Anterhaltungsblatt des Horwärts SK. 163. Dienstag> den 30. August. 1910 CRotDbtu* hR«st«»Z 38] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer . Nach vierzehn Tagen nahm ihn der Alte ins Gebet.' ..Ich sehe Ihnen die ganze Zeit zu. Kollege,"— er lächelte und kniff das linke Auge zu,—„Sie kommen aber so nicht weiter. Sie machen sich unnötige Arbeit erstens und unnötige Feindschaft Meitens. Sie kommen so hier nicht durch. Die Bauernschädel sind hart, und Ihre Jugend rennt sich an ihnen zu schänden. Hören Sie— nicht gleich hin rennen, wenn einer kommt. Ausfragen— dann hören— man muß da gleich merken, ob's not tut— und wenn's nicht not tut, erst einen Rat geben. Einen Tee verordnen, das Bett oder ein gehöriges Rüböl. Das ist so fürs erste. Versprechen, daß Sie kämen. Ruft man nicht wieder nach Ihnen, dann nicht kommen. Dann hat der Tee oder das Bett oder das Rüböl geholfen. Und auch dann, wenn Sie wirklich noch einmal gerufen werden, sagen, daß das Rüböl gerade das Richtige ivar und dabei bleiben. Ich werde Ihnen nachher unsere Hauptteesorten erklären. Warmes Wasser mit Salz ist ein gutes Brechmittel. Vergiftungen kommen kaum vor. Dem Kopf können Sie kalte Umschläge geben, aber nur sonst nicht. Das tut der Bauer nicht. Er denkt, Sie bringen ihn um. Und wenn er sie einmal macht, macht er sie falsch. Etwas anderes ist ein heißer Branntweinumschlag auf den Leib. Einreiben mit heißem Gänsefett. Wenn das Rüböl nicht hilft, Klistier meinetwegen. Aber nicht gleich die Apo- theke. Ihre Arbeit bleibt erfolglos. Glauben Sie mir, ich bin ein alter Praktikus. Und ich bin aus der Gegend, ich weiß das, und ich kenne die Leute. Nichts für ungut." Philipp lernte die Tecpflanzen kennen, wie sie hier angewandt wurden, der Alte verriet ihm ein paar besonders wirksame Mischungen, und er fügte sich. Er entschlug sich noch und nach der Skrupel und praktizierte auf die Art des Alten. Und so ging alles gut. Der Winter schneite die Welt ein. Philipp stapfte manch- mal durch den Schnee aus purer Lust: oft aber auch rief die Pflicht und gebot schwere Gänge. Und des alten Doktors Pfeifen schmeckten vorzüglich. Und an seinem Tische plauderte es sich zu gemütlich. Man war ganz und gar daheim. Der Doktor erzählte gern, und die alte Doktorin wurde manchmal verlegen und schamrot bei den Witzen und Streichen, die er zum besten gab. aber sie scheute sich auch einmal vor einer derben Rede nicht und packte das Wort niemals zimperlich an, wenn es ihr von etwas helfen sollte, was sie auf dem Herzen hatte. Sie verstanden sich sehr gut alle drei zusammen. So abseits von der Welt, fo ganz allein und zutraulich, da war doch alles Leben wie die Glocken auf dem Kirchturm, die sicher in ihrem Stuhle hängen, mag kommen draußen was will, und jeder die Stimme lassen, die ihr zu gebrauchen gegeben und die die Gelegenheit von ihr fordert, und die so cinträchtiglich zusammcnläuten am Sonntag, wenn der liebe Herrgott sich ein wenig im Dorf ausruhen will von seiner langen Wanderung durch die Welt. Der Mutter schrieb Philipp herzliche Briefe und erzählte das Leben hier und die Güte der alten Leute und ihr liebes Liebsein: Luise schrieb er nichts davon. Das würde sie doch nicht verstehen. Da es ihm aber etwas Unschamhaftcs hatte, Gefühle in Worten so klar auszudrucken und damit ganze Briefe zu füllen, so entdeckte er bald, daß er ein schlechter Brieffchreiber sei, und er wurde immer mehr und mchr schreibfaul. Das Frühjahr kam und brachte viel Aderlässe. Die Bauern schonten sich selbst nicht. Sie kamen und verlangten sie. Und Philipp zapfte ihnen ohne viel Widerstreben das versessene Winterblut ab. Der alte Doktor hatte ordentlich feine Freude daran, was für ein eifriger Aderlasser und Blutschröpfer er geworden war. Denn nun sah er auch, daß die Bevölkerung Vertrauen in seinen Vertreter hatte und ihm gut war. Das dürre Eichenlaub raschelte und knisterte, wenn der Märzschnee draufschlug oder an ihm