Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 163. Dienstag den 23. August. 1910 CNachdritil baiettXJ 333 Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer . Mit dem Maskenfeste bei Komnierzienrat Ebner fing die Saison an. und Philipps Jugend ließ sich nicht allzuschtver zu ihren Festen verführen. Gesellschaften. Hausbälle, Fest- essen— Reichtum überall und der Aufwand der angesehenen Familien, die es ihrer dominierenden, gesellschaftlichen Stel- lung in der Stadt und ihrer gefüllten Kasse schuldig waren, sich ins Zeug zu werfen. Anfangs fah Philipp hinter allem Schalheit? aber bald blickte er nicht mehr tiefer. Es lag ein schmeichelnder Reiz für ihn darin, hier Verkehren zu dürfen- Die„ersten Kreise" � es hatte fast etwas Betäubendes für ihn. Daheim die reichen Bauern sahen immer noch auf ihn herab. Hier tat maus nicht. Hier war er Zugehöriger, Gleich- berechtigter. Ein heimliches Stolzsein, eine bewußte Eitel- keit. Und sein Selbstgefühl wurde bestärkt. ».Wie gefällt es Ihnen?" fragte Professor Winter. „Nun, so—" „Na, na— mehr als nur„so". Man amüsiert sich, man unterhält sich und erholt sich. Ich habe das immer als Er- holungen angesehen. Es kostet einen keine Anstrengungen. Es plätschert alles so hin, spielend wie Zimmcrfontänen." „Es ist nicht gerade ohne Ansttengung," wehrte Philipp. „Ach was, feien Sie klug. Ein bißchen körperliche Müdig- keit. Sie tanzen ein bißchen viel, und ein bißchen wild. Das hat nichts zu sagen. Das zwingt einen dann zur Ruhe, und dann ergeht man sich leichter und behaglicher in seinen Ge- danken. Ganz gut, ganz gut. Kosten Sie's nur tüchtig aus, und schlagen Sie Kapital daraus. Es gehört zum Jung- sein. Ucbrigens— die ganze Damenwelt liegt Ihnen zu Füßen. Sie werden ja fätiert wie ein Pascha. Spielen Sie ruhig ein bißchen Pascha- Es sind so nette Triumphe. Man erinnert sich ihrer gerne. Und das ist das Uebelste nicht. Haben Sie s noch nicht selbst gemerkt?" Philipp verneinte. „Mensch, sind Sie blind? Fräulein Luise Ebner, die Kommerzienratstochter, schlägt immer ordentlich die Augen auf, wenn Sie sich nur sehen lassen. Und wenn Sie den Mund zum Reden austun! Und wenn Sie erst tanzen mit ihr— na. Gehn Sie mir, das wissen Sie selbst." Aber Philipp wußte es nicht. Da es ihm nun gesagt war, fiel es ihm sogar auf die Seele. Er dachte gleich heim. Er dachte an Emilie, der es gewiß nie eingefallen wäre, die Augen wegen ihm auszu- schlagen. Ja, wenn er auch aus der Eulenmühle gewesen wäre. Aber er war aus der kleinen Gasse, in der die Ziegel- Hütte stand, darin seine Mutter arbeitete. Und nun die Kommerzienratstochter. Eines der reichsten Mädchen in der Stadt— die sollte? Ja, es war ihm, als könne er sich erinnern— aber nein. Ja doch— sie hatte ihm die Hand gedrückt, als er sie neulich aus dem Kasinoball nach Hause begleitet hatte. Mehr als notwendig war. Herzlich jedenfalls. Hatte sie? Vielleicht bildete er sich's nur ein. Und bei der Damentour hatte sie ihn zuerst engagiert. Das war unbedingt sicher. Als sie ihm neulich begegnet war auf der Waldstraße, hatte sie ihn aufgefordert, sie zu begleiten. Und das war doch viel- Es war ihm ordentlich genierlich gewesen. Das Gerede war so rasch bei der Hand. Und die Leute redeten einen einfach mit jemand zusamen, da war nachher nicht mehr zu entweichen. „Nicht die erste Tour", hatte sie während des Spaziergangs gebeten. Jetzt fiel ihm das erst auf. Nicht die erste Tour auf dem nächsten Kasinoball, der alle vier Wochen stattfand. Es war doch verräterisch. Und was für ein Kostüm er zu Hofrat Krügers MaSkensest wählen werde? Er wußte nicht. „Mir können Sie es doch sagen!" Das hatte sie bestimmt gesagt. Aber das war so Jung- madchcnart- Sie war noch jung. Kaum zwanzig. Noch halb Backfisch. Aber nein, sie war doch kein Backfisch mehr. Sie war richtig erwachsen. Und..Mephisto" hatten sie zusammen ausgemacht. Richtig ausgemacht. Sie würde sich als Gretchcn kostümieren. Da hatte er über ihre Haare gesehen. „Aber Sie sind nicht blond!" „Stört das sehr?" „O ja, Gretchen muß blond sein." „Nun, was glauben Sie denn, was mir gut stehen wird?"