Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 187.
57]
Sonnabend. den 24. September.
1910
Der Entgleifte.( Nachdr. verboten) es klang noch in ſeine Träume. In denen wurde es dann frei
,, Sie glauben es nicht?"
"
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" Doch es war mir nur nicht so vorgekommen, es ist mir neu. Aber es ist schön."
,,, wenn Sie länger auf Montmartre leben, werden Sie es merken. Wenn Sie nur über die Straße gehen werden dieses heitere Leben! Und man hat Freunde und macht Scherz. Es ist ganz anders als anderswo. Sie glauben es nicht?"
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Philipp glaubte es gerne. Er hob sein Glas und stieß mit dem Wirte an.
„ Auf gute Freundschaft!" sagte der. So plauderten sie noch eine gute Weile. Montmartremusikanten zogen vorbei; ein Geiger, Gitarrespieler und ein Sänger.
ein
Philipp bezahlte und ging den Musikanten nach. An einer Straßenecke hielten sie Umschau, ob kein Polizist in der Nähe sei. Dann stellten sie sich zum Musizieren auf. Sie waren von Dienstmädchen und Verkäuferinnen, Arbeitern und Handwerkern, Frauen und Kindern umringt und sangen ihre unanständigen Lieder.
Der Geiger war eine auffällige Erscheinung in seinem dunklen Samtanzug und breiten Schlapphut, dem langen Haar und Spitbart, mit dem blassen Gesicht und den müden, traurigen Augen. Er faszinierte Philipp, so daß er von Straßenede zu Straßenede den dreien folgte. Am liebste hätte er sich ihnen als der vierte zugesellt! Er hatte aber weiter nichts tun können als sich für zwei Sous das Couplet kaufen und an jeder Straßenede noch seinen Sou extra geben. Als die Musikanten schließlich in einer Kneipe auf dem oberen Montmartre landeten, trat Philipp mit ihnen cin. Er verstand nicht genug Französisch, um sich in eine Unterhaltung mit ihnen einlassen zu können oder etwas von ihrer Unterhaltung zu erschnappen. Aber er mußte beständig den Geiger ansehen. Er bewunderte an ihm die dekorative Erscheinung, denn er trat wie ein großer Künstler auf, obgleich er in Wirklichkeit nicht mehr war als ein ganz simpler Musikant, der kaum mehr als die Melodien der Couplets auf seiner Geige spielen konnte. Und dennoch wie war er dazu gekommen? Als was fühlte er sich? Hatte er einmal hoch hinaus gewollt höher als seine Kraft reichte, oder hatte er wahllos und ohne innere Nötigung etwas ergriffen, was gerade am Wege lag und ihm nicht allzuviel Mühe machte? War er gefallen, oder war er nie emporgestiegen?
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Wie sie scherzten und rauchten und plauderten und wichtig taten, die drei! Dann und wann einmal ein schiefer Seitenblick nach ihm, dem Unbekannten.
Philipp trat nun an ihren Tisch. Er wollte teilhaben an ihrer Sorglosigkeit. Die Stunde gab, bald so, bald soer wollte nehmen.
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Er stammelte ein paar Komplimente, die ihm mit einem Lachen quittiert wurden. Dann spendierte er eine Flasche Wein und als sie getrunken war, noch eine, zechte und plauderte, fragte und verstand nicht, lachte aber mit und freute fich und fühlte sich echt menschlich wohl. Sinter das Schicksal der drei fam er nicht. Er merkte nur, daß der Geiger manchmal verträumt und leer in die Welt schaute und immer stiller wurde. Das Leben mußte ihm doch wohl in besonderer Weise mitgespielt haben.
Den Refrain des Straßenliedes vor sich hinsingend, ging Philipp cin wenig schwer nach Hause. Als er schon in seinem Bette lag, holte er sich noch einmal das Couplet hervor und sang laut:
Weine nicht, liebe Suzette, Das Unglüd ist nicht groß, Es währt ein Weilchen bloß. Lache, liebe Kleine,
Und laß die Sorgen laufen Man muß' ne Wiege kaufen.
Das war nun sein Abendlied vor dem Einschlafen. Und lich ein Tanzlied. Der blasse Geiger strich die Fiedel, und den Tanz tanzte eine allerliebste und bestienwilde Tänzerin. Er aber litt grausam.
5.
