Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 210.
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Donnerstag den 27. Oftober.
( Nachdruck berboten.)
Was ist Rubm?
Roman von Mar Kreker.
1.
An einem Abend des Jahres 1890 erregte ein sonderbares Fuhrwerk die Aufmerksamkeit der Bassanten im verfehrsreichen Westen von Berlin . Ein Handwagen mit Bretterwänden, der vollgepfropft mit allerlei Gerümpel war, aus dem ein Modellierbock seine drei Beine in die Luft streckte, um das Herabrutschen der Gipsbüste einer Venus zu verhindern, wurde von einem schmächtigen, jungen Mann, Mitte der Zwanzig, gezogen, der als Laterne eine Papierdüte trug, in die man ein Licht gesteckt hatte. Hinten schritt der ältere Genosse, der, in der Linken eine kleine Petroleumlampe haltend, mit der Rechten kräftig nachhalf, sobald der Deichsellenker schwach zu werden drohte.
Der große Oftoberumzug war im Gange, und so mußten sie sich wiederholt an riesigen Möbelwagen vorbeiwinden, aus denen noch kurz vor Toresschluß die letzten schweren Stücke in die Häuser getragen wurden. Namentlich in der Potsdamerstraße, wo das Leben gewaltig brandete und die Pferdebahn alle Augenblicke ihre Warnungsklingel ertönen ließ, war das Leiten des Gefährtes mit einer gewissen Gefahr verbunden, die durch das ungewohnte Amt des Führers noch erhöht wurde. Wenn sie sich dann glücklich wieder seitwärts an der Bordschwelle des Bürgersteiges befanden und einige Augenblicke anhielten, um Luft zu schöpfen, tamen sie sich mit ihren Habseligkeiten wie verkrümelt vor beim Anblick der glänzenSen Möbel, die noch umherstanden, bevor kräftige Arme sie verschwinden ließen. Sobald dann die Träger die bleiche Venus erblickten, die, aufgepflanzt und von Striden gehalten, mit ihren leeren Augen das Licht der Laternen auffing und das einzig Wertvolle bei diesem Wohnungswechsel zu sein schien, fielen derbe Witworte, die auch die Heiterfeit der Vorübergehenden erweckten. Die Damen musterten die Gruppe und vergnügten sich lächelnd daran, was Lorensen, dessen noch milchbärtiges Gesicht von dem Lichtstumpf rötlich beleuchtet wurde, Veranlassung gab, seine breiten, gesunden Zähne zu zeigen und ihnen vertraulich zuzunicfen, als gehörte er eigentlich in ihre Gesellschaft und hätte sich heute nur einen zur gemacht, den Ziehhund zu erfeßen. Troßdem er sich auf den ersten Blick als der Bartere von beiden erwies, war er doch der Keckere, sozusagen der Himmelstürmende, der den Lorbeer bereits in der Tasche hatte und die bewundernde Welt zu feinen Füßen sah. Gleich einem Rastelbinder trug er die Krempe des weichen Filzhutes weit heruntergestreift, weil er das Bedürfnis gefühlt hatte, sich hier, wo die Atelierzigeuner zu Hause waren, ein wenig unfenntlich zu machen.
Kempen war straffer und untersetter, mit seiner Ruhe im schon vollbärtigen Geficht mehr der Gegensatz zu der Lustigkeit des andern, der um Worte nie in Verlegenheit geriet und gern schwatte, wo es eigentlich gar nicht notwendig war. So wurde Lorensen auch jest wieder lebhaft, als sie in die Stegliper Straße einbiegen wollten, wo ihr Dach ihnen winkte; er blieb aufs neue stehen, so daß der Wagen einen Rud bekam, und wischte sich unter dem gelüfteten Hut den Schweiß von der Stirn, wobei eine Fülle hellblonden Haares sichtbar wurde; denn nicht nur die Anstrengung hatte ihn warm gemacht, sondern auch der milde Abend, der noch nichts von der Kühle des Herbstes verriet. Während des ganzen Tages war Berlin von der Sonne des Spätsommers durchzogen gewesen, deren Abglanz noch immer von den Mauern der riesigen Steinfästen ausgeschwitzt wurde, so daß der Dunst zwischen den Häusern lag. Lichtnebel wogte in der Ferne, der wie ein Niederschlag der ewig rastlosen, dampfenden Stadt sich mit den Menschen fortbewegte, gleichsam wie von ihnen mitgeschleppt.
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So treck doch man weiter," fagte Kempen unwillig. Sofange fie unterwegs waren, hatte er in seiner Verschlossenheit immer dasselbe gefnurrt, weil ihm die Glocke der alten Lampe Sorge machte. Sein grauer Hut saß ihm wie ein Fez auf dem Kopfe und paßte nicht recht zu dem kurzen schwarzen Stock, der ihm etwas Schulmeisterliches gab.
