Zlnterhaltungsblatt des'Dorwarts Nr. 181. Freitag den 16. September. 1910 cNaqdruil verböte») 511 Der entgleifte. Von Wilhelm H o l z a m e e. „Sie versagen mir ganz Ihren Rat und Ihre Hilfe, Weil?" „Ihnen zuliebe, Doktor, jal Vor dem Entscheid. Nach Ihrem Entscheid können Sie mich für alles haben. Dann tu ich alles für Sie. Denn auch, wie's die„Frau vom Meere" tut,— da mir das doch nun einmal eingefallen ist— auch wenn Sie sich ak— akklimatisieren, müssen Sie es in Freiheit tun und unter eigener Verantwortung. Soll ich nun meinen Abgang haben?" „Plaudern wir noch ein wenig, Sie haben mich nun geschuhriegelt genug." Während sie noch plauderten, kam ein Brief vom ent- rüsteten Schwiegervater an, der für die seiner Tochter an- getane Schmach keine Verzeihung finden konnte. Seine Tochter werde nicht zurückkehren. Wenn er kommen und um Verzeihung bitten wolle, so sei vielleicht, um Skandal zu der» meiden, eine Reparation möglich, andernfalls würde er einen Rechtsanwalt mit der Scheidungsangelegenheit betrauen müssen. Philipp spürte die Welt, die zwischen ihm und diesen Leuten lag. Es war noch darauf hingewiesen, wie sehr er der Familie zu Tank verpflichtet sein müßte, und wie sie es gewesen sei, die ihn aus seinen unwürdigen Verhältnissen herausgerissen habe. „Arbeitet Ihre Mutter noch?" fragte Weik. „�a.. „Sie haben Sie seither nicht unterstützt?" „Ein wenig doch: aber sie will arbeiten. Die Arbeit ist ihr notwendig wie das tägliche Brot." „Sie ist wohl sehr stark— willensstark— Ihre Mutter?" „O ja, ich glaube schon." „Hm. Aber Ihr Vater war schwach?" „Ja, sehr schwach und widerstandslos." „Dann bin ich sehr neugierig, wie Sie sein werden." Weik trat ein paar Schritte durch Zimmer und hinkte dabei. „Was haben Sie?" „Ein klein wenig Wadenkrampf. Es ist aber schon wieder vorbei." Er lächelte und ging und ließ den Doktor allein. . 20. Da war eine Wiese, die war ganz lila von lauter Herbst- zeitlosen. Die Weiden am Bach hatten gelbe Blätter, hingen aber noch voll von Laub. Das war unten im Tal. Oben auf den Höhen brannte der Wald in allen Buntheiten des Herbstes, großartig schön, majestätisch in seinem Sterbekleide, Rot, Braun, Gelb, Pur- pur auf stumpfem Grün. Und unten, die Mauer des Sana- toriums, dicht mit wildem Wein bewachsen, war eine tiefrote Borde am Gewandsaum des Waldes, der über die Ebene schleifte. Wo die Wiesen begannen, war die Stadtbleiche. Das Bleichhäuschen war nun verkästen und leer. Hier wartete Philipp. Er wartete auf Melanie. Zum Arsten Male mußten sie Versteck spielen. War das nicht dumm? Feige und ab- geschmückt? Fern sah er eine schwarze Gestalt kommen. Das war sie. Sie war ganz in Schwarz , weshalb wohl? Hatte sie Trauer bekommen? Nun schämte er sich des Versteckspielcns. Er trat aus dem Häuschen und ging ihr entgegen, Verlegen begrüßte er sie. „Haben Sie Trauer bekommen?" „Nein— und dennoch. Aber dem geb ich nicht in Kleidern Ausdruck. Es ist Zufall." „Werden wir Freunde bleiben können?" fragte er. „Warum nicht? Weik erzählte mir alles, er hat mich ein Stück Wegs begleitet. Sie können sich schonen und brauchen mir nichts zu erzählen. Und was ich nicht weiß, kann ich mir denken." „Verstehen Sie das, verstehen Sie, wie so etwas ge« schehen konnte?" „Ich verstehe es und verstehe es nicht. Aber was soll ich mich mit Suchen und Untersuchen abgeben. Ich steh» einer Tatsache gegenüber, und die ist mir leid für Sie." „Und für