Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 189.
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Mittwoch den 28. September.
1910
In der Türe blieb er stehen. Da stand schon die Blumenfrau.
Der Wirt hatte unten seinen Gästen gesagt, was für ein Schauspiel oben zu sehen sei. Viele drängten herauf und fetten sich hier oben fest, wo ein Glas Bier einen Franc, statt fünfzig Centimes, fostete. Philipp hielt sich am Türpfosten fest und ließ die Eintretenden passieren.
Die schöne Algérienne wird tanzen," sagte sie einladend. Philipp blieb aber fest in der Türe stehen. Der KapellEr trat zu Wepler am Place Clichy ein und bestellte sich meister spielte die Geige süß und aufregend. Die Algérienne Sauerkraut mit Schinken. Jezt könnte er an Melanie erhob sich nun von ihrem Blaze und sah sich um. Es war schreiben. Es war ihm, als sei er auf einen freundlichen ein unsäglich verachtender Blick, den sie umgehen ließ. Thre Hügel getreten, von dem aus man über die Täler hinweg- weißen Zähne fletschten ein wenig zwischen ihren roten Lippen blicken kann, die sich an seinem Fuße winden. Er ließ sich hervor. In ihren Augen waren Funken. Und er war, als Papier und Tinte kommen. Aber er fand nicht Worte zum ob ihr blauschwarzes Haar knistern müsse von lauter kleinen, Schreiben. Es war eine Bewegung von Gefühlen in ihm, springenden Fünfchen. ein angenehmes Aufschwellen und Anwellen und Zerfließen, flar und deutlich und- fest in Worte pacen fonnte er sie jetzt nicht. Aber er hatte Feder und Tinte und Papier unter den Händen er schrieb an die Mutter. Er schrieb ihr einen langen, schönen, warmen Brief, erzählte ihr von den Wundern von Paris und bat sie, sich keine Sorgen zu machen seitetwegen. Er habe zwar den allgemeinen Weg berlassen, aber er werde schon wieder zu einem guten Wege finden. Es sei ja alles Dummheit und Enge um ihn gewesen, ohne daß er es gemerkt hätte, und wenn nun auch vieles falsch an ihm werde und das Leben ihn mit allem möglichen belade, wie es ja jedem Menschen sein Teil aufbürde, er glaube doch, daß er zum Hellen gelange. Man fönne ja die Helle dann erst richtig bewerten, wenn man das Finstere auch kenne.
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Als er den Brief überlas, dachte er zwar, daß ihn die Mutter nicht verstehen könne. Aber sie würde weinen und gerührt sein. Er wollte also den Brief doch absenden. Es ging schon gegen Mitternacht.
Er trat in die unteren Räume des Cyrano" ein und bestellte einen Kaffee. Dann und wann wurde er begrüßt eine Kleine vom Montmartre setzte sich neben ihn und ließ fich einen Kaffee von ihm bestellen. Dann klagte sie ihm, daß sie frank sei. Daß sie sehr an Kopfschmerzen leide und
sich schwach fühle.
Philipp fragte, ob sie satt zu essen habe.
Sie bejahte es.
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Die Algérienne tanzte den Bauchtanz. Sie tanzte ihn so, daß er gar nichts Abstoßendes hatte. Er regte aber gerade deshalb ungeheuer auf. Man spürte förmlich den heißen Atem der Zuschauer im Raum. Es war wie ein Stöhnen und Pressen. Die Augen waren groß in jedem Gesichte drückte der Mund Verlangen und Gier aus. Der Kapellmeister schlürfte die Töne förmlich ein, die seine Geige gab, denn jeder Ton ward eine verführerische, wollüstige Bewe gung. Alle wilden Instinkte schienen in der Algérienne geweckt, das Temperament ihrer Rasse riß sie hin. Sie war wie eine Kaße, geschmeidig und wild, ein unheimliches Das ist Natur," stieß die Blumenfrau Philipp an. Er nickte nur.
Raubtier.
Als die Algérienne geendet hatte, brach ein lärmender Beifall mit Rufen, Händeklatschen, Klopfen und Tischrücken aus. Sie ließ noch einmal ihre verachtenden Augen umgehen. Dabei sah sie Philipp. Ihr Blick verweilte einen Moment lang auf ihm. Dann ging er weiter. Sie setzte sich und be
achtete niemand.
