Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 155.

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Der Entgleifte.

Donnerstag, den 11. August.

Nadruk berbote

Bon Wilhelm Holzamet.

2.

Drei Tage lang geht es mit dem Philipp herum, daß er der Mutter einen Vorwurf gemacht hat. Drei harte Tage. Und kaum hat er's vergessen, da fällt's ihm wieder ein. Und dann, wenn's ihm einfällt, geht ihm ein Bucken durch die Glieder und ein Schmerz läuft ihm übers Gesicht, daß es ihm einen Augenblic lang in lauter Falten erstarrt. Dann zwingt er's wieder hinunter.

Der Flieder ist wirklich aufgeblüht und alle Büsche hän­gen von schweren Trauben voll. Die Luft ist voll von dem füßen Wohlgeruch. Und der Philipp riecht die Veilchen um die Eulenmühle daheim, und riecht das Gras in den Wiesen und die Triebe der Weiden und die bitteren Blätter der Pappeln. Das erfüllt ihm die Gassen des Städtchens und erfüllt ihm die Stube und das Schulzimmer und läuft in ihm um, wie eine Ameisenschar, mit hunderttausend geschäftigen kleinen Füßen, die auf den verstecktesten Nerven prickeln.

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Es ist Mai die Kirschbäume blühen, und bald blühen auch die Akazien, und dann wird's Pfingsten. Dann ist der Himmel blau und straff wie Seide und dann sind alle Zauben weiß. Der Kudud ist unermüdlich im Walde und drüben im Hotelgarten schlägt eine Amsel. Da steht eine hohe Tanne, gerade wie in der Lisbeth ihrem Garten und darauf singt die Amsel. Es klingt über die Dächer und über die Gärten, es klingt hoch und in die Höhe. Die Birken sind grün, die Buchen haben helle Blättchen bekommen, die Eichen tragen noch braunes Laub, aber es sprießt auch schon aus ihren Knorren heraus. Die Pulsatillen blühen schon am Hügel, im Walde stehen die weißen Anemonen wie lauter weiße Jungfräulein, die zur Hochzeit geschmückt sind und auf ihren lieben Liebsten warten. Und allnächtlich kommt er zu ihnen und füßt sie, eine nach der anderen, und am Morgen find sie noch ganz schwer von seinen Küssen, und sie laffen die Köpfchen hängen, und von seinen Küssen blinkt der Tau in ihnen. Der lose Lenz. Ins dichte Laub der Maiglöckchen schlüpft er hinein, und da und dort lockt er ein weißes Fräu­lein aus seinem Versted heraus, daß es tag- und taglang sein Lob läute sein Lob und seine lustige, lachende, lautere Liebe. Und das Eichhorn springt von Ast zu Ast- und die Aeste fnacen- und das welke Laub raschelt so merkwürdig in den Wegen. Was will nun noch das welke Laub. Das grüne will sprießen.

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Wenn man auf der Höhe steht, faßt man die Brust an beiden Seiten und atmet. Das ist so voll und stark, dies Atmen auf der Höhe.

Die Pflüge gehen über die Wecker- und die Pferde tän­zeln. Zwei nebeneinander, das ist ein Schaff. Den Teufel haben sie im Leib. Sie schlagen und beißen einander, und die Furchen werden frumm. Und dann wiehern sie. Und wenn sie stehen, wiehern sie übers Land. Dann kommt gleich eine Antwort. Von weither tönt die Antwort eines Hengstes herauf.

, so auf der Höhe, wenn der Lenz feinen blanken Thron da aufgeschlagen und mit lächelndem Gesicht und starfer Hand das Land beherrscht! Wenn es ihm ein Teppich wird, darin jeder Tritt von ihm ein buntes, leuchtendes Muster abge­geben! Den Hut in die Luft und einen Schrei aus der Kehle.

Und das ist Glück und das ist Jugend! Hoch ist der Himmel, und weiße Wölkchen schäfern schwei­Hoch ist der Himmel, und weiße Wöllchen schäfern schwei­gend über ihn hin.

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1910

ihn herum, er möchte sich davon erfassen und davontragen laffen aber er ist zu schwer dazu, und er ist festgebunden. Es will alles in der Welt einen ruhigen Gang und einen festen Schritt haben. Ja, ist das wahr? Dann sollt's doch nie Frühling sein, dann sollt's doch keine Jugend geben. Er ist jung, er fühlt's- und er will sich nicht einzwingen und festbinden lassen.

