Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 212. Sonnabend den 29. Oktober. 1910 (Nachdruck verbstm.) »1 Mas Ltt Ruhm? Roman von Max Kletzen So standen die Dinge, als die Freunde sich genötigt sahen, ihre Wohnung in der Nähe des Schiffbauerdammes aufzugeben, nachdem ihr dortiger Wirt, ein Kellner, erklärt hatte, die„Schweinerei" nicht mehr ertragen zu können. Loreusen war allerdings in der Ausnutzung des Hofziinmcrs in letzter Zeit ein wenig zu weit gegangen. Eines Sonntags, in den Ferien, während Kempen im Zoologischen Garten weilte, um Löwenstudien zu treiben, hatte er sich ein bekanntes weibliches Modell der Akademie kommen lassen und ungeniert seine„Eva in Scham erglüht" lebensgroß zu modellieren be- gonnen. Das war der Ehehälfte des biederen Servietten- sckwenkers zu viel, da sie sich obendrein in ihren Reizen zu- riickgcsetzt fühlte. Sie schlug Lärni bei ihrem Manne, und die Folge davon war, daß der zum Leben erweckte Ton wieder sein feuchtes Klumpendasein führen durfte und die Stuben- genossen nach einer gastlichen Stätte für ihren Ehrgeiz sich umsehen mußten. Da es bei Meister Walzniann nichts mehr zu tun gab, so machte Kempen den Vorschlag, die vierzehn Tage bis zum Umzug in der Heimat zu verbringen, wogegen Lorensen nichts einzuwenden hatte, schon aus praktischen Gründen, weil das Leben zu Hause nichts kostete. Frisch gestärkt, mit gebräunten Wangen, war man wieder zurückgekehrt, hatte sich einen Wagen geliehen und die kühne Fahrt nach dem Westen gemacht. 2. Gleich am Abend des zweiten Tages fanden sich sonder- bare Gestalten bei ihnen ein, um die neue Bude einweihen zu helfen. Als erster klopfte Schinarr an, ein kleiner verwach- sener Mann mit einem auffallend großen Kopf, der stets eine Satire bereit hatte, sobald der breite Mund mit den schlechten Zähnen sich öffnete.„Na, wollt Ihr Eure Ehe immer noch fortsetzen?" fragte er sogleich mit einer Anspielung auf die bereits sprichwörtlich gewordene Unzertrennlichkeit der beiden und reichte jedem von ihnen seine lange Pfote, die dürr und knochig aus dem zu kurzen Aermel ragte. Dieser von der Natur so stiefmütterlich behandelte Mensch, der fast häßlich wirkte, aber wunderschöne, große Augen hatte, suchte etwas darin, seiner 5ileidung einen kokett-künstlerischen Anstrich zu geben, was sich namentlich in den bunten, auffallend punktierten Selbstbindern zeigte, deren geschwungene Schleifen fchmetterlingsartig in riesiger Ausdehnung auf dem Rockkragen lagen.„Ich hörte doch irgendwo, Ihr wolltet Euch endlich scheiden lassen, weil Kempen Absichten auf seine alte Waschfrau habe. Junges Gemüse hat ihm ja nie geschmeckt." Um seine Witze anzubringen, erdichtete er immer das Hörensagen. Kempen brummte nach seiner Gewohnheit, Lorcnsen jedoch lachte hell auf, angesteckt von der Lustigkeit, die dieser Spötter immer hereinbrachte, dessen eigentlich tiefes Gemüt in köstlichen Kindergruppen zum Ausdruck kam. die sozusagen seine Spezialität waren. Seine Doppelbüste „Singende Knaben" hatte ihm ein Studienjahr nach Rom eingetragen, von dem er noch immer wie ein Weltrcisender zehrte. Dreimal war diese Gruppe von ihm verkauft worden, was mit einem gewissen Zunftstolz von seinen Freunden er- zählt wurde. Maler Blankert, dünn und hoch aufgeschossen, um- schlottert von seinem ewigen Pelerinenmantcl, für den, weil er viel zu kurz und zu eng war, Lorensen die Bezeichnung „Talentwindel" erfunden hatte, meldete sich zugleich mit dem beweglichen, unverwüstlichen Musiker Nuschke, der, kaum die Tür hinter sich, einen täuschend ähnlichen Trompetentusch hervorbrachte und- dann seine Gelenkigkeit bewies, indem er mit dem rechten Bein über eine Stuhllehne setzte. Ein so- genanntes verrücktes Huhn, besaß er die Gabe, die der- schiedensten Instrumente nachzuahmen, was namentlich zwerchfellerschütternd, wirkte, wenn er die Klarinette dudelte. Bade wurden' mit einem Hallo empfangen.