Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 172 simbis
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42]
Der Entgleifte.
Sonnabend den 3. September.
1910
( Nagbruk berbotex.) es auf einmal so innig und voll da ist. Es wird doch der Mutter nichts passiert sein? Er wird gleich am Abend schreiben.
Wie er schneidet, treten ihm Schweißperlen auf die Stirne. Er wendet alle Energie und Vorsicht auf. Nur das Nötigste, aber sicher erfassen.
Er erhebt sich, und der Direktor sieht die Wunde nach. Sehr gut, Herr Kollege."
Aber Philipp ist gelb wie Wachs geworden. ,, Was ist Ihnen, Herr Kollege?"
„ Es geht vorüber," antwortet er und schämt sich. Dabei steigt ihm wieder das Blut in die Wangen.
Nachdem er ein Glas Wasser getrunken, tritt er noch einmal her und untersucht den Verband.
Dann wird die Kranke in ihr Zimmer getragen. Als sie später erwacht, steht Philipp an ihrem Bette und betrachtet sie sinnend.
Sie fühlt leise und vorsichtig an ihre linke Seite. Ach Gott," seufzt sie und weint leise in sich hinein. Das Licht zittert über ihr Bett und spielt filbrig auf der Blässe ihres Gesichtes und vergoldet ihr blondes Haar. Der Schatten des Doktors ist groß an die Wand geworfen. Sie sieht mit einem erschreckten Blick darauf.
Ein leises Beben in ihren Lippen, dann weint sie. Still und schmerzlich.
Er nimmt ihre Hand und fühlt den Puls.
"
Ganz ruhig bleiben, Fräulein, es wird schon alles gut werden."
Und ganz verstohlen fühlt sie noch einmal nach der verbundenen Seite.
Philipp hat es bemerkt.
" D, das ist nicht schlimm, Fräulein. Das ist das Schlimmste nicht in der Welt. Da gibt es Schlimmeres. Das dürfen Sie nicht so arg empfinden. Es wird gut heilen, wir wollen schon dafür sorgen.
"
Sie sieht ihn mit großen Augen an. Sie begreift ihn nicht. Er hat sie doch zum Krüppel gemacht. Und er empfindet
das nicht?
Das Licht flimmert auf ihren Händen- fie lächelt. Es ist so leidvoll- glücklich, wie ihre weißen Zähne zwischen den blassen Lippen blinken.
Ruhen Sie nun und denken Sie über gar nichts nach. Träumen Sie etwas Schönes, was Ihnen sehr lieb ist." Langsam hebt sie die Hand und erfaßt die feine. Ein
leiser, dankbarer Druck.
,, Danke!" haucht sie. Wollen Sie meine Geige wieder stimmen? Es läßt mich nicht ruhen, sie verstimmt neben mir zu haben."
Er stimmt ihre Geige und sie schläft ein.-
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Karl Weik tritt mit einem großen Feldblumenstrauß neben ihn.
,, Guten Tag, Herr Doktor. Wie ist die Operation ver
laufen?"
"
Gut!"
Wie geht's Fräulein Güßfeld?" ,, Gut!"
-
-
,, Das arme Tierchen. Da haben Sie auch wieder ein Schicksal geschaffen. Ich weiß, force majeure mais quand même( höhere Gewalt aber trotzdem). Gottverdammtes Metzgergeschäft. Das arme Tierchen wird sein Lebtag daran leiden. Und wer kann das wieder gut machen? Niemand." " Ja, ja. Aber so schlimm ist das nicht," wirft ihm Philipp ein.
" In Ihren Doktorgefühlen und auffassungen. Der Mensch wird Ihren Leuten ja erst etwas wert, wenn er innen und außen ein Krüppel ist. Je mehr er an sich hat, um so intereſſanter ist er Ihnen."
von
,, Nun, nun, nicht ganz so schlimm."
der Seele geredet und ließ nun dem sanfteren Teile Weik sprang nun davon ab. Er hatte sich wieder etwas feines Wesens das Vorrecht.
