Nnlerhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 176. Freitag� den 9. September. 1910 tJta«i)niil P«v»tts.7 46] Der Sntgleilte. Von Wilhelm Holzamer. !l7. s Sie gingen, täglich zusammen spazieren. Weik wußte es stets so einzurichten, daß er auf dem Heimweg mit ihnen zusammentraf. Es war ihnen allen dreien ein Bedürfnis geworden, diese eine Stunde des Tages für sich ganz allein zu besitzen. Fräulein Güßfeld genas zusehends. Denken Sie, Doktor, daß ich früher gar nicht gehen konnte. Ich habe nie Spaziergänge vertragen. Es scheint mir, ich bin viel gesünder geworden als vorher." Er wollte ihr eine Erklärung geben. Bitte, sagen Sie nichts. Ich habe das ganz von mir abgeschüttelt, daß Sie der Arzt sind. Mein Arzt. Bitte, Doktor, versuchen Sie's auch, daß Sie die Kranke in mir, Ihren Patienten, nicht mehr sehen. Das steht so zwischen mir und Ihnen. Sie haben's doch auch Weik gegenüber fertiggebracht. Macht das, weil er ein Mann ist?" Philipp war verlegen. Sie lachte. Ich habe Sie erwischt, Doktor. Nicht wahr, wir Frauen sind auch Ihnen nur Dreiviertelsgeschöpfe?" Durchaus nicht." Durchaus nicht! Es ivar viel zu rasch gesagt. Haben Sie sich einmal innerlich daraufhin geprüft? Gewiß nicht. Durchaus nicht, das sagen die Männer so. Aber durchaus doch das beweisen sie dabei auf Schritt und Tritt." Sie sprachen über die Frau. Philipp mußte zugestehen, daß er wirklich noch nicht über die Frage nachgedacht habe. Eine kleine Größe derBewegung" aber, die er in einer Rachbarstadt persönlich kennen gelernt habe, die sei ihm wirk- lich so dilettantisch-abstoßend vorgekommen, daß er die drei heiligen K der Frau, Küche, Kirche und Kinder, entschieden vorgezogen habe. Lieber Freund," sagte Fräulein Güßfeld.warum bleiben Sie an einem einzelnen Exemplar hängen? Das ist falsch. Warum sehen Sie nicht der Sache direkt ins Gesicht und behalten sie im Auge? Die Sache muß die Menschen erst hervorbringen. Zunächst bringen die Menschen erst die Sache hervor. Und da läuft denn viel Uebertreibung und Dilettantismus mit unter." Sie sprachen von den Frauen in Paris , in England, in Amerika . Der Mann meint zunächst nur, er habe etwas zu ver- lieren er denkt nicht daran und kann es noch nicht ab- schätzen, was er auch gewinnen kann. Es geht ja nichts ein- fettig die neue Frau wird auch den neuen Mann machen. Die Frau denkt zunächst nur daran, was sie gewinnen kann sie denkt nicht, was sie auch verliert. Die Prinzipiellen im Leben büßen immer mehr ein als sie gewinnen. Denken Sie an Ihre Kollegen, die Aerztinnen. Viele sind gewiß nicht Frauen geblieben und haben nur noch einen Beruf. Das ist aber eine Einseitigkeit mit einer anderen vertrieben." Ja," sagte er,die Frau muß zuerst Frau sein, wie der Mann zuerst Mann ist." Na, na, Doktor. Man müßte wissen, was es heißt. zuerst Frau sein. Aber daß der Mann zuerst Mann, ist, das finde ich gar nicht. Höchstens in seinem Egoismus." In welchem Egoismus?" In dem Egoismus seines Herrseins, das ja vielen Frauen so eine angenehme Selbstverständlichkeit ist." Nun wußte er nicht weiter. Sie war ihm über darin. Das freute ihn und ärgerte ihn. Seine Freude unterdrückte er, seinem Aerger gab er Ausdruck. Sie geben doch zu. daß in all dem viel Phrase ist." Sie schnellte auf und maß ihn mit ihren klaren Augen. Danke, Doktor!" Das war ein heißer Ueberguß. Er zog den Nacken ein und sah zur Seite. Er schämte sich. Ich meine" stotterte erin allem, was wir darüber reden können und was darüber vorgetragen