Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 186. Freitag, den 23. September. 1910 56] Der Entgleiste. lN°chdr.v-rb°t°n.) Von Wilhelm Holzamer . Philipp freute das ausgelassene Leben und die unge- nierte Oeffentlichkeit. Die Tugend," dachte er,hat nun mal in der Welt ihr Loch weg, Heimlicheit flickts ihr nicht zu. Und ich bin ja nicht als ihr Retter hierher gekommen." Er sann darüber nach, wie es wohl käme, daß alles, so toll es auch war, doch ein gewisses Etwas hatte, das nicht ab- stoßend machte. Es war keine Grenze zu spüren, aber es war ein gewisses Maß festgehalten, durch das die Schönheit ge- sichert war, darin sie wenigstens ihren Schein behielt. La Krotte" stand vor einem großen Spiegel und schwang ihre armseligen Hüften in Bauchtanzbewegungen, die Hände eingesteinmt. Die Rundliche tanzte mit einer Freundin. Sie wgAßn beide den voeteur allemanä über geworden. Er beobachtete und sann nach. Die Dwsik mutete ihn an. In der Pause schenkte er dem Kapellmeister ein Glas Wein ein und versuchte, sich mit ihm zu unterhalten. Langsam leerte sich bereits der Saal. Philipp hatte der Wein ein wenig schwer gemacht, und es wurde ihm im Sitzen erst recht behaglich. Er bestellte eine neue Flasche und eine Henri Clay. Der Kapellmeister stieß ihn an und deutete nach der Türe. Aufgepaßt, mein Herr!" Eine junge Dame war eingetreten. Unbekümmert um irgend jemand hatte sie sich an einen Tisch gesetzt und einen Tee bestellt. Der Kapellmeister nickte ihr zu. Sie erwiderte leise nickend. Philipp musterte sie. Sie war anders als die anderen, in ihrem ganzen Wesen von einer hervorstechenden Eigenart. Diese tiefen schwarzen Mandelaugen, dieser heiße breite Mund mit den Raubtier- zähnen, dieser weiche dunkle Teint und die blauschwarze Haar- flut, die das ganze Gesicht in schweren Bauschen umrahmte. Dazu die einfache Kleidung: der rote Filzhut, ohne jede Ver- zierung, tief in den Nacken gesetzt, das rotbraune Cape, der kurze rote Seidenrock. Ein ganz anderer Typus. Und Un- berührtheit sogar. Suchende, fragende und doch verschämte Augen. Sie ist noch ganz Kind nur Rasse, Algiererin," sagte der Kapellmeister.Und sie wird tanzen, warten Sie. Sie werden sehen, was das ist: Tanzen!" Er ging zu ihr hin und sprach mit ihr. Sie wehrte ihm ab. Er redete weiter auf sie ein. Sie starrte vor sich. Dann schlug sie ihm auf die Wange und sagte mit einer rauhen, tiefen Stimme, wie sie die Südländerinnen so oft haben: Dann also los!" Der Kapellmeister kehrte zurück und sagte im Vorbei- gehen zu Philipp:Passen Sie auf, mein Herr, Sie werden sehen! Die Kleine aus Algier , ah!" Er schlug die Augen auf und grinste., Die Kleine aus Algier " hatte den Saal verlassen, uni sich die Kleider ein wenig zum Tanze zu arrangieren. Als f,e wieder eintrat, begann die Musik. Philipp erkannte die Musik des Bauchtanzes. Die kleine Algärienne hatte zwei Servietten ergriffen, schwang sie, schlug mit einer reizenden Verschämtheit die Augen nieder und tanzte den Bauchtanz, ganz anders als er in Moulin rouge getanzt worden war, keusch und unbewußt und nur Temperament, daß Philipp nur staunen und starren mußte. Plötzlich, bei einer starken Bewegung, als sie seinen scharfen, forschenden Blick auffing, schlug sie die Servietten vor die Augen und lief davon. Sofort brach die Musik ab. Leichten Schrittes trat sie nach ein paar Sekunden wieder ein und setzte sich auf ihren früheren Platz. Ten Beifall des Kapellmeisters beachtete sie so wenig wie Philipps Beifalls- bezeuaungen. Philipp beobachtete sie unausgesetzt und konnte nicht mit ihr, nicht mit sich ins klare kommen. Hier inter - essierte ihn eine Art und ein Mensch. Aber warum war er denn nach Paris gekommen? War er nicht gekommen, um Studien zu machen? Lebensstudien statt der Bücherstudien? Kommt sie wie die anderen?" flüsterte er dem Kapell- meister