Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 183.

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Der Entgleifte.

Dienstag den 20. September.

( Ragdrud berboten.)

Von Wilhelm Holzamer .

Die Feierabendglocke tönte vom Städtchen her. Ein Klang herüber aus einer fernen Welt. Aus dem Lande der Gleichgemachten und Uneigenen, der Braven und Nichtenden.

Weits Harmonieerklärungen fielen ihm ein. War dort nicht Harmonie bei diesen guten Bürgern und braven Spießern? Gleichklang? O ja, weil Klanglosigkeit, weil kein eigener Klang.

Aber war davon nicht schon viel stark und wirksam in ihm geworden?

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Er sah ins dämmernde Land hinaus und hell wuchs daraus das Bild seiner Heimat. Damals, als er ein Bub war und widerhaarig war und seine Streiche verübte, als er sich mußte strafen und stumpieren" und zurückstellen lassen, war er da nicht viel eher er selber als heute?

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1910

leisen Angst, die in aller Andacht ist. Diese Landschaft, die Dörfer, die Städtchen, die Menschen, die Wolken, der Himmel, die Sonne das alles war Fremde. Es war anders als zu Hause. Es brachte ihm nichts von ihm selbst entgegen, es hatte nur sich und bot sich ohne innere Bewegtheit, bot sich fremd dar. Das war wieder das Wort. Und nun sann er lange nach über diese Wechselwirkung von den Dingen zu uns und von uns zu den Dingen.

Dann begann er seine Mitreisenden zu studieren. Seine Augen fragten, fragten in sie. Was mochte jeder erlebt haben, was erleben wollen? Wo hatte das Leben seine Spuren hinterlassen, seine Zeichen geschrieben?

Was jeder Mensch erlebt, ist er selbst, die Menschen finden nur oft die Zusammenhänge nicht. Und wie jeder erlebt, das macht ihn, seine Art, seine Armut oder seinen Reichtum, seinen Wert oder Unwert. Das ist sein Besik, zu Glück oder Leid. Denn feiner entflieht sich selbst.

Er stand auf und stellte sich ans Fenster.

So trägst Du nun in die Fremde Dein Schicksal, und bald wird sie Dir's entgegenbringen, und es wird Dir um so deutlicher sein, als sie ganz unbeteiligt an Dir ist."

Das murmelte er vor sich hin und riß sich den Bart. Etwas Jubelndes zog in ihm ein.

Oder muß man gleich eine Heldenseele und ein Ganz­bevorzugter sein, um sein Leben nach eigener Fasson leben zu dürfen und es auch danach gestalten zu können? Diesen Ein Schicksal haben, ganz gleich, ob gut, ob schlecht, Idealismus verwirklichen zu können? Aber hatte er nicht ob zur Niederlage oder zum Siege nur ein Schicksal diesen Idealismus in seinem Berufe? Hatte er seinen Beruf baben! Nur nicht gleichgebügelt sein im allgemeinen, nur nicht deshalb erwählt und sich zu ihm durchgehungert und nicht nichts weiter sein als eine tote Nummer, einer, der durchgequält? Ach nein, das ist vorbei für ihn dieser ganze bloß bei der Anzahl mitgezählt wird, aber nicht in die Wag­Idealismus hat sich in der Suppenfrage aufgelöst. Das voll­zieht sich ganz von selbst, und wenn einer wäre, in dem sich's schale fällt, wenn es auf den besonderen Wert ankommt." Paris ! nicht vollzöge, der wäre ein fossiler Sonderling. Freilich nur die Dinge, die flach und platt auf der Erde liegen, troß­dem zwischen Himmel und Erde heben! Dem Stande seinen Glorienschein erhalten.

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Er bohrte seinen Gedanken auf einen dunklen Punkt. Im Zimmer tickte und tackte die Uhr.

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Beruf," sagte Philipp vor sich hin, Idealismus, Harmonie, Stand lauter Worte. Und wenn ich einem den Körper geflickt und die Knochen geheilt habe, was hab ich ihm innerlich gegeben? Nichts! Oder hatte ich einem eine seelische Nahrung zu bieten, eine Wegzehr, ein Almosen nur aus meinem Erfüllten und Erfülltsein? Nichts! Denn was ich zu geben hatte, das war die Kasernenkost aller, eine eigene Rüche hatte ich nicht. Die konnte im Idealismus des Berufes, in meinen Standes- und Menschenpflichterfüllungen nicht aufgetan werden."

