Mnterhaltungsblatt des Worwärts N�. 134. Mittwoch, den 13 Juli. 1910 Maqdru« tcctot«.? 4] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamee. Es war nun völlig dunkel. Die Klar erzählte von Morden und Ueberfällen, die hier auf der Straße geschehen waren. Der Philipp fürchtete sich. Aber merken durfte er sich nichts lassen. Da hätte ihn die Mutter schön angefahren. einen Hasenfuß und Gott weiß was geschimpft. Und die Klar erzählte immer. Sie hatte ihre Freude dran, in der Dunkel- heit die Schauergeschichten zu erzählen. Sie war nun längst beim Schinnerhannes angekommen. Den kannte sie von A bis Z. Es tat ihr wohl, wenn so richtig umgebracht wurde. Endlich glänzten die Lichter vom Dorf. Das erste Haus. Wie zwei große Augen sahen zwei helle Fenster ins Dunkel hinaus, die Straße hin. , Der Philipp atmete auf. >Hast Dich gefürcht't?" fragte die Mutter. ./»Ein bißchen, ja!" "Ei Du Herrgottskränk, sollst ja gleich's Gewärzel kriegen, was ist denn da zu fürchten. Wann er kommt und was will, so kriegt er seine Aeppel, was gibste, was haste. Und dann staubaus." Der Philipp rückte jetzt sein Hütchen und war stolz. Sehr stolz. Er war einfeiner Bub" jetzt. So," sagte die Klar,nun sind wir im Nest drin. Die Kränk soll's kriegen! Ich will jetzt mal sehen, was Du für ein Kerl bist, ob Du's zu was bringen kannst." Der Philipp aber hatte jetzt eine doppelte Freude, einmal, daß sie im Dorf waren, und dann, daß er neue Kleider an und das grüne Hütchen auf hatte, und in seiner Freude sagte er: Ja, Mutter, Ihr werd'k sehen, daß ich was fertig bringen kann!" Da schüttelte es ordentlich die derbe, große Frau, und sie sagte: Das ist das erstemal, Philipp, daß Du mir auch was versprochen hast. Aber halt's auch." Dann bogen sie in die Ziegelgasse ein und waren gleich daheim. '4. Alles, was die Klar tat, tat sie ganz. Und alles, was sie tat, tat sie rasch. Im ersten Feuer, in derersten Hitz". Da mochte nachher werden, wie es wollte, dann war's getan. Die Klar war darin wie alle echten Rheinhessen . Bei ihnen gehörtRage" zur Tat. Lang herumsimulieren und zaudern, das ist ihnen gegen die Natur. Das verträgt ihr Blut nicht. Denn in ihrem Blut, da ist Feuer. Da ist Wein drin. Der treibt, der hitzt. Der Klar hing der Himmel voller Geigen. Mochten die Leute sagen, was sie wollten. Sie hatte sich's nun mal aufgebaut, kirchturmhoch, und- so hielt sie dran. Und rumpelte ihr der Turm zusammen, nun, so hatte sie doch wenigstens mal einen Turm gehabt. Einen freien und hohen, wo die andern nicht über einen Hasenstall hinausgekommen sind. Warum sollt's nicht glücken? Durfte ein armer Bub nicht auch einmal was werden? Ein bißchen Vermögen hatte sie, schaffen konnte sie für zwei. Wenn ihr die Kräfte blieben, konnte sie's mit ihrem Verdienst allein bestreiten. Sie hatte ja nun den Mann nicht mehr, der immer mehr gekostet hatte, als er verdient hatte. Und reichte eS nicht, nun, auf ihr Häuschen und die paar Läppelchen Feld gab ihr der Jud schon was, dann mochte der Philipp die Hypothek mal abtragen, stienn er verdiente. Waruni sollt's nicht glücken? Ein Esel war der Philipp nicht. Gescheiter war er wie die sämtlichen Hornviecher des Orts. Ein bißchen einen Stuß hatte er. Was schadete