Nnterhaltungsölatt des Horwärls Nr. 171. Freitag den 2. September. 1910 (Naqdrua verbot».) 41Z Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer . 14. Wie sehr dieses sprunghast in Karl Weik war. wie ab sichtlich und unabsichtlich vieles paradox bei ihm klang, wie sehr er auch immer zu sich selbst zurückkehrte, auf Philipp übte er eine starke Wirkung aus. Er lag ihm deutlich in der Linie vom kleinen Herz zum Spengler Schlüssel, und Philipp schien, er erfülle ihm vieles, was jene nur begonnen hatten. Und daß er diese Linie so deutlich sah, das war ihm ein Be- weis, wie stark von dieser Seite eine Einwirkung auf ihn geschehen sein mußte, ohne daß er sich so recht darüber Rechenschaft gegeben hatte. Weik ritz ihm vieles ein. aber wenn er sich dann Zeit genommen hatte, darüber klar zu werden, so bemerkte er, daß er auf den Trümmern einer Bresche stand, von der ein neuer Blick sich auftat. Philipp fühlte ein Freiwerden und meinte, es sei auch schon ein Frei- sein, tveil er in den Theorien immer fester und sicherer wurde. Jn der Konferenz sitzen die Aerzte des Sanatoriums zusammen und beratschlagen über einen besonderen Fall, über den sie sich nicht einigen können. Es handelt sich um eine Kranke, die sich in einem Zustande nervöser Uoberreizung die Brust verwundet hat, so daß der Abteilungsarzt erklärt, die Brust müsse abgenommen werden. Er ist kein guter Chirurg und möchte die Amputation nicht ausführen. Der Direktor ist zunächst von der Notwendigkeit der Amputation nicht überzeugt. Philipp kennt den Fall nur aus dem Bericht, aber er glaubt, die Amputation sei wohl unvermeidlich. Außerdem ist er bereit, sie auszufuhren. «Kennen Sie Fräulein Melanie Güßfeld, Herr Kollege Kaiser?" fragte der Direktor. Philipp verneinte. Es ist doch ein Jammer, ihr die Brust zu amputieren," meinte der Direktor,Sie ist jung und schön, wenn es nicht unbedingt sein muß, daß sie verunstaltet wird, wollen wir es nicht tun. Ihre Krankheit rührt nur von Ueberarbcitung her und wir müssen auch an ihren Beruf denken, ehe wir die Operation vornehmen: sie ist Geigerin und tritt öffentlich auf. Bedenken Sie. was es für ein Nachteil für sie sein kann, wenn ihr die linke Brust fehlt." Philipp belächelte ein wenig den alten, gutmütigen Direktor. Er erwiderte: Das halte ich für das Schlimmste nicht. Da kann nach- geholfen werden. Ueberhaupt ist das ja gar nicht so schlimm. Wie viele Frauen sind in der gleichen Lage!" Der Abteilungsarzt verfocht seine Meinung von der Notwendigkeit der Amputation mit Eifer. Ich muß darauf bestehen, daß die Operation borge- nommen wird. Sie ist notwendig. Eine Heilung ist aus- geschlossen. Zudem ist Fräulein Güßfeld tuberkulös. Ich befürchte, wir schaden ihr nur, wenn wir die Sache auf- schieben." Es wurde weiter beraten. Schließlich setzte der Direktor durch, daß man sich noch auf eine Frist von drei Tagen einigte. Sollte dann die Amputation notwendig sein, so solle sie von Philipp ausgeführt werden. Er möge bis dahin bei der Be- Handlung assistieren. Philipp war froh, wieder einmal Gelegenheit zu haben, eine vernünftige Operation auszuführen. Fräulein Güßfeld lag bleich in den weißen Kissen, als er eintrat. Ein leichtes Rot, nur ein Hauch, flog über ihre Wangen, als sie den fremden Arzt sah. Er untersuchte die kranke Brust, über sie gebeugt und