zu. Der zuckte die Schultern. Er glaube nicht aber viel­leicht sie sei sehr unzugänglich. Vielleicht unglücklich. Er habe noch keinen gesehen, der sie gewonnen habe. Sie sei noch nicht lange von Algier herübergekommen, vielleicht habe si» Heimweh. Vielleicht Sie trank eben ihren Tee aus und schien sich zum Weg« gehen bereit machen zu wollen. Da ließ es Philipp nicht Ruhe, er bezahlte rasch und ging an ihren Tisch. Mit dem schönsten, liebenswürdigsten Fran» zösisch, das er aufbringen und konstruieren konnte, sagte er erregt und verlegen:Guten abend. Kleine aus Algier , schönen Dank, schönen Dank!" Sie sah zu ihm auf, lachte erst mit Augen und Zähnen, lachte dann laut mit ihrer heiseren, samtenen Stimme: Guten abend, mein Herr, guten abend und auf Wieder- sehen!" Er hielt ihr die Hand hin. Sie schlug leicht ein. Kleine aus Algicr!" flüsterte er. Da sah sie ihn mit einem verächtlichen Blick groß an und ging an ihm vorbei. Das beschämte und reizte ihn. Wer war sie? Was mochte sie wohl fein? Die Hähne des Montmartre krähten schon. Philipp stieg seine Straße hinauf. Was hatte ihn da so seltsam angerührt, so verführerisch abgestoßen? Die Kleine aus Algier !" War er nicht gekommen, um Studien zu machen? Hier reizte ihn etwas. War das alles Raffinement oder der In- stinkt des Raubtiers? Paris öffnete ihm die Arme. Aus den Straßen wich schon die graue Dämmerung. Die Sonne vergoldete den Marterberg. Nachdenklich ging er heim. 4. Die Tage gingen hin mit Schauen und Genießen. Doch er hielt sich nicht außerhalb des Lebens, er nahm am Leben teil. Er wurde Pariser , mit vielfältigen Interessen, mit wachen Sinnen und lebhafter Phantasie. Er blieb nicht haften am einzelnen, fand sich immer weiter und entrückte die Dinge allmählich ihrer Schwere. Mit ihm gingen öfters zwei seit- same, wilde Augen, und manchmal ward es ein heißes Locken, wenn sie sich auftaten. Aber in stillen Augenblicken, wenn er im Gewühle und Gedränge ganz mit sich allein war, stand ihm ferne eine feine Gestalt. Sie hatte keine Lockung und keine Abwehr aber sie übte einen eigenen Bann. Es war ein Aufblick zu ihr so wie zur Mutter etwa und es war noch ein Fernhalten zu gleicher Zeit. Auf dem Postbureau hatten sich Briefe eingefunden. Die Scheidung hatte der Schwiegervater eingeleitet. Philipp war bereit, alle Schuldfragen zu bejahen. Nein, nie hatte ihm die Frau Uebles getan, und sie war wohl auch eine gute Frau» sie hatte nur an einen anderen Platz gehört. Jeder Mensch gewinnt seinen wahren Wert und seine wahre Bedeutung nur an seinem rechten Platze, am falschen Platze kommt der Beste nicht zu seinem Rechte. Er hatte keinen Vorwurf, aber er konnte auch auf sich selbst keine Schuld laden. Doch war er bereit, alle Schuld auf sich zu nehmen und so viel man wollte. Das ganze Hessenland fiel über ihn her. Man hatte ihm auch die Zeitungen geschickt. Er war ein Ausgestoßcner in der Heimat, die er so sehr lieb hatte. Sein einziger Ver- leidiger war Weik, aber was galt diese Stimme? Erbärm- lich geradezu benahmen sich seine früheren Freunde.Richtige Lumpen," murmelte Philipp vor sich hin. Er halte nur eine Verachtung für sie, für diese armseligen Korrekten und Klein- geister, für diese Augendiener und Streber. Bei Professor Winter hatten sie sich gleick anschmarotzt.' ihm die Zukunft zu verlegen. Er mußte ein Verlorener, ein Untergegangener sein. Man hatte einmal Hoffnungen auf ihn gesetzt, er werde eine erste vsychiatrische Kraft werden, nun wars vorbei. Selbst die Fachblätter wurden mit dem Klatsch seiner Freunde be- dient. Es war gut so, nun waren die Masken gelüftet. Es war gut so und er strich die Namen dieser Freunde aus seinem Gedächtnis. Strich sie ganz still, mit der stillen Ver- achtung, die das Herz leer macht und alle früheren Gefühle ausbrennt und alle Fäden zerschneidet. Er hatte dieGesell- .