes verspricht. Es fehlt ihm nur ein Beschüßer. Ach, wenn Sie ihm doch unter die Arme greifen wollten."
" 1
Und Gallardo vertröstete ihn, um den zudringlichen Menschen loszuwerden, mit undeutlichen Versprechungen: vielleicht daß er die Leitung der Novillada übernehmen werde. Er würde ihm schon später Bescheid geben; bis zum Winter hatte es ja noch Zeit.
Eines Spätnachmittags, als der Espada von der Puerta del Sol in die Calle de Alcala einbog, prallte er plötzlich vor Ueberraschung einige Schritte zurück. Vor dem Hotel de Paris hielt eine Kutsche, und ihr entstieg eine blonde Dame. -Donna Sol! Ein Herr, allem Anschein nach ein Ausländer, reichte ihr die Hand, war ihr beim Aussteigen behilflich und entfernte sich lächelnd, nachdem er sich mit wenigen Worten verabschiedet hatte, während sie ins Hotel eintrat.
Es war unbedingt Donna Sol. Gallardo zweifelte keinen Augenblick daran. Ebensowenig war er sich im unklaren über die Art des Verhältnisses, in welchem sie zu jenem Ausländer stand, nachdem er die getauschten Blicke und sein Lächeln beim Abschiednehmen beobachtet hatte.
Ja, so hatte sie auch ihn angeschaut, so lächelte er ihr zu in jenen glückseligen Zeiten, da sie selbzweit hinausritten ins einſame, von dem milden Purpurschein der untergehenden Sonne beleuchtete Gefild. Verflucht nochmal!
In schlechter Laune verbrachte er den Abend mit einigen Freunden. Darauf schlief er schlecht, indem vor feinem Auge immer wieder Szenen aus der Vergangenheit auftauchten. Als er aufstand, drang durch das Fenster das trübe graue Licht des Tages herein; es regnete, und ab und zu fielen auch Schneeflocken. Alles war dunkel, der Himmel, die Mauern der Häuser ihm gegenüber, die tropfenden Dachyvorsprünge, das fotige Straßenpflaster, die feuchtglänzenden Dächer der Kutschen, die wogenden Wölbungen der Regenschirme.
Elf Uhr. Wenn er jetzt Donna Sol besuchte? Warum auch nicht? In der vergangenen Nacht hatte er diesen Plan mit einer Wut verworfen. Das hieße sich erniedrigen. Sie war von ihm geflohen, ohne jedwede Erklärung, und später, als sie ihn in Todesgefahr wußte, hatte sie sich kaum nach
1910
ihm erkundigt. Ein einfaches Telegramm, im ersten Augenblick, und dann nichts mehr; nicht einmal ein kurzes Briefchen, einige Zeilen, sie, die so leicht ihren Freunden zu schreiben wußte. Nein, er wollte sie nicht besuchen. Seine Mannes. würde gestattete ihm das nicht.
Am nächsten Morgen aber schien sein Wille sich im Schlaf erweicht zu haben. Warum nicht? fragte er sich wieder. Er wollte sie noch einmal wiedersehen. Für ihn war sie nun einmal das einzige Weib unter allen, die er gekannt hatte; sie 30g ihn mit einer Straft zu sich hin, die ganz verschieden war von dem Gefühl, das er für andere hegte. Sie hat's mir angetan", murmelte er, indem er sich seine Schwäche gestand... Ach, wie schmerzlich hatte er die jähe Trenunng empfunden!
Die fürchterliche Verwundung in der Arena zu Sevilla hatte mit der Wucht des physischen Schmerzes seinen Liebesgram verschüttet. Die schwere Krankheit und dann später die Versöhnung mit Carmen während der Genesung hatten ihn sein Unglück vergessen lassen. Aber jetzt blutete die Wunde in seinem Herzen wieder von neuem. Er hatte sich bemüht, die Erinnerung an die Vergangenheit zu verwischen, aber der allergeringfügigste Umstand, das Passieren eines Weges, auf dem er mit der schönen Amazone zusammengeritten war, der Verkehr mit den Herren, die ihre Verwandten waren, die Begegnung mit einer blonden Dame auf der Straße, alles führte ihm das Bild von Donna Sol vor Augen. D, diese Frau! Wie sie würde er niemals eine finden. Als er sie berlor, hatte seine ganze Existenz einen Riß bekommen. Er war nicht mehr er selbst. Er kam sich vor wie einige Stufen in der allgemeinen Achtung gesunken. Er schrieb sogar die Mißerfolge in der Ausübung seines Berufes nur ihrer Untreue zu. Als sie noch sein war, fühlte er sich tapferer; aber als sie damals von ihm ging, begann auch das Glück ihm den Rücken zu kehren. Kehrte sie zu ihm zurück, dann würde sicher auch sein Ruhm wieder aufblühen. Sein Herz, abwechselnd gehoben und niedergedrückt von den Vorspiegelungen des Aberglaubens, flammerte sich an diese Hoffnung.
Vielleicht war dieser Wunsch, sie zu besuchen, eine göttfiche Eingebung, vergleichbar mit denen, die ihm so oft das Leben in der Arena gerettet. Er besaß ein großes Selbstvertrauen. Seine leichten Erfolge bei anderen Weibern, denen sein Torerokostüm imponierte, ließen ihn an einen unwiderStehlichen Zauber seiner Person glauben. Es könnte doch ein. treffen, daß Donna Sol nach einer langen Abwesenheit. wer weiß? Das erstemal, als sie sich allein antrafen, war es doch so gewesen.
Gallardo war feines guten Sternes sicher. Mit der anmaßenden Zuversicht eines an Frauengunst gewöhnten Mannes, der nur hinzublicken braucht, um erhöht zu werden, machte er sich auf den Weg zum Hotel de Paris , das unweit von dem seinen lag.
Mehr als eine halbe Stunde mußte er unten auf einem Sofa, unter den neugierigen Blicken der Angestellten und Gäste warten, die auf ihn aufmerksam wurden, als sie seinen Namen hörten.
Endlich kam ein Diener und bat ihn, den Aufzug zu benußen. Er begleitete ihn in einen kleinen Salon im erstn Stock, durch dessen Fenster man die Puerta del Sol sah, mit den schwarzen Dächern der hohen Häuser. Ein Strom von Passanten mit aufgespannten Regenschirmen machte die Bürgersteige unsichtbar; über den blinkenden Asphalt jagten die Fuhrwerke dahin, vom Negen gepeitscht, und die sich nach allen Richtungen hin kreuzenden Straßenbahnwagen ließen in einem fort ihre Klingelzeichen ertönen, um die unter den Schirmen tauben Fußgänger zu warnen.
Eine Tapetentüre wurde geöffnet, und in ihr erschien Donna Sol. Ein leises Rauschen von Seide, und der Wohlgeruch ihres Körpers, der in sommerlicher Reife seine Reize entfaltete, kündigten ihr Erscheinen an. Gallardo verschlang sie mit den Augen und maß sie mit den Kennerblicken, die feine Einzelheit übersahen. Ganz so wie in Sevilla ! Vielleicht noch schöner und verführerischer nach so langer Abwesenheit.
Mit eleganter Nachlässigkeit trug fie cine fremdländische Tunika mit seltsamen Schmucksachen, genau so wie sie bei seinem ersten Besuch in Sevilla aufgetreten war. Die Füßchen