Aber er muß es. Täglich muß er's. Morgens schlägt die Glocke und kommandiert ihn. Und jede weitere Stunde schlägt sie und kommandiert ihn. Unweigerlich muß er ge­horchen. Ist das nicht zu dumm? Kann da nicht ein Mensch dabei zugrunde gehen? Dienst! Des Dienstes ewig gleich­gestellte Uhr!" Du Dichter! Schulmeister und geschulmeistert nicht aus dem Geschulmeistertwerden heraus kommen.

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Für wen das gut ist nun wohl, der mag's' ertragen. Wer's nie anders wußte, der mag's ertragen. Wer darin Er­füllung sieht, der mag's ertragen. Ihn, ihn bringt's um. Er denkt, er ist auf dem Wege, sich kennen zu lernen. Aber er denkt auch, daß er feine besondere Freude daran habe. Ganz und gar nicht. Es ist ziemlich betrüblich, was er von sich denkt. Wo soll das hinaus? Was hilft's, sich an den Dingen zu stoßen und immer gegen Mauern zu rennen? Er muß sich einrichten, muß sich fügen. Er muß!

Herrgott, immer und ewig dies gottverdammte Muß. Das ist die Hütte, die Armut, die Herkunft. Da wird einem gestattet, seinen Stopf ein wenig oben die Dachluke heraus­zustrecken und drei Häuser weiter und über ein paar Dächer zu sehen, mehr als die anderen, aber dann baut der Nachbar fein Haus noch einmal so hoch, und die ganze Aussicht ist versperrt, und man ist noch ärmer, als man vorher war.

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Wie ihn die Urpädagogen auch duckten, er schimpfte auf die Schulmeisterei. Für sein pädagogisches Eramen zu stu­dieren, das fiel ihm gar nicht ein. So weit Kulturgeschichte und Psychologie in der Pädagogik stat, gut, wollte er sich damit abgeben aber dann nicht nur ein bißchen zu einem lumpigen zugeftuzten Examenwissen daran herumnaschen, um Antworten parat zu haben. War denn das Wissen: Antwor­ten parat haben? Und dann noch die Unterrichtsregeln! Re­geln sollte er an Kleinen anwenden und wehrte sich selbst so gegen Regeln und kam sich vor wie ein Pferd am Pflock, das an seinem Strick reißt und zornig ins Gras hineinbeißt und wieder beißt und doch gar nicht fressen mag. Denn es will los sein und springen.

Leise dämmern die Hügel der Heimat. Wie war das frei alles, daheim! Das bißchen Schule, pah- dann aber hinaus! Und sich selbst gehen lassen, links einen Sprung, rechts einen Sprung. Narreteien und Ausgelassenheiten, daß der Mutter manchmal die Tränen liefen.

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Nun fiel es ihm auch ein, das Schimpfwort. Danz doch!" Wie's ihn jetzt freute! Jawohl: tanz doch! Aber nun war der Fuß nicht mehr leicht. Nun war ihm Blei in die Stiefel gegossen. Tanz doch nun: tapp doch! Was waren das all für Tappmenschen! Und zu ihnen gehörte er nun! So einer mußte er nun auch sein. Er legte sich selbst seinen neuen Schimpfnamen bei, den er sich selbst zurief: Tappdoch!

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Die Schwalben draußen, die am Fenster vorbeifligten, die Sperlinge, die schilpten, die Tauben, die ins Feld hinaus flogen trop Verbot und er saß da und bereitete sich vor". Wie er morgen am besten das Einmaleins erklärte, wie er das Lesestück zergliederte, wie er ein Gedicht in Häcksel hackte..

" Tappdoch!" Er zwickte sich ins Bein. Weh sollt's tun. Gefäll, Lauf, Mündung, Fluß, Strom, Meer. Geistreich. Er bereitete sich weiter vor. Heimatfunde: Quelle, Bach, Ufer, Und das in einer Schulstube. In den vier Wänden einer Philipp hat sich tüchtig ausgelaufen die letzten Tage. Schulstube. Sie sollten ihn die Kinder mit hinaus nehmen Es ist ein unbändiger Bewegungsdrang in ihm. Immer lassen ins Freie hinaus in den Frühling- er würde ihnen hinauf in die Höhe, frei sein! Nicht Gewicht, nicht Fessel, alles erklären- Quelle, Bach, Ufer, Gefäll, Lauf und noch nur Leichtigkeit. Strebende, steigende, eilende Leichtigkeit. viel mehr. Noch tausendmal mehr. Alles, was darin klingt Dann sigt er daheim in seiner Stube und fühlt sich noch und singt, was der Frühling macht, was der Sommer nimmt, tausendmal bedrückter. Es ist ein Wehen und Wirbeln um was der Herbst ändert und was der Winter vernichtet. Die

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