In einem Restaurant am Place Pigalle hatte Philipp Deutsche getroffen. Deutsche Schriftsteller in Paris , den großen blonden Germanen Heinrich Willibald Müller und den kleinen blassen Skeptiker Kunz Erich Mirim, der aber eigentlich anders hieß. Beide waren Philosophen ganz schweren Kalibers, der große Heinrich Willibald mit dem wehenden Germanenbart hatte die Philosophie des Gesichtswinkels sich zu eigen gemacht und bramarbasierte in Persönlichkeit, Kunz Erich Mirim, ein ehemaliger katholischer Theologe, erzellierte auf dem Gebiete der Liebe. Und zwar auch zur Hervorkehrung der Persönlichkeit. Der große Heinrich Willibald sagte:„ Alles ist der Gefichtswinkel. Ich stelle mich der Welt gegenüber. Ich sehe, sie ist ein Misthaufen. Das ist der stehende Gesichtswinkel, unter dem ich sie zu beurteilen habe. Paris , Deutschland , diese ganze Schmierfinkenbande von Schriftstellern, das ist nur Geschmeiß auf dem Misthaufen."
Bhilipp lächelte.
Der große Heinrich Willibald fuhr auf und schwadronierte mit dickster dialektischer Aussprache drauf los: Wer noch nicht so weit ist, der ist ein Waisenknabe. Lächeln Sie, Doktor, aber lassen Sie sich in Windeln wickeln. Man muß auf der Höhe sein! Eine Persönlichkeit sein! Nur wer den ganzen Gestank der Welt gerochen hat, weiß seinen eigenen zu würdigen. Und Paris ist ein Saunest. Gehen Sie ruhig wieder heim, Doktor, zu holen ist hier gar nichts. Ekel! Wollen Sie den Ekel? Auch Efel ist gut. Wanzen, Läuse, Flöhe, Syphilis! Das finden Sie hier, sonst nichts.
"
Kunst?" fragte Philipp bescheiden- kleinlaut. Der große Heinrich Willibald schlug eine germanische Lache, daß die Fenster klirrten und die Gläser auf den Tischen tanzten. Dann sagte er ein Kraftwort, daß es nur so klatschte. Ein grobes, dreckiges Kraftwort.
Nun mischte sich der feine, skeptische, blasse und ein ganz flein wenig schielende Kunz Erich Mirim ein, gab erst einen Laut von sich, der mehr ein Grungen war, ein nettes Grunzen, aber immerhin doch nichts anderes dann saugte er noch einmal an seiner Zigarette und begann:
„ Sie müssen wissen, Doktor, damit drückt er das Höchste aus, was er ausdrücken kann. Und wenn Sie alles abziehen, was abzuziehen ist, so fommen Sie schon aufs rechte."
Philipp wußte nun nicht, ob man ihn verspotten wollte, oder ob diese Leute sich wirklich ernst nehmen. Er wollte auf seiner Hut sein.
"
Was empfehlen Sie mir, daß ich mir ansehe?" fragte er. ,, Seßen Sie sich in die Bahn und fahren Sie wieder heim," sagte der große Heinrich Willibald, und an der Grenze, in Köln , im Treppchen" r it ich Ihnen, saufen Sie sich knüppeldick voll aus lauter Freude, daß Sie diesem Stink. nest entronnen sind."
,, Sie sind aber doch schon mehrere Jahre hier? Und ich habe doch sehr begeisterte Artikel von Ihnen über Paris gelesen," erwiderte ihm Philipp.
Hm," fnurrte der große Heinrich Willibald,„ das ist ja alles Mist. Wenn Sie eine Zeitlang hier sind, kommen Sie nicht mehr fort; das ist ja das Fatale an diesem grandiosen Drednest. Und was ich schreibe, wollen die Leute lesen. Nächstens werde ich aber schreiben, was sie nicht lesen wollen. Ich werde schimpfen. Das muß nur so frachen. Das Schimpfen ist das einzig Wahre in der Welt- es beweist den ganz persönlichen Gesichtswinkel, ich bin nur leider noch nicht ganz so weit gekommen."
„ Na, na," höhnte Kunz Erich Mirim, so einiges hast Du Dir doch schon geleistet. Er hat nämlich den Ehrgeiz, Doktor, ein deutscher Rabelais zu werden."
Wieder sagte der große Heinrich Willibald ein Kraftwort, ein grobes, dreckiges Kraf.wort.
Was sind das für Leute eigentlich? dachte Philipp. Wird man so in der Welt, macht das Metier einen so, oder