und ge- schrieben wird." Sie lächelte. Doktor, wenn man eine Bosheit gesagt hat, muß man sie aufrecht erhalten." Er wußte nicht recht, wie nun zufassen, und riß sich in seiner Verlegenheit am Barte. Bleiben wir bei der Phrase. Phrase ist in allem in allem, was Theorie ist. Auch in Ihrer Wissenschaft. Wir Künstler haben vielleicht da eher einen Ausgleich, wir setzen rascher ins Leben um. Das Flüssige, das ist das Leben, das ist der Mensch zum Menschen. Und ich hasse alles Starre." Sie sind mir nicht böse?" fragte er. Würden Sie das auch einen Mann gefragt haben, Dok» tor? Nicht wahr, bei einer Frau muß man sich gleich auf ihr Schmollen einrichten. Nun, dann will ich Ihnen auch sagen, ich hasse solche Frauen." Sie hassen sehr!" Ja, ehrlich ja! Das habe ich in meiner Jugend gelernt, Das ist das Verdienst meiner Pensionen. Nur in meiner Pariser Pension war Liebe. Aber in meiner Berliner . Die Preußen sind ein so rohes Volk, weil sie mit ihrer Kultur- losigkeit in eine Kullurzett hineinragen. Das macht sie so unerträglich. Mir tut jeder Mensch leid, der bei ihnen seine Jugend hat zubringen müssen." Und bei uns in Süddeutschland ?" Da ist 5hiltur aber sie wird Ihnen bald aufgezehrt sein. Sie hätten die Porta Westphalica zumauern und sich wenigstens den Rhein bewahren sollen." Treiben Sie auch Politik?" Nein! Soweit sie aber das Leben berührt, ja! Ich will doch nicht wie ein Tauber und Blinder an meiner Zeit vorbeigehen. Sie tun das wahrscheinlich. Das ist eben deutsch . Darum sind Kunst und Wissenschaft und Leben auch so getrennte Gebiete in Deutschland . Aber zum Mensch- sein gehört nicht Trennung, sondern Zusammenschluß, weil auch das Leben Zusammenschluß ist, nicht Trennung." Philipp schwieg. Es wirbelte ihm ein wenig. Als echt deutscher Eigenbrödler hatte er sich eine so feste Schlaraffen- Welt zurechtgemacht in der ward's nun lebendig wie in einem Ameisenhaufen. Ein Zappeln und Krabbeln, ein Hin und Her wo sollte das hinaus. Der schöne Schlarafsenbau drohte zusammenzufallen: hatte sie recht oder hatte sie nicht recht? Und dann saß ihm noch ein ganz persönlicher Stachel in der Seele. Was sie vorhin von Mann und Frau gesagt hatte. Da war ihm etwas ins Fleisch gegangen. Und etwas war noch unerledigt. Es quälte ihn. Er ließ das andere fallen und kam auf diesen Punkt zurück. Sie sagten, Sie hassen Frauen, bei denen sich der Mann auf das Schmollen einrichten muß. Sagen Sie und wie denken Sie von den Männern, die sich damuf einrichten?" Ihre Unterscheidungsgaben und Instinkte waren viel zu feine, als daß sie nicht sofort gewittert hätte, wo hier der Grund zu diesem umständlichen Zurückgreifen zu suchen war. Sie ward unsicher und wußte einen Augenblick lang nicht, was sie antworten sollte. Sind Sie so einer, Doktor?" Aber sie bereute schon die Frage und hätte sie gerne wieder zurückgenommen. Er hatte es jetzt auf einen heiklen Punkt getrieben. Wir haben doch im Grunde theoretisiert. Doktor?" Theorettsieren wir nicht mehr?" Ja, doch aber" Sie meinten vorhin, man muß eine Bosheit aufrecht erhalten, wenn man sie gesagt hat. Nun wollen Sie eine Konsequenz fallen lassen oder ihr ausweichen." Da merkte sie, daß er ohne Hintergedanken war. Nun denn, weil Sie es absolut wissen wollen, einen solchen Mann verachte ich." Es gab ihm einen Stich. Bedingungslos?" Es gibt nichts Bedingungsloses in der Welt. So wert sind wir hoffentlich heutigen Tages. Aber dasalles be- greifen". Doktor, das wird jn neuerer Zeit, habe ich be«