� Er hatte geschmunzelt. Tann hatte er sich besonnen unL sehr wichtig getan. „Schwarzes Haar, dunkle Augen, große Gestalt- Wissen Sie was— wenn ich Satanella vorschlagen würde." Das wollte sie doch nicht wagen. „So kommen Sie als Kömgin der Nacht." Sie lächette. Er hatte nicht verstanden, warum sie gelächelt hatte. Dam» hatte sie gesagt: „Gut, Herr Kaiser, ich komme als Königin der Nacht. Sie als Mephisto. Ich freue mich." Dann hatten sie sich verabschiedet. Nun war's ihm eigen und fast unbehaglich zumute. Würde sie als Königin der Nacht kommen? Und sollte er dabei bleiben, das Mcphistokostllm zu tragen? Der Professor hatte ihn gewiß nur aufgezogen. Und nun sah er alles mit anderen Augen an. Nein, er hatte gar keinen Grund, das verabredete Kostüm nicht zu tragen. Er war nur neugierig, ob sie auch bei der Abmachung bliebe. Wahrhaftig, er war unruhig. Es ging ihm den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopse. Das dumme Maskenfest bei Hofrat Krüger. Er beugte sich tiefer über seine Schriften, und die Feder durfte nicht mehr rasten. 9. Die Wintersaison ist um, und die Leute haben etwas zu reden. Philipps Wirtin fragte schon ein paar Mal:„Bis wann darf man denn gratulieren, Herr Doktor?" Gott , er weiß gar nicht recht. Die Leute sind doch gar zu dumm und voreilig.„Eine gute Partie. Der alte Ebner kann seiner Tochter mindestens dreißigtausend bar mitgeben," sagte dm Wirtin ein andermal Heiraten! es kommt Philipp fast lächerlich vor. Das ist gleich ein ganzer Korb voll Worte in einem Wort. Die fallen über einen her wie aus einem Sack, der aufgegangen. In der Eulenmühle ist es ihm einmal in der Scheune passiert: er hatte oben im Gebälk hineingegriffen und ein Spreusack war aufgegangen und die ganze Spreu über ihn. Heber und über. So war's mit dem Wort heiraten. Die Wirtin hatte in allem Anzüglichkeiten. Sie hatte ein Schneeglöckchensträußchen auf den Tisch gestellt.„Für Luise!" Herrgott, man sollte ihn in Ruhe lassen. Allerdings, es war ja etwas angebändelt. Aber harmlos. Wintcrvergnügen. Nun ja, und nun sah man sich öfter und war öfter eingeladen. Sie wußte genau seine Stunden, wenn er von Professor Winter wegging,— und wußte auch genau seinen Vorlesungsplan. Sie begegneten sich öfter. Der erste Assistenzarzt der chirurgischen Klinik nahm ihn nach einem Frühschoppen einmal auf die Seite: „Lassen Sie sich raten, Herr Kollege"— der Wein war ihm bestimmt zu Kopfe gestiegen—„das lange Hängen und Hinhalten hat keinen Sinn. Schaffen Sie sich klare Verhältnisse. Das ist das Gescheiteste. Dann geht man ruhiger seinen Weg. Und dann hinters Examen. Und dann in die Praxis. Ein Arzt muß verheiratet sein. Oder er muß lvo hinkommeu, wo er das„Geriß" wieder haben kann. An jedem Finger zehne"�— er schnalzte mit der Zunge—„das hilft auch zur Praxis. Aber Verheiratetsein, das gibt Vertrauen." „Ja aber—" wollte Philipp einwenden. „Nichts aber, Herr Kollege, wir sind keine Wickelkinder mehr. Reden Sie Säuglingen Ihr Aber ein. Lassen Sie sich raten. Und nichts für ungut. Es kommt Ihnen was I Er ging an seinen Platz nnd trank Philipp zu. Dem Philipp ging so alles mögliche ivirr durch den Kopf. Er dachte an alle möglichen Menschen, die durch sein LefoN gegangen waren, und fragte sie in Gedanken um Rat. Da war der alte Krafft. Nun, der ging unberührt vorbei. Der Spengler Schlüssel. Das war etwas anderes, der saß da und guckte seine Frettchen an. Und'lächelte so sonderbar. Es war auch bei ihm nichts zu holen. Der kleine Herz. Herr- gott ja, der kleine Herz. Der riß seine Augen deutlich auf und reckte sich in du'Höhe anlr sagte ernst:„Philipp, du ,w-:.
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27 (23.8.1910) 163
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