vorbeifuhr in den launi- schen Winterwehen, Die Wasser stürzten schäumend zu Tak und richteten nicht selten Unheil an. Philipp war nun ganz eingewöhnt. Da kam ein Brief von Professor Winter. Es gab eine Stelle für ihn an einem Sanatorium an der Bergstraße. Immer als Zwischenstation, bis die psychiatrische Klinik an der Universität eingerichtet wäre. Die alten Doktorsleute waren bestürzt und betrübt. Ob sie's hätten an etwas für ihn fehlen lassen? Philipp konnte nicht Worte genug finden, ihnen ein« solche Meinung auszureden. Nicht Worte genug, ihnen zu schildern, wie gut es ihm hier gefallen habe, und daß es ja ganz ohne sein Zutun geschehen sei, daß die Stelle für ihn ausgemacht worden. Es wurde traurig zwischen ihm und den beiden alten Leuten, bis sie sich wieder zu schweigender Heiterkeit fanden, Und dann, eines schönen Nachmittags, da die Sonne so eigen lockend durchs Fenster gestrichen kam und draußen in der Linde die Sperlinge schilpten und die Amsel zum ersten Male einen lauten Schlag probierte und von der anderen Seite, der Gartenseite, der Duft des Nußbaums scharf in die Stube gezogen kam, da war's, daß Philipp sich die dritte Pfeife stopfte vor Aufregung— er hatte sie sich alle Zeit gut schmecken lassen, aber heute zog etwas mit dem blauweißen Dampf und umlagerte ihn etwas in dem Tabaksgeruch und in seiner Mischung mit dem Sonnenschein und dem Nußbaum- duft— daß er nicht wußte, was tim, wo anfangen und wo aufhören— und daß er auf und nieder ging, mal am Fenster stehen blieb und hinaus sah, mal die Dinge des Zimmers ein- gehend betrachtete, als sähe er sie zum ersten Male, und nur immer den einen Gedanken mit sich trug, daß er wieder von hier fort müsse— aber dabei nicht stehen blieb, immer weiter spintisierte, endlos weiter, einen langen Bandwurm, der nicht Glied und Fuß, nicht Kopf und Schwanz hatte. Und er empfand es wohlig, die Gedanken so lange zu ziehen und nicht klar werden zu lassen, gleich Sätzen, die wohl einmal angefangen worden, aber kein Ende nehmen wollen und immer wieder einem Einfall nachgehen, den sie sich anhängen, bis sie wie ein Lappenkleid geworden sind, in dem keine Gestalt klar wird. Da klopfte es vorsichtig, und der Alte kam hereinge- tappelt. „Kollege", sagte er,„es ist so ein Zugtag heute. Ich weiß, wenn man jung ist, da ist's an so einem Tag, als sei man an hundert Leinen und Stricke gebunden und es ziehe einer irgendwo, und man müsse hinaus. Sie spüren das heute auch und gehen hin und her und qualmen die Pfeife. Sie denken fort von uns." Philipp wollte erwidern. „Nein, lassen Sie nur, Sie denken fort. Wir haben einen guten Winter zusammen verlebt, und wir waren gut zu- fammen. Ja, wifsen Sie was,, heimlich habe ich manchmal gedacht, Sie wollten ganz hier bleiben und mein Nachfolger werden. Heimlich— ich weiß ja. Sie sind zu gut dazu." „Es ist schön hier und schön bei Ihnen. Aber ich wüßte doch nicht, ob es noch so schön wäre, wenn Sie nicht mehr wären." „Ja, ich bin alt— und Sie haben recht." Sie sehen sich an das Fenster, durch das sie zum Walde hinsehen konnten. Hinter dem Dorfe stand er wie eine blau- schwarze Mauer, über deren Kamm die Sonne gleitet. Und ste saßen hier einen Augenblick stumm und sahen hinaus. „Es tut einem ja immer weh, das Fortgehen", begann der Alte.„Aber sehen Sie, nach so einem guten, langen Winter und so einer fchönen Eingewöhnung, da wird's einem doppelt schwer. Und nun wollte ich noch um etwas bitten." Philipp sah ihn an. Bitten Sie, lieber Herr Kollege." „Ich habe keine Kinder. Sie gehen mir jetzt wie ein Sohn fort. Ich weiß, ich müßte ihn auch ziehen lafsen. Man darf nicht daheim behalten, was hinaus will. Ich weiß auch, Jugend gehört hinaus, und das Alter gehört daheim zu bleiben. Aber würden Sie Ihr Fo tgchen nicht noch um em, zwei Monate hinausschoben können
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27 (30.8.1910) 168
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