A Ilnterhaltuttgsblatt des vorwärts Nr. 166. Freitag, den 26. August. 1910 Maqdrus serv?»», 361 Ver Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer . Und sie spreizte ihre beiden kräftigen Männerhände au? und betrachtete sie, und wie gerade die Sonne auf ihre Stirne fiel, wurden die vielen Falten da alle hell. Hier bin ich und hier bleib ich. Ich geh nit. Aber wer kommen will, soll kommen. Und wer mich nit will, soll's bleiben lassen." Dabei blieb sie. Ob ihr auch der Philipp selbst mildernd einfiel, sie blieb dabei. Daß ich die Kaiserklar bin, dafür schäm ich mich nit. Vorm Großherzog nit." Da schössen ihr nun die Tränen aus den Augen, und sie biß sich auf die Zähne, daß sie knirschten. Und sie spreizte ihre Hände und betrachtete sie. Dann ballte sie sie zusammen und stemmte die Fäuste auf den Tisch. Da sprang die Sonne über sie, auf und ab, und umkoste sie mit ihren glitzernden Lichtern und ihrer wohligen Wärme. Der Klar fielen die Tränen aus den Augen und tropften auf die Verlobungskartc. Als sie das gewahr wurde, raffte sie sich zusammen, nahm die Karte auf und wischte die Tränen mit ihrer Schürze ab. Dann schneuzte sie sich und blickte frei auf. Sie trat wieder ans Fenster und sah hinaus über ihren Garten hinweg und das freie Land, und stand dann so gerade und fest wie ein alter Baum, der Stürme und Wetter ausgehalten und nicht schwach dabei geworden. Hier war sie stark und daheim, hier ging sie nicht weg. Hier war sie gerade und ausrecht, vor anderen Leuten brauchte sie sich nicht zu bücken. Und ich bück mich nicht." Nun war sie gelassen und ruhig. Der Aufruhr in ihr war vertobt. Sie nahm den dritten Brief. Er war voller Jubel und Freude. Nichts von Braut und Kommerzicnrat. Und er sagte alles in klaren Worten, in denen kein Verdrehen und Bemänteln war. Seine Doktorarbeit war angenommen und so gut befunden, daß ihm die mündliche Prüfung ge- schenkt tvar. Er war nun Doktor. Doktor Philipp Kaiser." Tie Klar lachte, daß die Scheiben klirrten. Närrische Welt!" Und sie wiederholte:Doktor Philipp Kaiser." Sie lachte und schlug sich in die Hände. Mein Philipp!" Und dann:Der Philipp, da habt ihr's, ihr Bauern! Ihr Drcckbauern, ihr Eselsbauernl" Sie rieb sich die Hände. Dann dachte sie an alle. An den Michel, wie er sabbern würde, an die Ziegler. an die Schul- lehrer, ans ganze Dorf. Dann nahm sie die Verlobungsanzeige und ging. Sie ging zum Spengler Schlüssel. Der lachte ihr aber schon ent- gegen.Weiß schon!" rief er. So!" Und er holte seine Karte herbei. Sie sprachen miteinander. Dann meinte er: Vor kommt'S mir ein bißchen, die Laus hat sich in den Grind gesetzt." Kannst Du's der Laus übelnehmen?" Na ja, ich Hab nur gemeint." Aber Grind ist Grind." Was willst Du und Laus ist Laus. Ist das irgendwo anders in der Welt? Es kommt nur darauf an. Bis es auf was anders ankommt. Dann bläst man ein Fcdcrchen in die Luft und lacht die Welt aus. Laß uns nur rund herum unser Welt behalten. Klar. Die ander geht uns nichts mehr an. Nur, wenn alles zusammenbricht, dann mocht ich dabei sein. Einmal muß doch der Kapitalismus an sich selbst zugrunde gehen, es ist ja schon so viel an sich selbst zugrund gegangen, -Königtuni und Kaisertum, warum nit auch das!" Die Klar verstand nicht. Aber die Freude war ihr ge- sunken. Darum sagte sie nun:Aber etwas weißt Du nit. Er ist Doktor. Er hat den Doktortitel/* Der Schlüjjel grinste, Klar, Du wirst kindisch in Deinen alten Tag! Ich bm Spengler, Du machst Ziegel er wird Doktor. Und den Titel. Er hat was gelernt. Das ander gilt nix. Was meinst Du? Drin steht mein Meisterstück. Meinst Du, das gilt mir