Man stieg aus. Er stellte seinen Koffer hin und schaute fich um. Ein Gepäckträger nahm ihn auf. Er schritt lächelnd hinter ihm drein.

Paris !" sagte er sich, und noch einmal: Paris !" und mit einem Behagen, als ob er einen seltenen Wein schlürfe: " Ich bin in Paris !"

Die Lichtstadt! Zunächst war Philipp enttäuscht: Paris war ihm nicht hell genug beleuchtet, und das Wort Viktor Hugos hatte auch nach dieser Seite eine Vorstellung in ihm erzeugt. Freilich, was die Straßenlaternen versäumten, das holten die Schaufenster nach. Aber die kleinen Gaffen, die nach dem Montmartre führten, die waren doch recht düster und blieben's trop der Läden, die zu Besuch und Betrachtung mit reichem Lichte lockten, selbst der Boulevard Magenta, trop seiner besseren Beleuchtung, blieb hinter seiner Vorstellung zurück. Die großen Boulevards auf die war er gespannt die würden ihm die eigentliche Sensation geben. Noch am Abend, trop der Reisemüdigkeit, wollte er sie sehen. Er hatte den Plan von Paris nach dem Bädicker gut er würde sich schon zurechtfinden.

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studiert

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Die Uhr wurde so laut und freischend. ,, Vertrauern und versauern nur wer vom Kampf des Lebens weiß, weiß vom Leben. Und von sich selbst. Ob fiegen oder unterliegen, das ist gleichgültig. Es will das Leben gewagt sein. Es will es mit uns selber gewagt sein. In einem kleinen Hotel auf dem Montmartre, das ihm Wo's auch hintreibe Weit hat recht es fommt nicht auf den einzelnen anwir haben alle nur Teil an einer Raiser- unterwegs empfohlen worden war, hatte er Logis genommen. krone, und dafür bekommen wir Wadenkrämpfe und Ordens- Nachdem er sich ein wenig restauriert hatte, trieb's ihn fort, freuze auch eine faputte Bruft oder einen ruinierten hinunter in die Stadt, hinein in das reiche Leben. Schädel."

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Drüben wo ging ein Licht auf und dahinter gab es einen helleren Schein. Da lag Worms , die Siegfriedsstadt. Nun fiel ihm Melanies Adresse ein: Paris , bureau des postes 96, Grand Hotel. Paris ! Es lag etwas Seltsames in dem Worte auf einmal. Da ging auf einmal ein Weg auf da stand ein Tor sperrangelweit offen. Paris !

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Er wußte nun, er hatte hier Abschied genommen und wie aus einem Dunkel war es aufgetaucht, wohin er sich wenden wollte. Ins Leben! In seinen Kampf. Da, wo es am bewegtesten und am gefährlichsten war. Paris !

Er schrieb Weik ein paar Zeilen und die Postadresse, dann schrieb er noch einmal an seine Mutter. Und nun fort, so rasch wie möglich fort.

Aber es drängt doch nicht," sagte er sich. ,, Doch," antwortete er, das Leben drängt."

2.

Philipp fuhr in die Welt, in die Fremde. Er sagte sich stumm das Wort: Fremde. Ganz andächtig und mit dieser

Er ging die Nue Fontaine hinunter, die Rue Notre Dame de Lorette, Rue du Faubourg Montmartre weiter: er stand auf den Grands Boulevards. Die Straßenbeleuchtung war heller, die Restaurants strahlten im vollen Lichte, ebenso die Läden mit den geschmackvollen und außerordentlich wirksam arrangierten Schaufenstern. Die Menschenmenge auf den Trottoirs, die Wagen und Omnibusse im Hin und Her, lange Züge, das Geschrei der Zeitungsverkäufer, die kleinen Straßenfensationen, rasch zum Verkauf eines niedlichen Spielzeugs im drängendsten Verkehr inszeniert, die plaudern­den, gestikulierenden, lesenden, trinkenden Menschen, elegante Männer und elegante Frauen! Auffallende Erscheinungen durch Kleidung, Gebaren, Schönheit, Ausdruck, Tracht, durch die Gepflegtheit der Haare, die Eigenart der Frisur, dann wieder durch die genialische Vernachlässigung im Anzug, die Selbstgefälligkeit im Auftreten, die bestrickende Leichtigkeit des Gehabens! Er wurde nicht fertig, nach allen Seiten zu schauen und seine Beobachtungen zu machen. Menschen, die ihm gefielen, die zu einander, zu ihrer Umgebung paẞten; wie sie auch auftraten, was sie auch taten, geschickt alles und