Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 143.
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Der Entgleifte.
Dienstag. den 26 Juli.
( Nagbrua berboten.)
Von Wilhelm Holzamer . Und so sehr man sich dagegen wehrte, es zu glauben, man sah, es war wahr. Es ergaben sich immer die Fälle, die
es wahr zeigten.
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Für die Armen ist das Recht nicht gemacht sie hatten ja auch nichts dabei zu sagen es ist nur ein Reichenrecht, das es gibt. Armenrecht ist nur, fein Recht zu haben," hatte er auch gesagt. Aber er hatte das alles und noch viel mehr nicht laut vor sich hergetragen und groß ausposaunt, er hatte es so zufällig auf der Straße fallen lassen und war weiter gegangen. Und jemand hatte es aufgehoben und einem zweiten wurde es gezeigt und ein dritter nahm's für voll und so ging's wieder weiter vom dritten aus bis zum zwölften und hundertsten.
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Der Schlüssel aber kümmerte sich weiter nichts mehr drum, und wenn er einmal wieder hörte, was er hatte fallen Lassen, dann fragte er nur:" So, habt Ihr das auch schon gemerkt? Es gehört schon ein bißchen Gescheitheit dazu, das zu merken. Aber in der Welt regiert ja das Dummsein." Gescheit will aber jeder Rheinhesse sein, und so faßte er aus purer Eitelkeit seinen zufälligen Fund nur fester in Besitz.
Der Philipp war vom Schlüssel eingeladen worden, ihn zu besuchen.
Ihr Frau wirft mich ja hinaus."
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1910
,, Das nicht aber an ihm hat's ein gut Teil gelegen, und er hätt uns eine Volksschul schaffen können, in der man lehrt, was man Euch lehrt. So ist's nur für die wenigen, die's bezahlen können. Aber es müßt für alle sein." Sie gingen still nebeneinander her.
Der Schlüssel fing dann wieder an.
,, Du mußt mich aber recht verstehen: ich halt ihn hoch. Aber das hindert nicht, daß ich manchmal einen rechten Born auf ihn hab. Nur ein bißchen fehlt mir manchmal, da tät ich fagen, wie Christus gesagt hat: die nicht kalt sind und nicht warm sind, die lau sind, die will ich ausspeien aus meinem Munde. Aber er ist ja mehr. Er ist nur stehen geblieben. Er ist alt geworden. Hit Dich mal vorm Altwerden, Philipp. Da wird man wie ein hohler Weidenbaum. Man hat noch ein paar grüne Gerten, aber man kriegt keine Krone mehr. Und man denkt, es wäre doch gut und schön, daß man an dem stillen Weiher stehen könnt und immer da hinein guden und sich betrachten. Aber wie man jung gewesen ist, da hat man an einem großen Fluß stehen wollen. Ja noch mehr, da hat man der Mast sein wollen von einem großen Schiff, das den andern voraus fährt. Guck Dir darauf später den alten Strafft mal an. Wenn Du groß bist und was erlebt hast. Ich, ich weiß das. Aber willst Du jemand wissen, der jung geblieben ist? Jemand, der wohl auch nicht in das große Wasser hinausgekommen ist, der aber über den Kirchturm hinausgesehen hat und immer den Wind gespürt hat, der weither geweht kommen ist? Das ist die alt Lisbeth. Das glaubst Du mir nicht? Du guckst noch auf das, was einer außen ist. Du mußt lernen auf das gucken, was inwendig im Menschen steckt." Nach mancherlei Fragen und Gesprächen waren fie ins
„ Sie ist jeden Mittwoch und Samstag über Feld, Ge- Dorf gekommen. Es war Abend geworden, und die Häuser schirr verkaufen. Dann kannst Du kommen."
Das versprach der Philipp.
Und nun fragte der Schlüssel so mancherlei.
Du hast's gut, Du hörst ein bißchen mehr von dem, was in der Welt borgegangen ist, als unsereiner gehört hat." " Ja," brüstete sich der Philipp.
Und der alte Krafft ein bißchen was fehlt ihm doch. Er ist so stecken geblieben. Er hat sich zurückgezogen und hätte doch vorausziehen müssen."
Das verstand der Philipp nicht.
,, Weißt Du," fuhr der Schlüssel fort, wer einmal für die Freiheit gestritten hat, der muß seiner Lebtag streiten, denn die Freiheit, das ist etwas, das man nie ganz hat, und wovon man nie genug hat."