weniger? Und siehst Du, mit mir hat einer gearbeit't, der hat sein Meisterstück auch gemacht. Aber gekonnt hat er nix. Na was willst Du?" Du bist ein Ekel, Schlüssel." Dein Freud sollst Du ja rechtschaffen haben, Klar, die will ich Dir nit nehmen. Dein Freud gehört sich. Aber komm nit aus dem Häuschen. Mach Dir kein Neider. Sei ganz still und freu Dich für Dich. Das ist das beste, Gib den andern keinen Anlaß." Besser Neider als Leider!" Ganz recht, aber noch besser, man bleibt allein für sich und läßt ei'm die andern nicht in die Tür hinein oder gar ins Töpfchen gucken. Siehst Du. da ist ein ganzes Bündel Briese die sind all von Deinem Philipp. Gesagt Hab ich keinem Menschen davon. Ich hätt mich ja damit stolz machen können. Und dazu jetzt. Geh, Klar, das schönste, was wir haben können, das können wir nur für uns allein haben. Nix für die andern. Und ja nix vor den andern." Und wie sie noch plauderten, kam der Briefbote und brachte einen Brief. Er war von Philipp. Ich bin jetzt titulierter Doktor, lieber Schlüssel, und ich sag Ihnen das, nicht, weil mir der Titel etwas gilt, sondern weil ich dafür etwas geleistet Hab, sonst tät ich's Ihnen nicht sagen. Denn ich kenne Sie. Wenn man einen Topf machen will, inuß man mit Blechscher und Lötkolben umzugehen wissen und die Fläche berechnen können, das ist selbstverständ- lich. Gelt, ich kenne Sie? So ist's auch für den Doktor. Aber es macht mir doch Freude. Und auch wegen meiner Mutter. Und wegen dem ganzen Dorf. Wegen Ihnen auch. Und auch wegen mir selber." Siehst Du, Klar!" Dir schreibt er anders als mir. Und die ganze Zeit schreibt er Dir schon?" Da schloß ihr der Schlüssel dxn kleinen Wandschrank auf und sagte:Siehst Tu, Klar, da war schon einiges für ihn drin, und ein bißchen was ist noch übrig für ihm Daher kommt's, daß wir unS so gut kennen." Die Klar war erstaunt. Der ist jetzt hinausgeworfen auf einen Weg und muß da laufen wie eine Kugel. Bleib ganz still. Wir zwei wollen zusammen ganz still bleiben und die Kugel laufen lassen, Trifft sie alle Neune, dann ist's noch Zeit, Bravo zu rufen. Fällt nur ein Bauer, so werden wir das auch verstehen, und geht sie daneben, so wird'S uns nit weh tun, weil wir zu- gesehen haben, wie sie gelaufen ist." Die Klare legte ihre Arme über ihre Knie und starrte in das Lötfeuer, das der Schlüssel von Zeit zu Zeit anblies. Dann sagte sie: Ich glaub. Du hast recht. Ich war dumm." Und von Stund an waren sie nicht nur gute Nachbarn, hinter dem Rücken der Schliisselin, sondern gute Freunde, die sich immer etwas zu sagen hatten. Aber auch zusammen still sein konnten. Professor Winter hatte sehr förmlich gratuliert. Nach ein paar Tagen aber war er schon herzlich gekommen. Er brachte die erste Mitteilung von dem Erfolg der Doktor» dissertation. Er war zugleich voller Vertrauen für sein Werk. Die letzten Druckbogen mußten nächstens zur Korrektur kommen. Das Ministerium aber mußte zuletzt nachgeben. Es siegte der Geist. Ter Professor sagte das böse Wort mit sarkastischem LächelnMinisterien sind da, den Geist einzuspannen. Meist fahren sie ihn tot. Denn es gehört ein besonderer Beruf dazu, Herr zu sein. Aber Minister sein hängt mit Diener sein zu nahe zusammen." Philipp flog die Zeit. Er hatte die ersten Kämpfe mit der Familie Ebner hinter sich, die er wegen der Besuche und ähnlicher Formalitäten auszukämpfen hatte. Er war Sieger geblieben. Nur zum Notwendigsten hatte er sich verstanden, die übliche Brautschaftsparade hatte er abgelehnt. Man fügte sich, weil er arbeiten mußte, aber man verzieh es ihm nicht. Auch Luise nicht, und wenn sie daraus zu spreche»