Während Sie sie operiert haben, hab ich ihr Blumen gepflückt, der Armen. Darf sie Blumen auf ihrem Zimmer haben? Wollen Sie ihr den Strauß geben oder schicken Lassen." Philipp wird tief rot. Er nimmt den Strauß.
,, Sie sind doch ein guter Mensch, Weik."
"
" Guter Mensch? Weil ich besser weiß, wie's dem leidenden Menschen zumute ist."
,, Kennen Sie Fräulein Güßfeld?"
Ich habe Sie nur einmal gesehen."
,, Sie ist, glaub ich, eine recht gute Künstlerin."
,, Dann wird sie auch die feineren Nerven haben und nur noch schwerer daran tragen, daß Sie ihr die Brust abgeEs war notwendig."
nommen haben."
"
,, Doktor, es gibt Operationen in uns, die genau so notwendig sind. Wir machen sie nicht. Wenn's ins Fleisch zu schneiden gilt, da ist immer der Mut dazu da, aber sonst schleppen wir uns mit all unserem Gebrest. Wär's wirk lich nicht anders zu heilen gewefen? So ein junges Weib es sollte ihm doch das Gedicht seines Leibes, das Hohe= lied der Schöpfung bleiben dürfen."
-
,, Weik, damit können wir nicht rechnen. Wir müssen für die Gesundheit opfern können."
"
Ha, ha, ha! Weik lachte. Andere opfern! Na, Doktor, Philipp steht im Garten unter dem großen Nußbaum,' ist gut. Ihnen läuft ja alles glatt im Leben. Ich möchte der so einen breiten Schatten wirft, und sinnt. Er ist ganz Ihnen nicht wünschen, daß Sie an sich selbst tun müßten, in Gedanken versunken. Er blickt ins Land hinaus. Er was Sie bei anderen ganz selbstverständlich finden. Haben sieht seine Heimat. Die Mutter, die auf der Treppe steht Sie gehört, was in der Stadt passiert ist? Die kleine May und über die Gärten blickt, die Hügel, an denen die Reben hat ihr Kind umgebracht. Sie hat gesagt, sie hätte das glänzen, die Wiesen, durch die die Selz sich schlängelt, die Wurm nicht mehr sehen können, es sei das leibhaftige EbenEulenmühle, deren weißer Giebel so freundlich zum Dorfe bild von seinem Vater gewesen, und den haßt sie. Sehen Sie, herüber lacht und in der ersten Frühe grüßt und erst mit dem wenn die elementare Natur einmal durchbricht! Was sagen Sie zu so einer Operation?" späten Abend sich verhüllt.
Ueber ihm flüstert das Laub des Nußbaumes. In ihm find viele holde Stimmen, Seine Jugend. Er hat doch noch, was er verloren geglaubt. Er hat es noch mit allem Glanz, mit aller Buntheit und Lieblichkeit. Und die Mutter ist ihm noch nahe und gar nicht fremd geworden, und die Mutter gehört zu ihm, wenn sie auch nur eine Zieglerin ist und grobe Hände und hat eine rauhe Stimme und die Worte nicht wählt. Er läßt sich seine Mutter nicht verachten, er stellt sie hoch in sein Leben, so hoch er sie nur stellen kann, so hoch man nur einen Menschen stellen darf. Es ist alles Glanz um fie und Liebe, es ist alles Dank in ihm.
Das Gefühl überflutet ihn. Er ist froh darum. wie er nun denkt, er weiß nicht, wie es gekommen.
Und Daß
Philipp wurde es schwül. ,, Sie billigen das doch nicht?"
Wir haben nichts zu billigen und nichts zu mißbilligen. Wenn ein Mensch getan hat, was er hat tun müssen, so geht das uns nichts an. Das geht nur ihn an. Im Guten wie Pösen."
„ Aber gegen das Böse müssen wir uns wehren."
„ Das Böse besteht doch. Gott sei Dank. Denn es hat auch seine Schönheit. Sehen Sie meinen Strauß: das ist die Schönheit des Bösen, die Schönheit des Unkrauts. Ein Gärtner macht aus dem Unkraut die herrlichsten Züchtungen der rohe Bauer reißt es raus. Er ist der reinste Egoismus. Wir find den Menschen gegenüber nichts anders. Wir