Sie wurde nun umschwärmt. Aber das rührte sie nicht. Champagner wurde ihr geboten- fie trank, ohne den Spen
Da sah er sie mit einem langen, prüfenden Blick an. Sie dern weitere Beachtung zu schenken. Der Oberkellner servierte schlug die Augen nieder.
Seit wann?" fragte er.
ezt verstand sie.
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nein," sagte sie das nicht Gott sei Dank Sie haben nicht richtig verstanden, Doktor. Ich bin nicht guter Hoffnung. Aber ich bin schwach. Aber das Leben- man muß doch leben!"
Der Arzt in ihm war erweckt. Er mußte gegen den Menschenfreund in sich kämpfen. Aber er mußte nun mit seinem Gelde haushalten. Am liebsten hätte er ihr einige Francs gegeben und hätte sie heimgeschickt. Er fragte noch weiter, was für ihn als Arzt wichtig war. Dann riß er ein Blatt aus seinem Notizbuch, schnitt es schmal und schrieb ihr ein Rezept auf.
Ob sie es auch machen lassen wolle? Ja, unbedingt, das wolle sie.
Oben hatte die Musik begonnen, die Mädchen zogen sich alle nach den oberen Räumen. Weitere famen. Herren in Frack und Zylinder folgten.
Philipp blieb unten fißen und bestellte sich einen ameritanischen Grog.
Die Nacht rückte vor. Oben tanzte man. Die Kellner trugen Speisen zu, und der Weinkellner füllte die Champagnerfübel.
Die Algérienne trat ein, ging die Treppe hinauf und sah sich nach keiner Seite um. Stolz und unnahbar war sie. Sie trug wieder ihr rotbraunes Cape und den roten Filzhut, der ohne Schmuck war und tief im Nacken saß.
Bart.
Philipp starrte ihr nach. Dann saß er und riß sich den
Er meinte, die Decke über ihm müsse in Flammen stehen. Er sah nach der Uhr. Es war nun schon zwei Uhr vorbei. So spät kam sie immer.
Er lauschte. Das war die Musik des Bauchtanzes. Da hielt es ihn nicht. Mechanisch stand er auf und ging die Treppe hinauf wie ein Schlafwandler. Es preßte ihm die Brust, und er konnte kaum atmen
ihr selbst ein kleines, leichtes Souper, Austern, Geflügel, Gemüse, Käse und Obst. Sie sollte sich den Wein selbst aussuchen. Sie bestellte einen Chablis, goß sich ein und ver schenkte den Rest. Sie war nicht zu gewinnen. Man bat sie, noch einmal zu tanzen. Sie sagte nein und blieb dabei. Niemand begriff fie alle reizte sie.
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"
Eines der Mädchen sagte:„ Sie ist für Marims." Eine andere bestätigte es.
dritte.
Sie wird auch bei Maxims ankommen," meinte eine
,, Es fehlen ihr die Kostüme," bezweifelte eine weitere. " Bah, die kann sie leicht haben, sie darf nur wollen," wurde ihr entgegnet.
Aber das ist's ja gerade, daß sie nicht will. Sie will einfach nicht," sagte eine darauf.
der
,, Warum kommt sie denn hierher?"
Warum? Weil es ihr Spaß macht."
,, Es ist eine Rolle. Weiter nichts als eine Rolle."
"
Wir haben uns alle erst gesträubt, nicht wahr?"
., Sie will herrschen."
Nein, sie will bezwungen sein."
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„ Es fehlt der Erste noch nach dem Ersten folgt auch Zweite. Das ist so."
Sie sollte sich engagieren lassen Tänzerin ein Vermögen verdier.en."
Wenn sie nicht ihre Launen hätte." ,, Sie ist eine Wilde."
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fie könnte als
Das schwirrte an Philipp so vorbei. Er hörte scharf. ,, Sind Sie unten oder oben?" kam der Wirt fragend zu ihm heran.
Oben!" antwortete Philipp. Dabei wurde er rot. Er hörte eigentlich erst, was er gesagt hatte.
Bitte, so treten Sie ein, mein Herr," komplimentierte der Wirt.
Da fiel Philipp das Wort Mirims ein. Es war ihm, er werde mit einer Nadel gestochen. Dann fam ihm ein plötzlicher Entschluß. Er wendete sich nach der Blumenfrau