„Ja, Kinder, habt Ihr immer noch kein Klavier?" fragte Nuschk« sofort, was er jedesmal tat, sobald er die Bildhauer besuchte, „Das wird ja bald strafwürdig von Euch. Pfui Teufel, seid Ihr unmusikalische Menschen. Ihr geht in kein Konzert, in keine Oper, und wenn ich Euch dann mal ein bißchen Schlifß durch meine neueste Komposition beibringen will, dann ver- langt Ihr, ich soll die Suppe bei Euch blasen: und die gibt'H nicht mall Schmarr, ist das'ne Gesellschaft, was? Gips- bolzen sind's. Ton kennen sie, aber an Gefühl für Töne mangelt's" Und während der Verwachsene wieherte vor Wonne, prüfte Nuschke der stets patent gekleidet ging, vorsichtig die Stühle auf ihre Reinlichkeit, denn wiederholt war es vor- gekommen, daß er aus der früheren Bude der beiden sichtbare Zeichen ihres Kunstmaterials mit davongetragen hatte. „Sag mal, wo schindest Du denn jetzt fremde Schlaf- stellen?" fragte Blankert den kleinen Bildhauer, von denl alle wußten, daß er, da er kein rechtes Heim hatte, in den Ateliers der Jungen herumnassauerte, wo er bald hier, bald dort etwas modellierte, das er dann zu verkaufen versuchte. „Ich habe mir ein paar Sohlen abgelaufen, um Dich zu suchen." Schmarr blickte gewohnheitsmäßig in schiefer Richtung zu dem Langen empor.„Wieso, wolltest Du mich an» pumpen?" gab er ruhig zurück, sicher der Wirkung seine? Worte. Im Innern von Trauer erfüllt über seine Lage, stimmte es ihn stets ärgerlich, sobald man ihn zu offen daran erinnerte.„Ich kann solch einem unsicheren Kantonisten un- möglich längeren Kredit gewähren," fuhr er durchaus ernst unter dem Heitcrkeitsausbruch der übrigen fort.„Ich würde um meinen ganzen Ruf kommen... Du malst ja schon seit zwei Jahren an Deiner Auferweckung des Lazarus. Sämt- liche Toten werden inzwischen lebendig, darunter die zwölf Droschkenkutscher, die als Modell unter Deinem Pinsel gc- storben sind." Nun konnte er nicht mehr an sich halten, und so schüttelte er sich förmlich vor Lachen. Der Maler stimmte vergnügt mit ein, denn trotzdem sich die beiden zeitweilig auf diese Art rieben, waren sie sich doch sehr zugetan, und man sah sie oft brüderlich vereint in den Straßen wandern, was sich sehr komisch ausnahm, wenn der Kleine den Langen untergehakt hatte und von diesem fast mit fortgeschleift wurde. Blankert legte seinen fadenscheinigen Dallesmantel ab(diese zweite Bezeichnung dafür hatte Nuschke erfunden) und faltete ihn mit einer Sorgfalt zusammen, als hätte er teuren Samt zu behandeln. Dabei sagte er wieder in seiner geschraubten Sprechweise, die ihm etwas Ueberlegenes geben sollte:„Nein, nein, diesmal irrst Du Dich, mein Kleiner. Ich habe da einen Böotier in petto, dem ich furchtbar viel von Dir vorgeschwafelt habe, was natürlich angesichts Deiner soeben erwiesenen Be» Handlung gegen mich unverantwortlich von mir ist. Ja." Er machte eine Kunstpause.„Unter anderem log ich ihm auch vor. Du könntest vortrefflich Kindsköpfe porträtähnlich machen, auch die blödsinnigsten." Schmarr, der darin nur verstecktes Lob sah, lachte laut- los in sich hinein, so daß man die Erschütterung an seinem ganzen Körper merkte. „Und siehst Du," sprach Blankert nun mit Gönnermiene weiter,„so ist es mir denn glücklich gelungen, sein Interesse für Dich zu erwecken. Unverdientermaßen für Dich. Jawohl. jawohl! Blök doch nicht! Dein Gebiet ist doch nur das Genre.... Aber es gäbe einen niedlichen Auftrag. Drei- hundert Mark will er anlegen. Vorläufig Gips, vielleicht schwingt er sich später mal zu Marmor auf. Er versteht sich darauf, weißt Du, denn es ist ein sehr kunstliebender Herr. Früher hat er ein Milchgeschäft, jetzt ist er Hansbesitzer. Mein Gönner nämlich, dem ich die Miete für meinen Tauben- schlag, Atelier genannt, schuldig bleibe. Ein Vierteljahr habe ich bereits abgemalt, indem ich seine ehrenwerte Gattin porträtierte. Zur völligen Zufriedenheit, weißt Du. denn aus dem dreifachen Kinn machte ich ein durchaus natürliches, ohne jede Aufregung. Ja. So strahlt sie nun als ihre jüngere Schwester über dem Sofa. Die Aehnlichkeit ist ein- fach herzbrechend." Nusckke konnte nickst mehr lacken. Er ging im Zimmer umher und schlug sich mit den Händen fortwährend auf die
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27 (29.10.1910) 212
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