Ja, das sagst Du so, Hermann," fiel der andere mit
1910
seiner holsteinischen( Bemütlichkeit ein und setzte ihm ausein ander, daß seine rechte Schulter durch den Strick bereits weich wie Ton geworden sei. Ganz unten auf dem Wagen lag eisernes Rüstzeug, dessen Schwere sich besonders fühlbar gemacht hatte. Plöglich fing Lorensen an zu blasen, denn die Papierdute ging in Flammen auf und erregte das Wohlgefallen einiger Jungen, von denen der eine lustig GroßFeuer" rief. Mergerlich, mit verbrannten Fingern, ließ er den Lichtstumpf zur Erde fallen und trat die Flamme aus. „ Das hast Du wieder mal gut gemacht! Guck doch nicht so viel nach den Mädels," brummte Kempen aufs neue und richtete die Venus wieder in die Höhe, die sich allmählich auf die Nase gelegt hatte. Hinten fielen Blechgefäße heraus, die mit einem Halloh von der hilfreichen Jugend aufgehoben wurden. Schon wollte man ohne Laterne weiterfahren, als fich drohend ein Schußmann nahte mit jenem berühmten Griff nach dem Taschenbuch, der den Schrecken aller Kutscher bildet. Kempen sette ihm ihr Bech auseinander und holte zugleich zehn Pfennig aus seinem Bortemonnaie hervor, die er Lorensen zu einem neuen Licht gab, denn dieser verfügte niemals über Geld, weil er leichtsinnig veranlagt war und daher dem stets nüchternen und sparsamen Hamburger die gemeinsame Staffe überlassen mußte. Hurtig hatte sich Lorensen den Strick von der Schulter gestreift und suchte mit den Augen nach einem geeigneten Laden, innerlich erbost über die Knickrigkeit des Freundes, denn gern würde er gesehen haben, daß er ein größeres Geldstück empfangen hätte, um rasch seinen Durst durch ein Glas Bier zu löschen, wie er es bei ähnlichen Gelegenheiten zu tun pflegte.
Ein halbwüchsiges Mädchen aus der Schar der Neugierigen erbot sich, ihm gefällig zu sein. Flugs legte sie ihr Paket auf den Wagen und eilte fort, um schon nach wenigen Minuten wieder zur Stelle zu sein. Aufgeweckt wie ein frühkluges Berliner Volkskind, hatte sie sich sofort eine durchsichtige Düte geben lassen und überreichte Lorensen die neue Laterne fig und fertig, die er nun bergnügt in Brand fezte, wobei er das hübsche, frische Gesicht der Kleinen mit den Augen des Künstlers betrachtete.
Du bist ja mal' n nettes Ding," fnurrte Kempen mit feiner höchsten Liebenswürdigkeit und musterte sie ebenfalls, aber mit reinerem Blick als der andere, der in jedem hübschen Gesicht nur das Modell sah und alles, was dazu gehörte. Wie heißt Du denn?" fügte er mit harmloser Neugierde hinzu und opferte ein zweites Streichhölzchen, um den Tabaksrest in seiner kurzen Holzpfeife zu entzünden.
„ Klara Munk," erwiderte sie und machte einen leichten Knids, was sich wie einstudiert ausnahm. Und als sie mit geschärftem Blick sofort erfaßt hatte, daß sie hier keine gewöhnlichen Arbeiter vor sich habe, sondern bessere Leute, die auf alle Fälle Bildung besaßen, ließ sie lächelnd die Frage los, ob sie dem„ Herrn" vielleicht die Lampe abnehmen und ein Stück Weges tragen dürfe. Sie würde es gern fun und habe Beit, wenn es nicht gar zu weit wäre. Etwas wie Bedauern sprach aus ihren Zügen darüber, daß diese beiden Männer noch spät am Abend sich so quälen müßten.
Laß fie, Hermann, fie bringt uns Glüd," sagte Lorensen lachend und spannte sich wieder an die Deichsel. Man jut, daß uns keen altes Weib über'n Wej jeloofen is." Manchmal suchte er etwas darin, die Sprechweise des niederen Berliners anzuwenden, was sich in seinem singenden Tonfall sehr merkwürdig anhörte.
Pfui, wie gewöhnlich spricht der," dachte die Kleine und wurde schwankend in ihrer besserer Meinung. Erst Kempen , der in gut gewähltem Hochdeutsch dankend die Begleitung annahm und ihr die Bampe reichte, stimmte sie wieder um. So bogen denn alle drer links um die Ecke, dem stilleren Teil der Stegliger Straße zu, der in der Nähe der Eisenbahn liegt. Es war nicht mehr weit bis an ihr Ziel; schon nach fünf Minuten machten sie vor einem Durchschnittshause Halt, das aus älterer Zeit stammte und weder Balkon noch Erker zeigte. Da es bereits auf zein ging, so griffen sie kräftig zu, um ihr Eigentum in das v'erte Stockwerk hinaufzutragen, wo sie bei einer Witwe ein großes zweifenstriges Zimmer gemietet hatten. In dem breiten, ausgefahrenen Torweg standen Bewohner des Hinterhauses, die von der Abendluft noch nippen wollten. Lorensen nahm die Venus vom Wagen, drängte sich