Nnterhaltungsbtalt des vorwärts Nr. 159. Mittwoch, den 17. August. 1910 r?iaqdru<r ensotta.! 29] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer . Das niedere Gastzimmer hatte nun eine stickige Atms- sphäre bekommen. Rauch und Bierdunst. Der Polizeidiener trat ein und gebot Feierabend. Er wurde mit ein paar Glas abgeschickt. Aber bald danach erhob sich einer nach dem anderen. Der Onkel Wolfs schlief und prostete im Duseln. Georg der Eiferer knetete seine Hände und wälzte philoso- phische Gedanken in seinem Hirn. Hermann Eigner saß stramm und trank still, der kleine Meyer leerte noch tapfer ein Glas nach dem andern, der reptilienhafte zukünftige Staatsanwalt empfahl sich mit ein paar eckigen Bücklingen, die den Komment seiner Verbindung verrieten, Peter Lor- berger aber schimpfte. Er schimpfte wie ein Berserker, und Hermann Eigner sagte beständig zu ihm:Schimpf nur, Peterchen fest drauf fest drauf I" Dann kam der Peter ins Geschichtencrzählen aus der Gymnasiastenzeit. Er hatte sich her zu Philipp gesetzt und ließ ihn jetzt nicht gehen. Schließlich tranken sie Brüderschaft. Der Onkel Wolff schlief und schnarchte, die anderen waren gegangen. Nur Eigner, Lorberger und Philipp saßen noch beisammen. Die Zungen waren ein wenig schwer. Der Alka- hol lag auf ihnen- Aber auch das Herz. Am Tage Unter- drücktes, es wollte nun nach seinem Worte suchen und sich anvertrauen können. Du hast auch die Dummheit gemacht wie ich," sagte der Peter Lorberger. Welche?" fragte der Philipp. Der Peter legte den Arm über seinen Nacken. Na, stell Dich nicht so.'s ist eine Dummheit, eine sau- mäßige Dummheit." Was denn, wieso denn?" Wenn Du nicht verstehen willst." Doch, ich will verstehen aber ich verstehe nicht." Na, mit dem Schullehrer. Hast Dus noch nicht bereut? Der Philipp sagte nichts. Du wirsts dann noch bereuen. Wenn Du irgendwie kannst, stecks auf. Siehst Du, wie ich das Abiturium gemacht hatte, da ist mein Vater gestorben. Die Mutter war kränklich und wir hatten Schulden. Da hieß es verdienen. Und in diesem Eselsnest ist ja kein Mensch, der einem hätte helfen können. Nur Viehvolk. Und so steck ich jetzt drin." Der Philipp horchte auf. Es taugt nichts, glaub mirs. Dein Lebtag hast Du dran zu kauen. Und Du kaust Dich dran kaputt- Da nichts und da nichts- Für den Augenblick glaubt man, es sei gut so aber bald merkt man, daß es das Schlechteste ist. Man ist kein Schullehrer und hat nicht studiert und hat von beidem etwas. Das ists gerade, daß man von beidem etwas hat und nichts Ganzes und Richtiges. Folg mir, schmeiß den ganzen Bettel hin Dein Lebtag mußt Du Dich doch nur in dem Kram ducken und fügen und hast immer die Faust im Genick sitzen und in Dir bohrts immer. Folg mir, laß Dirs als Freund gesagt sein, schmeiß den Kram hin." Ja, aber wie denn?" Wie denn? Einfach, indem mans tut. Dann kommt Rat ganz von selbst. Mit Schulden, macht nix aber nur aus dem geduckten, engen, armen Leben heraus." Sie saßen still. Hermann, was meinst Du?" fragte der Lorberger. Ich? Ich mein auch wie Du aber ich mein auch, es kommt nickst drauf an, was man ist, sondern wer man ist." Das sagst Du. Du bist ein freier Mann. Aber wir armen Teufel haben die Abhängigkeit, da werd einmal wer! Das brächtst auch Du nicht fertig. Streberei, Katzbuckelei, Zurücksetzung, Pfennigdrückerei, Beaufsichtigung, Bevormun- dung und was da all zusammen kommt, da kannst Du nicht mitreden." Er stand auf und nahm den Philipp an den Schultern: Mensch, es soll nicht noch einer kaputt gehen, wenn ichs verhüten kann oder wenn ich einem raten kann. Reiß Dich heraus. Für den Augenblick wirds Dir schwer aber da» tut nichts. Hätt ichs auch getan! Was hat jetzt mein« Mutter von mir? Nichts! Ich Hab kaum für mich genug. Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Mensch!" Und damit riß er den Philipp in die Höhe. Mensch, sei gescheit! Es geht alles, man muß'nul wollen. Fest wollen!" Hermann Eigner sagte: Wenn Sies machen könnten, Herr Kaiser, es wäre joi freilich besser." Machs!" sagte der Lorberger.Prost drauf!" Sie leerten ihre Gläser und gingen. Ich will mal sehen," meinte der Philipp im Fortgehen. Nicht erst mal sehen. Ein Sprung und hinüber- Nur mit einem Sprung kann man so etwas machen. Sonst bleibt man seiner Lebtag ein Hutsimpel. Also los!" Sie standen noch ein wenig zusammen und rieten und beredeten. Dann gingen sie. Der Philipp aber schlief die ganze Nacht nicht und dacht« darüber nach, was der Lorberger gesagt hatte. Und als der Morgen sonntagshell in sein Zimmer sah. da war er fest in seinem Entschluß und schlief ein. 6. Ihm war. er stehe ganz aufrecht und kerzengerade. Ganz fest und sicher. Er war sich klar: er ginge. Kurzerhand. Denn vor dem Aufschub war ihm bange- Nichts fragen, nichts beraten. Nur nicht erst reden, nicht Meinungen an» hören. Und zu keinem Menschen gehen das würde ihn schwankend machen. So setzte er sich hin, schrieb an den Direktor, schrieb an das Ministerium, packte denOrbis pictus" sorgfältig ein Hefte, Bücher, alles, was er in Besitz hatte, zahlte seine Wirtin aus, behielt nur ein paar Groschen übrig, wenn er die Fahrt noch einrechnete, gab seine Aufträge, und ohne weitere Umstände, auch wenn es ihm übel ausgelegt werden sollte, ohne Besuch und Abschiednehmen ging er. Die Kirchen« glocken läuteten zum Nachmittagsgottesdienst, das Städtchen lag ganz in dünnen Herbstdunst eingehüllt. Sanft, friedlich, milde. Und nun kam er sich doch seltsam vor, nicht mehr so gerade und aufrecht. Er schlich sich davon, ein bißchen feige und verächtlich. Wenn er einen rechten, geraden Mut gehabt hätte, wäre er gerade und offen zu jedem hingegangen und hätte ihm seinen Entschluß gesagt und hätte Abschied ge- nommen, Auge in Auge. Aber das war nun einmal nicht. was half da die Reue. Wieder umkehren, es anders machen das wäre töricht. Er ging nun, wie er war, und ob es gleich auch nicht die schönste und beste Art war. Der Stationsvorsteher fragte ihn:Wollen Sie verreisen, Herr Lehrer?" Ja," sagte er.ein wenig." Er wurde rot wie Zinnober- Was hatte er eben gedacht, und nun war er doch feige gewesen. Der Stationsvorsteher hatte sich schon weggewendet, denn der Zug fuhr ein. Philipp riß sich zusammen und ging zu ihm hin. Ich gehe für immer, Herr Vorsteher." So, so? Adje, Herr Ährer. also!" Der Dienst nahm ihn in Anspruch. Philipp stieg ein. Er war froh, er fühlte sich freier und offener, daß er den Mut gehabt hatte, seinen Schritt einzugestehen. Der Zug fuhr in die Ebene hinaus. An kahlen Sandhügeln hin, durch grüne Wiesen. Und immer weiter trat die hohe, stolze Wand der Berge zurück die Krone des Waldes hüllte das Grau des Herbstdunstes, das Städtchen verkroch sich ganz in die Berg» lehnen hinein, nur der alte Kirchturm war noch zu sehen und eine Villa oben, die mit Kupfer gedeckt war, und deren grün« Patina nun so fahl und verwesend aussah. Nun fuhr der Zug durch den Wald. Dann und wann äugten Rehe zwischen den dunklen Stämmen heraus. Raben und Häher schrien. Der Rauch der Lokomotive wurde von den kahlen Aesten der Baumkronen in merkwürdige Fetzen zerrissen, die hilflos zwischen den Zweigen flatterten. Wenn der Zug hielt, hörte man das leise Tropfen in den Zweigen. Nichts ließ er hier zurück, das seinem Herzen etwas bedeutete, nichts. Und nun wollte es ihm doch das Herz bedrücken. Immer wieder kam