,, So, die Freiheit?" fragte der Philipp. " Hat Euch der Krafft nie von der Freiheit gesprochen?" Viel," sagte der Philipp, aber er sagt immer nur deutsche Freiheit, und dabei zittert's ihm in den Tränensäcken, ich hab das jedesmal gesehen."
„ Siehst Du," sagte der Schlüssel, er sagt deutsche Freiheit. Da ist er steden geblieben. Aber wenn Du mal groß bist, da wirst Du wissen, daß es eine andere Freiheit noch gibt, das ist eine ganz große Freiheit, die kennt nicht deutsch und französisch, die kennt nur den Menschen. Wär der Krafft in seiner Freiheit geblieben und mit seiner Freiheit weitergezogen, statt in seinen vier Wänden still zu werden, so wär er auch zur Menschenfreiheit gekommen, und wär nicht über 1870 und Kaisertum und Gott weiß was gestolpert. Das ist auch einer, der gewußt hat, wo der Baum die Wurzeln hat, der aber nicht gefragt hat, wohin er hätt wachsen können. Schad um ihn!"
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Es gibt aber doch so bald feinen mehr wie er?" fragte der Philipp, der ein wenig beirrt war.
,, Das ist gerade das schlimme an ihm. Gerade so einer, wie er ist, der muß ganz vorn voraus sein."
,, Sie meinen wegen dem Pfarrer?"
Ich mein, wegen der ganzen Welt und wegen dem ganzen Leben. Ich mein wegen Dir und mir und allen armen Teufeln. Wegen denen mein ich, die dumm gehalten werden, und denen, die ins Helle, in den hellichten Tag hinein wollen und immer in der Düsterheit gehen müssen, wegen denen mein ich."
„ Aber was er uns lehrt, das wird doch nit in der Boltsschul gelehrt?"
lagen still. Straßenlaternen gab's noch keine. Nur der Lichtschein aus den Häusern und Läden warf ein wenig Helle auf die Gaffen. Ganz eingeschlossen lag das Dorf. Tief drinnen zwischen den Hügeln. Nur die beiden Kirchtürme guckten in die Höhe. Ueber die Hügel hinaus konnten sie auch nicht sehen. Oben in der Ebersheimer Mühle ging ein Licht auf. Siehst Du, Philipp, da oben sieht man noch ein Stüd weiter aber hier unten und ganz droben noch weiter ist rundum alles zu. Du kommst also einmal?" Damit ging er.
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Der Philipp saß nun fast jeden Mittwoch und Samstag in der Werkstatt beim Spengler Schlüssel. Er fütterte die Frettchen, bosselte dies und das herum, was nie recht gelang, bewunderte das Meisterstück vom Schüssel, ein ganzes Teeservice, das blizblank auf der Kommode in der Wohnstube stand, ließ sich vom alten Zunftwesen erzählen und hörte die Neden vom Schlüssel an, die ihm alle dunkel waren im Retten, aber doch einen seltsamen Reiz auf ihn ausübten. Manchmal fiel ihm etwas davon in der Schule ein, und er betrachtete den alten Krafft mit fragenden Augen, die Gewißheit haben wollten. Aber es war nichts wegzunehmen vom alten Krafft, mochte der Schlüssel auch sagen, was er wollte. Und doch, wenn er wieder beim Schlüssel war, da fiel wieder ein ganz anderes Licht auf die Dinge. Der Philipp stand dazwischen und wußte nicht, welches das richtige war und für welches er fich entscheiden sollte. Er entschied sich nicht. Er gab sich dem Stillen, Leuchtenden hin, das vom Wesen des Krafft ausging, und ließ sich dann wieder die Augen auftun, von dem Scharfen, Kalten, das der Schlüssel anzündete. Es beschwerte ihn nicht sehr, es beunruhigte ihn nur manchmal. Und manch mal legte er einen scheuen Zweifel hinter die Dinge, die der Krafft fagte.
Der Schlüssel öffnete eines Tages einen verborgenen Wandschrank in seiner Werkstatt und zeigte dem Philipp seine Bücher. Nun wußte er, woher er so viel Merkwürdiges sagen fonnte. 3u lesen gab ihm der Schlüssel feines. Sie seien meist polizeilich verboten, und es wisse niemand, daß er sie habe. Aber alles Verbot halte den Sieg der Wahrheit nicht auf. Die Wahrheit gehe durch die Welt und wisse die Brüder ihres Bundes zu finden. Es sei ein großes Geheimnis, das sie alle umschlinge. Und eines Tages, da sei das ganze Leben und die ganze Welt davon durchdrungen. Ob er schon die