Sie, Melanie?" Er nannte zum ersten Male ihren Vornamen. Sie nahm es als selbstverständlich hin. „Für mich? Ich bin hier nur ein Zugvogel, der Rast gemacht hat. Ich setzte meine Reise fort, und von mir hört man nie mehr etwas in dieser Gegend, deren Menschen ebenso dumm und borniert zu sein scheinen, wie sie schön ist." „Sie gehen?" „Ja— und es ist mir leid, daß Sie bleiben müssen, und vielleicht mit der dauernden Störung in Ihrem Leben. DaS ist mir leid, und ich wollte Verantwortung dafür tragen. Aber es ist sehr seltsam, ich fühle gar keine Verantwortung. Kann man für die Dummheit der Leute verantwortlich sein?" „Auch ich gehe!" sagte Philipp ruhig und fest. Melanie sah ihn erstaunt und groß an. „Auch Sie gehen? Doktor? Sie?" Das Blut stieg ihm zu Kopfe, der Herzschlag zu Halse. „Ja, unbedingt!" brach er erstickt und heiser heraus. „Doktor, wenn Sie's nicht müssen, tun Sie's nicht. Sie wissen noch nicht, ob Sie's können. Sie wissen nicht, ob Sie das Gewissen dazu haben. Das ist noch mehr, als die Krafh dazu haben. Seltsam, die gestörten Klänge in mir, die haben Sie mir zu Akkorden geeint— und Ihnen habe ich die klaren Akkorde gestört. Es war anfangs, wissen Sie noch, wegen meiner Geige, daß ich Sie bat, Sie sollten sie mir stimmen. Und dann war's wegen mir. Es war mir so eine Seligkeit, zuzulauschen, wie die Töne rein wurden. Es war so das Gleiche wie in meiner Seele, und ich genoß es lange nach. Ach, ich danke Ihnen so sehr, ich danke Ihnen so innig, Doktor." Sie nahm seine Hände und sah ihm in die Augen. So stand sie eine Weile. „Darf ich Ihre Stirne küssen, Doktor? Oder ist das dumm?" Er erglühte und neigte seine Stirne. Sie küßte sie warm. Dann brannte der Kuß kühl weiter. „Doktor, und ich habe Ihnen so viel Leid gebracht, wo ich Dank hätte bringen sollen." Ihre Augen wurden größer und glänzender, ihre Pupillen weiter, und in den Winkeln standen die Tränen. Er sah tief hinein und zitterte. „Sie haben mir Glück gebracht." „Aber Glück kann Kummer bringen." „Und ich bin derjenige, der dankbar sein muß. Ich habe die Wirkung von einem Menschen gespürt, dessen Seele zu mir sprach. Das hatte ich nicht gewußt, was es ist. Das hatte ich vielleicht nur bei meiner Mutter gewußt, so daß es dieser Wirkung zu vergleichen wäre. Wir waren uns doch mehr, Melanie, als Freunde. Gestehen wir's uns." Sie ließ die Arme sinken und neigte den Kopf auf die Brust. Dann drehte sie sich von ihm ab und sah in die Weite, über der ein fahler Glanz lag. Sie seufzte tief. „Es klingen seltsame Stimmen in mir. Sie sind süß. Und sie tun doch alle weh." sagte sie abgewandt vor sich hin. „Es fallen Grundsätze von nur ab. Vergangenes sinkt sachte ins Nichts. Warum haben Sie mich das gefragt?" „Weil ich mußte— weil es mir klar geworden." „Weil es Ihnen klar geworden? Ja, wenn etwas klar wird in einem, dann wird es auch gleich so stark. Und dann ist es für immer da. Dann besitzt es einen, dann verliert es sich nicht mehr. Dann ist es so unerbittlich und herrisch." „Tut es Ihnen leid, Melanie?" Nun zwang sie sich zusammen. Sie hob den Kopf und drehte sich nach ihm um. „Leid tun? Nein! Ich bin Ihnen dankbar. Es ist schön für mich und groß— und traurig. Weil es so gegen meinen Willen ist. Weil ich hatte stärker fein wollen, und weil es nun stärker ist.">
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27 (16.9.1910) 181
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