das. Ein bißchen einen Stuß muß jeder haben, sonst tut's nit gut. Sonst kann er sich nit mal ausspannen und Gott einen guten Mann sein lassen. Faxen machen und tanzen er müßt ja kein Rheinheß sein. Mcenzerland, Narreland I Aber das ist gut so. Und ein bißchen Leichtsinn dabei! Er mußte ja nit gleich werden wie sein Vater. Leichtsinn gehört aber dazu. Fürs Lernen wollte sie schon hinter ihm sein gnade ihm, wenn er sich auf die faule Haut legen wollte! aber die Faxen und den Leichtsinn, da wollte sie ihn noch extra anspornen. O, die Hutsimpel konnte sie für die Kränk nit leiden. Früher war der Kaiser auch nur ein Hut» simpel gewesen, dem's bei jeder lumpigen Gelegenheit in die Hosen gegangen. Und nachher was war's denn geworden mit ihm? Da hatte sie die Bescherung gehabt. Aus der Hut- simpelci war Leichtsinn geworden. Aber was für ein Leicht- sinn, ein ganz lumpiger und gewöhnlicher. Und der Suff! Nein, für alle Kränk nit, der Philipp sollte jetzt als Bub nur einen richtigen Leichtsinn haben, später tät er schongesetzt" werden. Sie hatte immer ihren Humor, und wenn's Kuh- dreck regnete. Drum konnte sie auch immer schaffen. Grad- aus und lustig drauf zu. Kein Hasenherz und kein Groß- getu. Aber ein Scherzwort, wenn's gilt, und eine Grobheit, wenn einer zu nahe kommt, und sonst ein Lächeln. Was geht ihr mich an! Aber flennen, flennen tu ich nur daheim, wenn's niemand sieht. Selbst mein Philipp nit. Da könnt ihr lang warten. Das geht kein Mensch was an kein Mensch, der die Freud kriegt. Da kennt ihr die Kaiserklap schlecht. Hundsfötter! Sie rief ihren Philipp. Also lernen willst Du was, und lernen kannst Du was? Oder willst Du nit oder kannst Du nit?" Ich will doch, Mutter, ich hab's Euch ja schon gesagt. Und kannst auch?" Ich werd schon können." Er wollte wieder fort. Wo willst Du hin?" Spielen!" Was spielen?" Kommt heraus und guckt selbst!" Die Mutter ging mit ihm heraus auf die Treppe. Er hatte einen Haufen Kinder im Hofe, Buben und Mädchen, sechs, sieben Jahre alt, neun, zehn auch wohl ein paar. Er lehrte sie singen. Er saß auf dem Pumpenschwengel und sang ihnen vor. Sie mußten ihm nachsingen, und er schlug den Takt. Er sang: 's war emal en kleiner Mann ju, val bi ra Der hatte eine große Frau na di bums di ra Große Frau wollt tanzen gehn-- ju val di ra Kleiner Mann wollt auch mitgehn na di bumS di ra Kleiner Mann muß zu Hause bleiben-* ju val di ra Muß die Küb und Kälber treiben n,a di bums di ra Küh und Kälber treibt er nicht ju val di ra Und von dem Brot'da bleibt er nicht na di bums di ra. Als die Frau nach Hause kam ju val di ra Da saß der Mann im Butterfaß na di bums di ra Gehst de raus, so kriegstc was ju val di ra Gehst de raus, so kriegste was na di bums di ra. Frau sucht sich e Steckelche ju val di ra Und schlägt dem Mann aufs Deckelche na di bums di ra. So jetzt kann ich tanzen gehn ju val di ra So jetzt kann ich tanzen gehn na di bums di ra. Lausbub," sagte die Klar,woher kannst denn das?" Von der Odenwälder Gret," sagte der Philipp,«die ins alte Friedensrichters ist." Sollst ja die närrisch Kränk kriegen! Nu mach's noch emal!". v. Und die Kinder sangen das Lied noch mal durch, machten den Ringeltanz um die Pumpe herum, und her KaiserphUipx