mit vorsichtigen Fingern die kranken Stellen betastend. Als er sich wieder aufrichtete, hingen zwei große, fragende Augen heiß an seinem Munde. Philipp strich sich ein paarmal über die Stirne und riß an seinem Bart. Dann wandte er sich zu seinem Kollegen. Sie traten in die Fensternische und besprachen sich. Dann traten sie wieder ans Krankenbett. Mutz ich die Brust verlieren?" fragte Fräulein Guß'» feld leise. Nun ward Philipp doch verlegen. Der Arzt wußte so-! fort die Antwort. Nun verlegte sie ihm der Mensch. Er sah diese ängstlichen Blauaugen, deren Pupille ganz weit und dunkel wurde, während die Iris immer mehr ins Graue blaßte. Das blonde Haar, das in zwei dicken Goneril- zöpfen links und rechts zu feiten des Kopfes lag, und der halboffene Mund, der nach seinem Worte dürstete. Das packte ihn. Das Oval des Kopfes hob sich zart von dem Weiß der Kissen ab, das Haupt lag wie aus Marmor heraus- gemeißelt da. Da sah Philipp, daß die Kranke schön war* Die seine, gebrechliche, verlangende Schönheit der Schwind» süchtigen. Alles Nerven und Schrei, alles Durst und Ge» spann theit. Er fühlte eine Hitze in seinen Schläfen und sah abwesend zu ihr hin. Er konnte nicht antworten. Dies junge, zarte Geschöpf dauerte ihn. Der Arzt kämpfte gegen den Menschen. Haben Sie sehr Schmerzen?" fragte er. Nur ein Brennen. ich ertrage es nicht allzu schwer," antwortete sie halb flüsternd. Und haben Sie es beständig?" O ja wohl, beständig." Hm. hm!" Er rupfte wieder an seinem Barte und' starrte sie ab- wesend an. Herr Doktor, bitte sagen Sie mir doch, muß ich sie verlieren?" «Gott , Fräulein, und nun quetschte es sich heraus-» es wird wohl nichts anderes übrig bleiben." Ihr Kopf fiel auf die seile, Tränen rollten ihr aus den Augen. Die Hände griffen ins Leere. Nicht wahr," sagte er begütigend,Sie wollen doch gesund werden?" Sie schluchzte nur. Und es gibt nur die eine Möglichkeit." Ja. ich glaube es Ihnen ja." Es wird nicht weh tun." Nein? Aber ich werde dann nur eine Brust haben." Das Blut schoß ihr in die Wangen, als sie das gesagt hatte. O!" lächelte er,das haben tausend Frauen nicht anders." Es ist häßlich. Es wird sehr häßlich sein!" Sie sah ihn wieder voll an, in den Augen die fragende Angst. Was heißt das?" Er fragte verlegen.Das ist nicht so schlimm, Fräulein. Das läßt sich verbergen. Denken Sie, Sie verlören ein Auge. Oder sie hätten ein Mal im Gesicht. Das wäre doch viel schlimmer. Nein, darum machen Sie sich ja keine großen Sorgen, das ist das Schlimmste nicht"« Werden Sie die Operation ausführen?" Ja. ich." Sie griff mit beiden Händen nach seiner Hand. Das Rot in seinem Antlitz brannte und hämmerte. Gott , Herr Doktor!" Regen Sie sich nicht unnötig auf, bitte!" Und Sie meinen" Sie brauchte nicht zu vollenden. Das ist doch nur eine Eitelkeit von Ihnen. Die Ge- sundheit geht doch vor. Wenn Sie es erst einmal fertig ge- bracht haben, sich darauf einzustellen� wird's Ihnen gar nicht mehr so arg vorkommen. Regen sie sich nicht auf. Es wird ganz rasch vorübergehen, und ich nehme nicht mehr weg, als sein muß." Nun, so machen Sie's. Tun Sie's, Herr Doktor. Wann denn?" Je eher, desto bester." Heute?" Morgen!" So tun Sie's morgen.".- Und sie preßte ihm heiß die Hände. Das ist vernünftig von Ihnen, Fräulein." Sie ließ seine Hand los und lag matt und rcgungs» los da.